Politik : Tiger an der Donau

Mit drastischen Reformen lockte die Slowakei ausländisches Kapital an – doch das Land bleibt gespalten

Alexander Kurtansky

Die Slowakei ist jung – sie wurde erst am 1. Januar 1993 gegründet. Jung und leider manchmal auch verwechselbar. Als Slowake erlebt man schon einmal die unangenehme Überraschung, dass das eigene Land dem ehemaligen Jugoslawien zugerechnet wird oder gleich die falsche Hauptstadt verpasst bekommt. Den Satz „Die Slowakei, nicht Slowenien und Bratislava, nicht Prag" kennt jeder Slowake auswendig.

In Wahrheit reicht die Geschichte unseres jungen Landes aber viel weiter in die Vergangenheit zurück als bloß in das Jahr 1993. Die westlichen Gebiete der jetzigen Slowakei werden schon in den Memoiren des römischen Kaisers Marcus Aurelius beschrieben, und noch heute kann man in der Stadt Trencin eine Inschrift der römischen Legionen auf dem Burgfelsen besichtigen.

Die vielen Burgen sind Zeugen der slowakischen Geschichte. Sie wurden schon in den Tatarenkriegen erbaut, und ihre strategische Lage wurde später auch zur Verteidigung gegen das Osmanische Reich genutzt. Im Unterschied zu vielen anderen mitteleuropäischen Ländern wurden die meisten Festungen in der Slowakei nicht irgendwann zu Schlössern umgebaut, sondern von ihren Bewohnern wieder verlassen. Der beste Beispiel ist die größte Burg Mitteleuropas – Spišský hrad, die Zipser Burg.

Die romantischen Ruinen der alten Burgen sind aber nur eine der vielen Sehenswürdigkeiten der Slowakei. Die Hohe und Niedere Tatra vorzustellen, dürfte bereits überflüssig sein. Sie sind vor allem den Touristen aus den neuen Bundesländern ein Begriff.

Auf einmal Musterschüler

Seit ihrer Staatsgründung ist die Slowakei mit der Europäischen Union verbunden. Nachdem die Slowakei in den ersten Jahren der Unabhängigkeit als Problemkind in der europäischen Familie galt, ist es dem Land seit Ende 1998 gelungen, alle Kriterien für die begehrte Einladung in die Europäische Union in Rekordzeit zu erfüllen. Plötzlich zum Musterschüler gewandelt, schaffte es die Slowakei, viele wichtige, vor allem deutsche Investoren ins Land zu holen. Beispielhaft ist der Erfolg der Region der westlichen Slowakei, wo der Lebensstandard in der Metropole Bratislava mittlerweile EU-Durchschnitt erreicht hat. Für die jüngste unter den Hauptstädten der zehn Beitrittsländer ist der Aufschwung aber nicht nur ein Grund, den Blick stur nach vorne zu richten. Die Geschichte kommt im heutigen Bratislava durchaus auch zu ihrem Recht. Auf den Straßen fühlt man wieder das kosmopolitische Flair der ehemaligen Haupt- und Krönungsstadt, wo früher fast jeder Einwohner deutsch, slowakisch und ungarisch sprach. Im Pressburger Dom wurde auch die berühmte Kaiserin Maria Theresia zur ungarischen Königin gekrönt. Sie war es auch, die die Stadt zur Schönheit an der Donau erklärte.

Schade nur, dass viele Touristen nur ein paar Stündchen in einem der Cafés von Bratislava verschnaufen, bevor es dann auf der Donau Richtung Wien oder Budapest weitergeht. Dabei hat gerade der alte Teil der slowakischen Hauptstadt unzählige Paläste, Museen und Galerien zu bieten.

Doch es gibt nichts zu verklären. Heute dreht sich die Sorge Nummer eins vieler Slowaken um die Frage: Wie finde ich einen gut bezahlten Job? Unser Land ist bei allem Wandel voller Unterschiede geblieben. Die malerischen Gebiete im Osten verbergen eine enorme Arbeitslosigkeit. Der wichtigste Grund für die Teilung des Landes in den reichen Westen und den arbeitslosen Osten ist die fehlende Infrastruktur. Auch aus diesem Grund schauen immer noch viele Slowaken zuversichtlich auf die EU-Erweiterung. Ausländische Investoren und die Brüsseler Strukturfonds – mit diesem Begriffspaar verbindet sich die Hoffnung vieler meiner Landsleute.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Die Slowakei wartet nicht mit ausgestreckter Hand auf Brüssel. Schließlich sind es auch die mutigen, manchmal auch drastischen Reformen, die die Bedingungen für die Investoren aus dem Ausland überhaupt erst geschaffen haben. In europäischen Wirtschaftskreisen ist schon vom „slowakischen Tiger an der Donau“ die Rede. Die Slowakei ist bereits jetzt der dichteste Automobilindustrie-Standort der Welt.

Treibende Kraft in dieser Branche ist der deutsche Konzern VW. Nach den Wolfsburgern sind die Franzosen mit Peugeot-Citroen und die Koreaner mit Hyundai gekommen. Und dann werden auch Porsche-Teile in der Slowakei produziert. Es muss schon etwas dran sein an uns, wenn uns die Deutschen eines ihrer Kronjuwelen anvertrauen.

Alexander Kurtansky arbeitet in Berlin als Korrespondent des Slowakischen Rundfunks (Radio Slowakei).

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