Ukraine-Krise : Vitali Klitschko: Putin ist krank

Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko warnt vor einer Eskalation des Ukraine-Konflikts: „Putin hat tatsächlich mit seiner Taktik geschafft, was ich nie für möglich gehalten hatte: dass jemand unsere beiden Brudervölker gegeneinander aufwiegeln kann.“

Hartmut Scherzer
Die Ukraine soll ein europäisches Land werden, sagt Klitschko. Foto: picture alliance / dpa
Die Ukraine soll ein europäisches Land werden, sagt Klitschko.Foto: picture alliance / dpa

Der ehemalige Box-Weltmeister und Bürgermeister von Kiew, Vitali Klitschko, befürchtet, dass das Verhalten des russischen Präsidenten Wladimir Putin zu einer weiteren Eskalation im Ukraine-Konflikt führen wird. „Putin ist krank“, sagte Klitschko dem Tagesspiegel am Sonntag. „Putin hat tatsächlich mit seiner Taktik geschafft, was ich nie für möglich gehalten hatte: Dass jemand unsere beiden Brudervölker gegeneinander aufwiegeln kann.“ Er wisse, wovon er rede, fügte der 43-Jährige hinzu, seine Mutter sei Russin. „Putin will eine neue Sowjetunion aufbauen und für dieses riesige Imperium braucht er die Ukraine“, sagte Klitschko, der im Dezember 2013 zur Galionsfigur der Massenproteste gegen das Regime des damaligen ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch avancierte.

"Das Bergen der Leichen war entsetzlich"

Vor einem Jahr trieb dessen Weigerung, das Assoziierungsabkommen mit der EU zu unterschreiben, hunderttausende Demonstranten in Kiew auf die Straße. Auf dem Maidan, dem zentralen Platz der Proteste, kam es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit den Sicherheitskräften, mehr als 100 Menschen kamen ums Leben. „Das Bergen der Leichen war entsetzlich“, sagte Klitschko und forderte, die Schuldigen zu bestrafen. „Wir kennen die Namen all derer, die den Befehl gaben, auf Menschen zu schießen. Aber sie haben sich alle in Russland versteckt und finanzieren nun den Krieg im Osten mit dem Geld, das sie der Ukraine gestohlen haben.“

Gemeinsam mit dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko bilde er „ein Team mit denselben Zielen und Visionen“, sagte Klitschko: „Die Ukraine soll ein demokratisch europäisches Land werden wie Belgien und Holland mit europäischen Lebensstandards und Werten.“ Als ehemaliger Außen- und Wirtschaftsminister sei Poroschenko ein international erfahrener Politiker. Klitschko schloss allerdings nicht aus, dass er selbst künftig als Präsident kandidieren könnte: „Um meine Vision zu realisieren, einmal Staatspräsident der Ukraine zu werden, muss ich erst den politischen Status erlangen.“

Gefangenenaustausch

Poroschenko begrüßte, wie das Präsidialamt mitteilte, am Sonnabend die am Vortag von prorussischen Separatisten freigelassenen Soldaten auf einem Militärflugplatz mit den Worten : „Als Präsident und als Bürger ist mein Herz voller Freude, dass Sie wie versprochen an Neujahr ihre Familien und Kampfgefährten treffen können.“ Nach zähen Verhandlungen in der weißrussischen Hauptstadt Minsk hatten sich die Führung in Kiew und die ostukrainischen Aufständischen am 24. Dezember auf einen Gefangenenaustausch geeinigt. Rund 370 Menschen wurden freigelassen.

Unklar blieb, ob es zu einem weiteren Treffen der sogenannten Kontaktgruppe kommt. Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), die gemeinsam mit Russland zwischen den Konfliktparteien vermittelt, rief zu einer Fortsetzung der Verhandlungen auf, um die im September vereinbarten Friedensschritte, wie etwa eine vereinbarte Waffenruhe, umzusetzen.

Lesen Sie das Interview mit Vitali Klitschko in der Tagesspiegel-Printausgabe am Sonntag oder ab 19.30 Uhr im E-Paper des Tagesspiegels.

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