Umfrage zum Israel-Bild : Viele Deutsche wollen Schlussstrich unter NS-Vergangenheit

Was halten die Deutschen von Israel? Laut einer Umfrage der Bertelsmann Stiftung nicht viel. Fast die Hälfte hat eine schlechte Meinung vom jüdischen Staat. Und der Wunsch nach einem Schlussstrich unter das Kapitel NS-Zeit ist groß.

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Während des Gazakrieges im Sommer gab es auf deutschen Straßen heftige Proteste gegen Israel.
Während des Gazakrieges im Sommer gab es auf deutschen Straßen heftige Proteste gegen Israel.Foto: imago

Der Nahostkonflikt prägt offenbar immer mehr das Israel-Bild der Deutschen. Lediglich 36 Prozent der Bundesbürger stehen dem jüdischen Staat positiv gegenüber – fast die Hälfte hat dagegen eine schlechte Meinung über Israel. Unter den 18- bis 29-Jährigen sind es sogar 54 Prozent. 50 Jahre nach Aufnahme diplomatischer Beziehungen bekommt auch die Regierung in Jerusalem ein schlechtes Zeugnis. 62 Prozent der Befragten bewerten die Arbeit von Benjamin Netanjahu und seine Ministern negativ.

Vergleich mit NS-Zeit

Auch der Antisemitismus mit Bezug zu Israel scheint zu wachsen. Während 2007 rund 30 Prozent der Deutschen die israelische Politik gegenüber den Palästinensern mit dem Nationalsozialismus gleichsetzten, waren es zuletzt bereits 35 Prozent.

Das geht aus einer Untersuchung der Bertelsmann Stiftung hervor, die jetzt veröffentlicht wurde. Für die Studie "Deutschland und Israel heute: Verbindende Vergangenheit, trennende Gegenwart?" wurden repräsentative Umfragen aus den Jahren 1991, 2007 und 2013 miteinander verglichen. Um zu prüfen, welche Auswirkungen der Gaza-Krieg im Sommer 2014 auf die Meinung der Deutschen hatte, wurden sieben Fragen im Oktober wiederholt.

Positive Meinung über die Bundesrepublik

Das eher negative Israel-Bild vieler Deutscher steht in einem deutlichen Gegensatz zum positiven Deutschland-Bild jüdischer Israelis. 68 Prozent der Befragten haben ein positives Bild von der heutigen Bundesrepublik, 1991 waren es nur 48 Prozent. Auch die Schlussfolgerungen, die in beiden Ländern aus der NS-Vergangenheit gezogen werden, unterscheiden sich erheblich. Während drei Viertel der Israelis es ablehnen, einen Schlussstrich unter die Judenverfolgung zu ziehen, fordern in Deutschland fast 60 Prozent, genau dies zu tun.

"Tendenz zur Entfremdung"

Nach Auffassung von Stephan Vopel, Israel-Experte bei der Bertelsmann-Stiftung, zeigt nicht nur dieses Beispiel, dass trotz aller positiven Entwicklungen in den Beziehungen eine gewisse "Tendenz zur Entfremdung" zu erkennen ist. Dies sei nicht zuletzt der völlig gegensätzlichen Lebens- und Erfahrungswelt geschuldet. Der Pazifismus der Deutschen, verdichtet in der Maxime "Nie wieder Krieg", treffe auf Israels Staatsräson "Nie wieder Opfer".

Vopel wünscht sich daher mehr Wissen über die besonderen Gegebenheiten und Herausforderungen, denen sich der jüdische Staat stellen muss. Denn die Studie macht auch deutlich: Die Diskrepanz zwischen der offiziellen deutschen Politik und den Einstellungen vieler Bundesbürger ist groß.

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