Überraschende Nähe : Männerfreunde: Putin und Netanjahu

Man achtet und respektiert sich, ohne immer einer Meinung zu sein: Russlands Präsident Wladimir Putin und Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu verbindet eine Freundschaft. Überraschend: Vor allem wenn es um Syrien geht, stimmen sie sich eng ab.

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Hand drauf. Mehrfach haben sich Netanjahu (l.) und Putin in den vergangenen Monaten getroffen.
Hand drauf. Mehrfach haben sich Netanjahu (l.) und Putin in den vergangenen Monaten getroffen.Foto: dpa

Für Freundschaften ist in der Politik selten Platz. Persönliches kann, darf und soll unter Staats- und Regierungschefs keine Rolle spielen. Schließlich geht es um Macht, Einfluss und nationale Interessen. Doch Wertschätzung und Sympathie im Umgang miteinander können helfen, um einen gemeinsamen Kurs abzustecken und Konflikte zu vermeiden. Wladimir Putin und Benjamin Netanjahu scheint genau dies zu verbinden. Man achtet und respektiert sich, ohne immer einer Meinung zu sein. Mehrfach haben sich der russische Staatschef und der israelische Ministerpräsident in den vergangenen Monaten getroffen. Erst vor wenigen Tagen war Netanjahu wieder mal Gast in Moskau.

Dass Putin und Netanjahu gut miteinander können, kommt nicht von ungefähr. Der Russe und der Israeli haben ein ähnliches Verständnis von Politik. Im Vordergrund steht dabei zweierlei: die Erhaltung, wenn möglich der Ausbau eigener Macht. Und beide sehen sich gleichermaßen als einzige Bewahrer der Interessen ihres Landes. Dafür sind Putin wie Netanjahu bereit, vieles zu riskieren. Dass sie mit ihrem oft schroffen, unnachgiebigen Kurs Kopfschütteln, gar Empörung ernten, stört sie wenig. Sie sind von ihrer jeweiligen Mission überzeugt.

Historiker: Bibi laviert, Putin konzipiert

Doch es gibt nach Auffassung des Nahost-Experten Michael Wolffsohn auch erhebliche Unterschiede zwischen dem russischen Staatschef und dem israelischen Ministerpräsidenten, der in der Heimat oft „Bibi“ genannt wird. „Putin ist ein echter Stratege. Das sieht man an seinem Umgang mit der Krim und der Ukraine“, sagt der Historiker, der an der Universität der Bundeswehr in München lehrte. „Bei Netanjahu vermag eigentlich niemand eine in sich schlüssige Strategie zu erkennen. Er ist – anders als er gemeinhin wahrgenommen wird und im Gegensatz zu Putin – ein Zauderer.“ Netanjahu präsentiere sich als Kraftmeier, schlage aber tatsächlich selten zu. Den Linken in Israel sei der Premier zu rechts, den Rechten zu links, den Religiösen nicht religiös genug, den Säkularen zu religiös. „Bibi laviert, Putin konzipiert und agiert.“


Das hält beide nicht davon ab, sich eng abzusprechen, vor allem wenn es um Syrien geht. Für Israels Diplomaten und Offiziere sind Netanjahus häufige Besuche in Moskau daher keine Überraschung. „Wir stimmen uns permanent eng mit den Russen ab“, teilt das Außenministerium in Jerusalem mit. Und ein Sprecher der Armee erklärt: „Mit Blick auf russische Operationen in Syrien gibt es täglich einen Mechanismus der Deeskalation.“ Jeremy Issacharoff, in Israels Außenamt für Waffenkontrollen und Terrorismusbekämpfung zuständig, ergänzt: Man habe sofort zu Beginn des russischen Einsatzes im Bürgerkriegsland „auf höchster Ebene“ miteinander gesprochen. Konkret bedeutet das wohl: Was immer Moskaus Militärs in Syrien machen – die israelische Armee ist darüber informiert. Man respektiere die Russen insofern, sagt ein Diplomat, dass sie berechenbar und zuverlässig seien.

Beides ist in der Konfliktregion Naher Osten viel Wert. Netanjahu hatte nach dem jüngsten Treffen mit Putin gesagt, man wolle die Abstimmung noch verbessern, „damit Missgeschicke, Missverständnisse und unnötige Konfrontationen vermieden“ werden. Der Kremlchef unterstützt eigentlich die Regierung in Damaskus, hält also zumindest derzeit zu Baschar al Assad, langjähriger Staatschef und erklärter Feind Israels. Außerdem hilft Russland dem Iran. Das Land ist nicht erst, aber vor allem unter Netanjahu zum Hauptgegner des jüdischen Staats erklärt worden. Dennoch: Russland und Israel haben mehr gemeinsam, als auf den ersten Blick erscheinen mag und im Westen viele glauben. Einige Beobachter vermuten etwa, die Russen sähen ungern, wenn an Assad gelieferte Waffen bei der Hisbollah landeten. Die libanesische Schiitenmiliz drohte wiederholt, Israel anzugreifen. Dem Vernehmen nach hat es deshalb sogar Streit zwischen Damaskus und Moskau gegeben.

Antisemitismus ist kein Thema

Antisemitismus dagegen ist bei russisch-israelischen Konsultationen zumeist kein Thema. Beobachter im Westen und Kritiker in Russland selbst, werfen zwar Putin seit Jahren vor, homophobe und nationalistische Ressentiments zu fördern. Doch der Kremlchef und die Eliten des Landes gelten nicht als judenfeindlich. Zu Russlands jüdischen Gemeinden unterhält Putin enge Kontakte, die zwei Dachverbände besprechen sich oft mit der Regierung in Moskau. Erst vor kurzem hat Putin den Präsidenten des Jüdischen Weltkongresses empfangen: Der US-Amerikaner Ronald S. Lauder lobte Putin als Förderer des Judentums, der großes Interesse an Israel habe.

Kein Wunder. Nach dem Zerfall der Sowjetunion sind bis zu zwei Millionen Juden aus Russland, der Ukraine, Kasachstan, den Kaukasus-Republiken und dem Baltikum in Richtung jüdischer Staat ausgewandert. Diese Verbindung will Putin aufrechterhalten, und Netanjahu sieht in ihnen potenzielle Wähler.

Und noch etwas verbindet beide Staaten: Ihr Blick auf den Balkan. Im Westen ist fast unbekannt, dass Israel 1999 die Position Moskaus teilte. Damals ging es um den Kosovo. Nato-Truppen hatten die jugoslawische Restrepublik angegriffen, um den Aufstand der – meist muslimischen – Kosovo-Albaner zu unterstützen. Der inzwischen verstorbene Ariel Sharon war damals Israels Außenminister und sympathisierte wie Putin mit dem Belgrader Regierungschef Slobodan Milosevic. Alle drei sagten, dass mit der Hilfe für die Albaner die Gefahr religiösen Terrors wachse. Bis heute erkennt Israel das Kosovo nicht als Staat an. Wie Russland.

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