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Türkischer Botschafter zu Rechtsterrorismus : "Die Morde haben ein tiefes Trauma hinterlassen"

14.11.2012 10:14 Uhrvon
Der türkische Botschafter Hüseyin Avni Karslioglu und der Präsident des Bundeskriminalamts, Jörg Ziercke (r),  bei der BKA-Herbsttagung in Wiesbaden.Bild vergrößern
Der türkische Botschafter Hüseyin Avni Karslioglu und der Präsident des Bundeskriminalamts, Jörg Ziercke (r), bei der BKA-Herbsttagung in Wiesbaden. - Foto: dpa

Der türkische Botschafter in Berlin, Hüseyin Avni Karslioglu, hat eine zunehmende Traumatisierung seiner Landsleute in der Bundesrepublik beklagt. Hass und Gewalttaten „haben die türkische Gemeinde in Deutschland tiefgreifend verunsichert“.

Es erscheine den Türken „schier unbegreiflich, dass sie gehasst werden, weil sie Türken sind“, sagte er am Mittwoch in Wiesbaden vor zahlreichen Sicherheitsexperten bei der jährlichen Herbsttagung des Bundeskriminalamts, die sich diesmal mit der Bekämpfung des Rechtsextremismus befasst. Und noch stärker hätten die vielen Pannen der Sicherheitsbehörden im Fall der Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ die türkische Gemeinde verstört.

Karslioglu sprach von drei Phasen rechtsextremer Angriffe auf türkischstämmige Menschen in Deutschland.

In den 1980er Jahren seien bei Angriffen von Skinheads, unter anderem in Hamburg, erstmals Türken getötet worden. „Das war die erste Phase der Traumatisierungsereignisse“, sagte der Botschafter. Doch der lebensbedrohliche Hass sei damals von vielen Deutschen als Einzeltaten abgetan und die „volle Dimension“ nicht erkannt worden.

Als zweite Phase nannte Karslioglu die rassistischen Ausschreitungen und Morde im Jahrzehnt nach der Wiedervereinigung. Nach den Krawallen in Hoyerswerda und Rostock sowie angesichts der Brandanschläge in Mölln und Solingen – in den beiden Städten starben acht türkische Frauen und Mädchen – hätten viele Türken daran gedacht, in die Türkei zurückzukehren. Obwohl zahlreiche Deutsche bei den Lichterketten Solidarität mit den Migranten bekundeten, „haben die Morde im kollektiven Gedächtnis der türkischen Gemeinde ein tiefes Trauma hinterlassen“, sagte der Botschafter.

Aus seiner Sicht begann im Jahr 2000, als der NSU den ersten Türken ermordete, die dritte Phase – „mit einer neuen Dimension des Rechtsterrorismus“. Die Terrorgruppe tötete insgesamt acht türkischstämmige Migranten, außerdem wurden bei einem Sprengstoffanschlag vor einem türkischen Friseursalon in Köln 22 Menschen verletzt. Die Existenz des NSU stelle für seine Landsleute „eine weitere Zäsur und ein kollektives Trauma“ dar, sagte Karslioglu. Die Türken habe entsetzt, dass nach 50-jährigem Zusammenleben mit Deutschen „der Hass auf Nicht-Deutsche eine solche, unbegreifliche Dimension angenommen hat“.

Karslioglu mahnte Politik und Behörden, die Türken in Deutschland erwarteten im Fall NSU eine „vollständige Aufklärung“. Das Vertrauen in den deutschen Staat sei erschüttert. Von besonderer Bedeutung für die türkische Gemeinde ist laut Karslioglu zudem eine Verurteilung der jetzt von der Bundesanwaltschaft angeklagten mutmaßlichen NSU-Täter und Helfer. Erst danach würden sich die Türken in Deutschland wieder sicher fühlen können. Und der Botschafter forderte eindringlich, „es darf keine vierte Phase des Rechtsextremismus in Deutschland geben“. Um sie zu verhindern, müssten die „Entscheidungsträger“ in Staat und Gesellschaft bedenken, dass unbedachte Äußerungen über Migranten „von gewaltbereiten Randgruppen missbraucht werden können“. Notwendig sei „eine neue Sprache, die vereint und nicht trennt“.

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