Politik : Türkei hebt Visumzwang für Jemen auf

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Istanbul - Mit mehr als 60 Staaten hat die Türkei bisher den Visumzwang im Reiseverkehr aufgehoben. Nun kommt der Jemen hinzu: Bei einem Besuch in der Hauptstadt Sana kündigte Präsident Abdullah Gül am Dienstag den Beginn des visafreien Reiseverkehrs zwischen beiden Ländern an. Angesichts der Al-Qaida-Aktivitäten im Jemen dürfte dies in westlichen Hauptstädten aufmerksam registriert werden. Auch mit Syrien, dem Iran und dem Sudan hat die Türkei den visafreien Reiseverkehr eingeführt. Gleichzeitig bemüht sich Ankara um Visa-Erleichterungen mit der EU. Aus türkischer Sicht ist das kein Widerspruch.

Hinter der Visa-Initiative Ankaras stehen vor allem wirtschaftliche Interessen. Dass sich das Exportvolumen der Türkei zwischen 2003 und 2010 auf fast 114 Milliarden Dollar mehr als verdoppelt hat, hängt nicht zuletzt mit der verbesserten Reisefreiheit für türkische Unternehmer zusammen. Gül betonte, die Türkei wolle ihre Wirtschaftsbeziehungen mit dem Jemen ausbauen. Probleme mit den USA oder der EU erwarten die Türken nicht. Da die Türkei bereits mit dem Iran und Syrien die Visa abgeschafft habe, falle Jemen nun auch nicht mehr sehr ins Gewicht, hieß es bei Diplomaten in Ankara.

Die Aufhebung des Visumzwangs mit immer mehr Staaten ist aus türkischer Sicht auch Ausdruck des zunehmenden politischen Gewichts des Landes. Allerdings könnte die Türkei in einen Interessenskonflikt geraten: Ankara möchte auch die Europäer zu einer Aufhebung des Visumzwangs bewegen – müsste dafür aber die Visumfreiheit mit Ländern wie dem Jemen oder Syrien wieder beenden.

Sorgen machen sich türkische Politiker deshalb aber nicht, sagen Diplomaten. Denn von der EU kann die Türkei in absehbarer Zeit nur Visa-Erleichterungen erwarten, aber keine völlige Aufhebung des Visumzwangs. Deshalb muss Ankara vorerst keine Rücksicht auf die EU nehmen und kann weiter versuchen, mit Visa-Initiativen neue Märkte zu erschließen und Prestige zu gewinnen. Als Präsident eines Landes, das sich selbst als aufstrebende Regionalmacht sieht, sicherte Gül der jemenitischen Regierung Unterstützung im Kampf gegen Al Qaida zu. Jemen sei wichtig für die Stabilität der Arabischen Halbinsel, sagte er. Susanne Güsten

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