Übergriffe : Experte: Kindesmissbrauch hat „Ausmaße einer Volkskrankheit“

Regierungsbeauftragter schlägt Alarm: Sexualisierte Gewalt gegen Kinder erreicht neue Ausmaße. Kritik am Asylpaket II.

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Der Missbrauchsbeauftragte Johannes-Wilhelm Rörig warnt auch vor Übergriffen in Unterkünften für Asylbewerber.
Der Missbrauchsbeauftragte Johannes-Wilhelm Rörig warnt auch vor Übergriffen in Unterkünften für Asylbewerber.Foto: Thilo Rückeis/TSP

Mehr als eine Million Kinder und Jugendliche in Deutschland sind Schätzungen zufolge Opfer sexualisierter Gewalt. „Weiten Teilen von Politik ist die riesige Dimension sexueller Gewalt an Kindern offenbar bis heute nicht bewusst“, sagte der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, bei der Vorstellung der von ihm in Auftrag gegebenen Expertise „Häufigkeitsangaben zum sexuellen Missbrauch“ am Montag in Berlin. Der Kindesmissbrauch habe inzwischen das Ausmaß einer Volkskrankheit erreicht, sagte der Ulmer Jugendpsychiater Jörg Fegert, der die Studie erstellte.

„Kultursensibles Personal“ für Flüchtlingsunterkünfte

Ein aktuelles Beispiel für die „Bagatellisierung des Problems“ durch die Politik ist für Rörig das Asylpaket II. In dem Gesetzentwurf, über den am Freitag im Bundestag abgestimmt wird, fehlen bisher Standards zur Verhinderung von Missbrauch und sexuellen Übergriffen in Flüchtlingsheimen, die laut einer EU-Richtlinie vorgeschrieben sind. Zu diesen Standards gehören unter anderem getrennte Toilettenanlagen und Duschräume sowie „kultursensibles Personal“.

Mehr Forschung und Aufarbeitung gefordert

Während diese Punkte in einem ersten Referentenentwurf noch enthalten waren, sind sie im Verlauf der Verhandlungen von SPD und CDU über das Asylpaket II herausgestrichen worden. Die EU-Kommission hat die Bundesregierung aufgefordert, die EU-Richtlinie einzuhalten, andernfalls werde ein Ordnungsgeldverfahren gegen die Bundesrepublik eingeleitet.

Die Koalition hatte auf die Umsetzung der EU-Asylverfahrens- und der Aufnahmerichtlinie zunächst verzichtet, weil sie dadurch „deutliche administrative Mehrbelastungen und Verfahrensverzögerungen“ bei der Registrierung und Unterbringung der Flüchtlinge befürchtet. Um Missbrauch besser bekämpfen zu können, sind nach Ansicht von Rörig mehr Forschung und Aufarbeitung sowie eine bessere Datenlage nötig.


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