TV-Debatte der Demokraten : Hillary Clinton und der Revolutionär aus Vermont

Kampfbegriffe aus der Arbeiterklasse: Bernie Sanders treibt den Wahlkampf um die Präsidentschaftskandidatur nach links. Mit Hillary Clinton dominierte er in der Nacht die erste TV-Debatte der Demokraten.

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Entspannungspolitik: Als Bernie Sanders ihr in der E-Mail-Affäre zur Seite sprang, bedankte sich Hillary Clinton per Handschlag.
Entspannungspolitik: Als Bernie Sanders ihr in der E-Mail-Affäre zur Seite sprang, bedankte sich Hillary Clinton per Handschlag.Foto: Joe Raedle/AFP

Bernie Sanders, der Mann mit den zottelig weißen Haaren und dem Fingerzeig eines besserwisserischen Professors will Präsident der Vereinigten Staaten werden. Dafür steht er am Dienstagabend leicht gebeugt auf einer Bühne in Las Vegas neben Hillary Clinton. Er drängt ins Oval Office, daran lässt Sanders heute keinen Zweifel, um die Macht der Banken zu brechen, die „der Millionäre und der Milliardäre“.

Und was ist sein Rezept? „Der einzige Weg, wie wir Amerika wirklich verändern, ist mit einer politischen Revolution.“ In seiner nuscheligen Sprechweise fordert er „Millionen Menschen“ auf, sie sollten „zusammenkommen, aufstehen und sagen, dass die Regierung für uns alle da ist“. Und das vor einem Millionenpublikum auf „CNN“, da war sie schon seine Revolution.

Bei der ersten TV-Debatte der demokratischen Präsidentschaftskandidaten beschimpfte der Senator aus Vermont die amerikanische Wirtschaftswelt. Er verdammte die „korrupte Wahlkampffinanzierung“, die durch „Millionäre und Milliardäre“ gesteuert werde. Er versprach, die Regierung „aus den Händen der Milliardäre“ zu nehmen. Er geißelte die „Wall Street“, den Inbegriff des amerikanischen Finanzkapitalismus, als „geizig und rücksichtlos“, als den Ort, „wo Betrug ein Geschäftsmodell ist“.

Bestenfalls auf einer US-amerikanischen Gewerkschaftsversammlung sind solche Töne sonst zu hören. Aber nicht in einer Runde von fünf Berufspolitikern, die es zusammen auf eine Außenministerin, einen Navy-Vize im Verteidigungsministerium, auf zwei Gouverneure, zwei Bürgermeister und eine ganze Reihe von Senats- und Repräsentantenhausmandaten bringen.

In der Sendung „Meet the press“, eines der relevantesten Fernseh-Politikmagazine, hatte Moderator Chuck Todd Bernie Sanders schon am Sonntag gefragt, ob er Kapitalist sei. „Nein, ich bin demokratischer Sozialist“, hatte Sanders geantwortet. „Warum Bernie Sanders nicht Präsident wird, in fünf Worten“, titelte daraus die „Washington Post“. Sozialismus hat in den USA keinen guten Klang. Und auch wenn er es am Dienstag so umformulierte, dass er kein Teil des „Casino-Kapitalismus“ sein wolle, Bernie Sanders wird nicht der nächste Präsident der Vereinigten Staaten sein. Aber er hat den demokratischen Wahlkampf weiter nach links getrieben, als man es sich in Amerika hätte vorstellen können.

Und die anderen drei? Randfiguren

Die beiden Plätze am äußeren Rand des Podiums hätte man am Dienstagabend auch unbesetzt lassen können. Von Jim Webb, dem früheren US-Senator aus Virginia und Ex-Navy-Vize, der gleich zu Beginn beim Namen seiner dritten Tochter (Julia) ins Stottern geriet, erfuhr man bestenfalls, dass er in Vietnam gedient hat. Und obwohl sich Webb mehrmals maulend beschwerte, dass er nicht zu Wort komme, schaffte es Lincoln Chafee, früherer Gouverneur von Rhode Island, noch weniger zu Wort zu kommen, wie die Statistik später zeigte.

Man wisse von Chafees und Webbs Bewerbung nur, weil es Kampagnenwebsites, Twitter-Accounts und Kommunikationsdirektoren auf deren Namen gebe, hatten amerikanische Medien vor der Debatte gelästert. Daran wird sich nach dem Dienstagabend nicht viel ändern.

"Die Wall Street kontrolliert den Kongress"

In der Mitte der Bühne aber warfen Bernie Sanders und Hillary Clinton mit den Kampfbegriffen der Arbeiterklasse um sich. Und mit ihnen wetteiferte Martin O‘Malley, Ex-Gouverneur von Maryland, der vor Sanders den progressiven Platz neben Clinton für sich beansprucht hatte. Clinton warnte vor dem „Schattenbankensystem“. Die Zerschlagung großer Banken reiche nicht aus. Sie versprach, ihre Regierung werde  „Verantwortliche ins Gefängnis schicken“ und den Aufsichtsgremium repressive Autorität verleihen.

„Der Kongress kontrolliert nicht die Wall Street, Wall Street kontrolliert den Kongress“, konterte Sanders, der die parolenhafte Sprache in seiner ersten politischen Karriere im Protest gegen den Vietnamkrieg gelernt hat. „Die Bankengesetze stehen zwischen uns“, postulierte O‘Malley in Richtung Clinton, um sich doch noch einen Platz links von ihr zu sichern, und griff nach der Formel von der „Rücksichtslosigkeit der Wall Street“. „Mein Plan ist umfassender und härter“, behauptete Clinton in Richtung Sanders. Der reagierte mit einem knappen „Nicht wahr.“ Wobei er einen wirklichen Plan jenseits der politischen Revolution auch nicht in Aussicht stellte.

Das Internet reagiert am eifrigsten auf Bernie Sanders

Jeweils ein Viertel der Redezeit entfielen am Dienstagabend auf Clinton und Sanders. Es wurde über die amerikanische Außenpolitik debattiert, über Edward Snowden, über Waffengesetze, Einwanderung und Rassismus. Bei den Waffengesetzen griffen die anderen Kandidaten Bernie Sanders an. Der hatte Mühe sein Abstimmungsverhalten gegen eine schärfere Inpflichtnahme der Waffenbranche zu verteidigen. Auch dass er nun einmal „aus einem ländlich geprägten Staat“ komme, ließ O‘Malley nicht gelten. Darüber hinaus hielt Sanders souverän seinen Posten als Linksaußen des Kandidatenfeldes.

Im Internet wurde am eifrigsten auf Sanders reagiert, Beobachter erklärten sowohl Clinton als auch Sanders zu den Gewinnern der Debatte.

Weder so emphatisch wie Barack Obama, noch so charmant wie Bill Clinton

Man vermisst bei Hillary Clinton die Emphase eines Barack Obama, sie bezirzt ihr Auditorium auch nicht wie Bill Clinton es immer tut. Aber das waren keine Ausschlusskriterien, um in der Wahlkampfdebatte zu siegen. Clinton hatte sich am Dienstagabend für eine einfache Formel entschieden: Sie hat nicht nur ihre Engagement, sondern auch die Fähigkeiten und die Erfahrung, diese in Politik umzusetzen. Gerade in der Debatte mit dem Revolutionär aus Vermont, könnte ihr das einen entscheidenden Vorteil sichern.

Mit 46 Prozent hatte Clinton in den Umfragen vor der Debatte vorne gelegen. 27 Prozent unterstützten bis dahin Sanders. Auch ohne Kandidatur zog Vize-Präsident Joe Biden immer noch 16 Prozent, Jim Webb lag bei gerade mal zwei Prozent. 59 Prozent der Demokraten allerdings meinen, Clinton würde am ehesten gegen einen Republikaner gewinnen. In Anbetracht dessen ist zum jetzigen Zeitpunkt Hillary Clinton noch immer die absolute Favoritin der Demokraten. Immer unter der Voraussetzung Vize-Präsident Joe Biden steht nicht zur Wahl. CNN hatte einen Platz für Biden reserviert. Er blieb am Dienstagabend leer.

Keine Lust mehr auf die "verdammten E-Mails"

Die beiden anwesenden Kontrahenten waren sich an einer Frage übrigens aus Herzen einig. Die Affäre ihrer Regierungskorrespondenz auf einem privaten Server sei ein Vertrauensproblem hatte Lincoln Chafee Clinton entgegengehalten. Wo doch schon der Irak-Krieg die Glaubwürdigkeit der Vereinigten Staaten beschädigt habe. Ob sie dem etwas erwidern wolle, frage Moderator Anderson Cooper die frühere Außenministerin. „Nein“, dankte Clinton schlicht. „Das amerikanische Volk ist müde“, ließ jedoch Sanders sich die Gelegenheit entgehen, ,Clinton anzugreifen, „von Ihren verdammten E-Mails zu hören“. Darauf einigten sich die beiden Kandidaten mit Handschlag und herzlich einander zugewandtem Lächeln.

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