Tor-Diebstahl in der KZ-Gedenkstätte Dachau : "Eine infame Attacke"

Die Täter kamen in der Nacht und stahlen das Eingangstor der Gedenkstätte in Dachau mit der Nazi-Aufschrift "Arbeit macht frei". Holocaust-Überlebende sind entsetzt. Nun wird in alle Richtungen ermittelt.

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Entscheidendes fehlt: Das Eingangstor zur Gedenkstätte Dachau ist gestohlen worden.
Entscheidendes fehlt: Das Eingangstor zur Gedenkstätte Dachau ist gestohlen worden.Foto: dpa

Einige Jugendgruppen besuchen an diesem strahlenden Montagvormittag die KZ-Gedenkstätte Dachau bei München. Man hört italienische und französische Sätze. Alles wie immer. So scheint es. Doch es fehlt etwas ganz Entscheidendes auf dem Gelände, dort, wo die Nazis schon von 1933 an das berüchtigte Konzentrationslager Dachau errichtet hatten: Das Eingangstor ist weg, über dem die ebenso bekannte wie menschenverachtende Inschrift "Arbeit macht frei" angebracht war. Unbekannte haben die schmiedeeiserne, zwei Meter hohe und einen Meter breite Tür gestohlen.

Bayerns Kulturminister Ludwig Spaenle (CSU) ist sofort nach Dachau geeilt, informiert sich und gibt vor dem fehlenden Tor gemeinsam mit Gedenkstättenleiterin Gabriele Hammermann eine Pressekonferenz. Er spricht von einer "infamen Attacke auf das geistige Herz der KZ-Gedenkstätte" und einer möglichen "ideologischen Aufgeladenheit der Täter". Hammermann sagt, der Diebstahl "trifft den Ort ins Mark". Es sei der "schwerste Angriff gegen die KZ-Gedenkstätte".

Durch dieses Tor mussten die Lagerhäftlinge jeden Morgen hinaus zur Zwangsarbeit gehen, durch dieses Tor kehrten sie am Abend wieder zu den Baracken zurück. "Arbeit macht frei" – kaum ein anderer Begriff verdeutlicht das verbrecherische Denken und Handeln der Nazis so sehr wie dieser.

Am Samstag stand die Tür mit der Aufschrift "Arbeit macht frei" noch an ihrem Platz.
Am Samstag stand die Tür mit der Aufschrift "Arbeit macht frei" noch an ihrem Platz.Foto: AFP

Die Täter sind bisher unbekannt. Thomas Rauscher von der Polizeidienststelle Dachau berichtet, dass "erste Hinweise eingelaufen" seien. Mehr will er aus ermittlungstaktischen Gründen nicht sagen. Die Täter sollen nicht wissen, wie viel die Polizei weiß. Die Bevölkerung ist aber aufgerufen, sachdienliche Hinweise zu geben.
Auf jeden Fall sind die Diebe am Sonntag irgendwann zwischen Mitternacht und fünf Uhr morgens professionell vorgegangen.

Um an das Tor zu gelangen, musste ein zwei Meter hohes Metallgitter überstiegen werden, das die Anlage verschließt. Das Tor wurde dann ausgehebelt. Wie schwer es ist, weiß man nicht, aber es war "sicher nicht sehr leicht", wie der Kriminalbeamte Rauscher sagt. Die Diebe haben wohl das Tor zum Gitter getragen, dann darüber gehoben - und es schließlich mit einem Fahrzeug abtransportiert haben.

Der Diebstahl entsetzt auch Holocaust-Überlebende wie den 94-jährigen Max Mannheimer. Dieser hat sich über Jahrzehnte für die Gedenkstätte eingesetzt und begleitete etwa Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bei deren Besuch im Sommer 2013. Das KZ Dachau war eine Art Modell für die weiteren weitaus größeren Vernichtungslager im Osten gewesen. In Dachau waren mehr als 200 000 Menschen aus den verschiedensten Nationen interniert, 40 000 von ihnen sind dabei umgekommen.

Ein Streich von Jugendlichen? Sehr unwahrscheinlich

Wer stiehlt also ein solches Tor? Die Polizei ermittle in alle Richtungen, sagt Thomas Rauscher. Möglich ist, dass Neonazis am Werk waren. Im Hörfunk spekuliert eine Frau aus Dachau über einen "dummen Streich von Jugendlichen". Doch angesichts der professionellen Tatausführung gilt das als eher unwahrscheinlich. Oder der Diebstahl wurde von einem Sammler von NS-Devotionalien in Auftrag gegeben. 2009 war am ehemaligen Vernichtungslager Auschwitz in Polen ebenfalls der Schriftzug "Arbeit macht frei“ gestohlen worden. Als Drahtzieher konnte ein schwedischer Neonazi ermittelt werden.

Nun wird diskutiert, ob das Sicherheitskonzept für die Gedenkstätte geändert werden muss. Minister Spaenle verspricht eine "sorgfältige Analyse". Bisher gibt es nachts sechs bis sieben Patrouillengänge eines privaten Sicherheitsdienstes rund um die Anlage. Auch die Polizei habe "immer wieder ein Auge darauf", wie der Beamte Rauscher es beschreibt. Die Täter haben aber die Zeit genutzt, in der keine Patrouille da war.

Vor allem steht nun die Frage im Raum, ob die Anlage auch per Video überwacht werden sollte. Das wollte man bisher nicht. Viele Überlebende und deren Angehörige würden bis heute Dachau besuchen, sagt Gedenkstättenleiterin Gabriele Hammermann. Man habe vermeiden wollen, dass "gerade ein Ex-Konzentrationslager heute wie ein Hochsicherheitstrakt wirkt".

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