• Tschernobyl: Sarkophag mit Folgen - Das ukrainische Atomkraftwerk wird abgeschaltet, aber die Bedrohung bleibt (Kommentar)

Politik : Tschernobyl: Sarkophag mit Folgen - Das ukrainische Atomkraftwerk wird abgeschaltet, aber die Bedrohung bleibt (Kommentar)

Alexander S. Kekulé

Strahlender hätte die letzte Europa-Reise des amerikanischen Präsidenten nicht ausklingen können: Unter wolkenlosem Himmel, in der mit riesigen amerikanischen Flaggen übersäten ukrainischen Hauptstadt, glänzte die goldene Kuppel der San Sophia Kathedrale in der Sonne. Ein strahlender Bill Clinton rief den jubelnden Massen zu: "Die Unterdrücker sind fort - jetzt baut eine freie und wohlhabende Ukraine und gebt nicht auf zu kämpfen!"

Genau das - kämpfen - das werden die Ukrainer wohl noch eine ganze Weile tun müssen. Nur 130 Kilometer von Kiew entfernt strahlen in Block Nummer 4 des havarierten Reaktors von Tschernobyl immer noch 200 Tonnen geschmolzener Kernbrennstoff vor sich hin. Der "Sarkophag" aus Beton, der den Austritt von Radioaktivität verhindern soll, ist bereits brüchig und muss dringend erneuert werden. Block 2 musste 1991 nach einem Feuer abgeschaltet werden, Block 1 wurde fünf Jahre später außer Betrieb genommen. Der letzte verbleibende Block Nummer 3 produziert weiterhin Strom, trotz der massiven internationalen Proteste.

Die Kosten des Sieges

Von Schönwetter kann hier also keine Rede sein: Durch die ständig austretende Wärme ist der Atomsarg meist gespenstisch in Nebel gehüllt. Am Montag hat der ukrainische Präsident Kutschma dem Staatsgast die komplette Abschaltung des Tschernobyl-Reaktors zum 15. Dezember versprochen - nach mehr als einem Jahrzehnt beharrlicher Weigerung. Clinton, der dafür eigens aus Moskau zur Kurzvisite eingeflogen war, feierte das Abschiedsgeschenk vor der fotogenen Kulisse als "historische Entscheidung". Das scheinbare Präsent ist jedoch in Wirklichkeit ein geschickt kalkulierter Schachzug - und hat einen hohen Preis.

Offiziell hat Clinton den vergleichsweise geringen Betrag von 78 Millionen Dollar für die Erneuerung des "Sarkophags" zugesagt, der insgesamt 750 Millionen Dollar kosten wird. Doch auch damit ist es nicht getan: Um den gefährlichen Atomschrott die nächsten Jahrhunderte zu sichern, muss für mehrere hundert Millionen Dollar eine Anlage mit Dekontaminations- und Überwachungsgeräten und eigenem Kraftwerk gebaut werden. Die G7-Länder, die bisher 400 Millionen Dollar eingesammelt haben, wollen im Juli auf einer Geberkonferenz in Berlin noch einmal überlegen, wo der Rest herkommen soll.

Die Ukraine steckt bereits heute, mit Tschernobyl am Netz, in einer schweren Energiekrise. Im Acht-Stunden-Takt wird in abwechselnden Regionen der Strom abgeschaltet, von der Industrie kassiert die korrupte Energiewirtschaft saftige Schmiergelder. Kutschma strebt deshalb für sein Land, das bereits jetzt der drittgrößte Auslandshilfe-Empfänger der USA ist, eine Gegenleistung von ganz anderer Dimension an: Die Fertigstellung zweier neuer Atomkraftwerke sowjetischer, technisch veralteter Bauart - zum Preis von 1,2 Milliarden Dollar.

Kutschma macht Druck

Ein Darlehen zur Finanzierung des wahnwitzigen Vorhabens wurde von den G7-Staaten bereits 1995 zugesagt, über die Konditionen wird seitdem gestritten. Mit seiner Geste setzt Kutschma die G7 unter Druck. Die stehen auf der Konferenz im Juli in Okinawa vor einer schweren Entscheidung: Verweigern sie das Darlehen, steigt die Abhängigkeit der Ukraine von Gas und Kohle aus Russland. Möglicherweise hilft Putin, der gerne die "gemeinsamen Wurzeln" der beiden Länder betont, sogar bei der Fertigstellung der Kernkraftwerke.

Wenn die G7 nachgeben, droht ein nuklearer Domino-Effekt: Vierzehn hoch gefährliche Graphit-Reaktoren vom Tschernobyl-Typ sind in den ehemaligen Sowjet-Staaten noch in Betrieb, die meisten noch weniger entbehrlich als Tschernobyl. Diese Bauart, die wegen der Möglichkeit zur Produktion von Bomben-Plutonium beliebt war, gerät bei Überhitzung besonders schnell außer Kontrolle. 1986 wurden nach der Katastrophe von Tschernobyl von der Sowjet-Partei 100 000 ahnungslose "Liquidatoren" zum Aufräumen rekrutiert - fast alle erlitten schwere Strahlenschäden, Zehntausende starben.

Wenn es heute erneut zu einem Super-GAU käme, dürfte es schwer fallen, unter den inzwischen mehrheitlich an "Radiophobie" leidenden Ex-Sowjetbürgern Freiwillige zu finden. Aber auch ohne GAU weiß niemand genau, wie abgeschaltete Kernkraftwerke zu entsorgen sind. Da der Bau von Kernkraftwerken weltweit stagniert, wird die Atomtechnik kaum weiter entwickelt. Im schottischen Dounreay wird gerade zum ersten Mal in Europa für 740 Millionen Dollar ein Atomkraftwerk abgerissen, nachdem der nahe gelegene Strand auf unbekanntem Wege radioaktiv verseucht wurde. Voraussichtliche Dauer des ehrgeizigen Projektes: 100 Jahre.

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