Brasilien-Tagebuch : Was der Wald wert ist

Unsere Politikredakteurin Dagmar Dehmer war eine Woche lang mit der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Brasilien unterwegs. In einem Online-Tagebuch schildert sie ihre Eindrücke aus dem lateinamerikanischen Land. In ihrer letzten Folge geht sie der Frage nach, ob es möglich ist, den Regenwald so wertvoll zu machen, dass er stehen bleibt.

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Eilson Santos ist einer von 24 Öko-Bauern in Itaracaré im brasilianischen Bundesstaat Bahia. Das Bild zeigt ihn bei der Kautschuk-Ernte.
Eilson Santos ist einer von 24 Öko-Bauern in Itaracaré im brasilianischen Bundesstaat Bahia. Das Bild zeigt ihn bei der...Foto: Dagmar Dehmer

Rui Rocha hat vor gar nichts Angst. Der Präsident des Instituto Floresta Viva hat es den ehemals illegalen Siedlern sagen müssen. Gerade hatte die Agrarreformbehörde den Familien Besitztitel für das Land ausgestellt, das sie für sich gerodet hatten. Und dann kam Rui Rocha und musste ihnen klar machen, dass sie im Naturschutzgebiet sitzen. Denn zeitgleich hatte die Staatsregierung von Bahia das Gebiet zwischen Ilhéus und Itacaré zum Naturschutzgebiet erklärt. Es dauerte Jahre, bis für die Siedler ein alternatives Stück Land gefunden, es vom Staat Brasilien gekauft und mit einer Basis-Infrastruktur ausgestattet war. Aber Rui Rocha hat dabei gelernt, „dass Naturschutz in Brasilien nicht möglich ist, ohne die damit verbundenen sozialen Fragen zu beantworten“. Seither versucht der Professor für Agrarökonomie den Küstenregenwald Mata Atlantica in Wert zu setzen, damit die Menschen die im oder um den Wald herum leben, sich ein Einkommen erwirtschaften können.

Ein Anfang ist gemacht. Nachdem die Straße zwischen Ilhéus und Itacaré vor 12 Jahren fertig gestellt war, kamen die Touristen in das kleine Küstenstädtchen Itacaré. Und es kamen auch Investoren aus Sao Paulo, wie diejenigen, die das Luxusressort Txai (in der Sprache der Indianer heißt das „Freund“ oder „Kumpel“) gründeten. Das Hotel mit 40 Bungalows und mittlerweile 14 Häusern, die verkauft oder vermietet werden, wurde inmitten einer aufgegebenen Kokosplantage gebaut. Die Hotelbetreiber haben von Anfang an versucht, das Hotel als Öko-Ressort zu etablieren. Das hat übrigens auch schon den früheren französischen Präsidenten Nicholas Sarkozy überzeugt, der mit seiner Frau Carla Bruni bereits im Txai abgestiegen ist.

José Gomes ist der Vorsitzende der Biobauern-Vereinigung in Itaracaré im brasilianischen Bundesstaat Bahia.
José Gomes ist der Vorsitzende der Biobauern-Vereinigung in Itaracaré im brasilianischen Bundesstaat Bahia.Foto: Dagmar Dehmer

Floresta Viva (Der Wald soll leben!) hat Txai dabei geholfen, mit den Bauern der Umgebung ins Geschäft zu kommen und diese davon zu überzeugen, dass sie ihre Produktion auf Ökolandbau umstellen sollten. Das Hotel nimmt ihnen das Öko-Gemüse, die Kräuter und das Obst ab. Was sie im Txai nicht loswerden, verkaufen die mittlerweile 24 Ökobauern auf einem Biomarkt am Samstag. Die Ökobauern haben aber nicht nur einen Abnehmer für ihre Produkte gefunden. Das Txai bezahlt zudem für die Umweltdienstleistungen der Bauern. Die Bauern roden ihre Grundstücke nicht mehr und brennen die Felder auch nicht mehr ab. Dafür bekommen sie vom Txai monatlich einen halben Mindestlohn, also 307,50 Reais (rund 150 Euro) in Form von Naturalien. Der 64-jährige Eilson Santos findet, dass sich sein Leben durch die Kooperation mit dem Hotel stark verbessert hat. Früher habe er zwischen 300 und 400 Reais im Monat verdient. Heute kommt er einschließlich seiner Mindestrente (615 Reais), die er seit vier Jahren bezieht, auf 1200 bis 1500 Reais. Santos hat einen Biogarten und einen Teich, in dem er Tilapia, einen schmackhaften Süßwasserfisch, zieht. Außerdem hat er vor 24 Jahren, als er sein Stück Land in Besitz nahm, Kautschuk-Bäume gepflanzt. Jetzt schneidet er regelmäßig die Rinde an und fängt den Gummi auf. Einmal im Monat kommt ein Laster des französischen Reifenherstellers Michelin vorbei und holt den Kautschuk ab. Außerdem baut er Maniok an und verfügt auch über eine kleine Mühle, um die Knollen zu Maniokmehl zu verarbeiten. Auch José Gomes, der Vorsitzende der Ökobauern-Vereinigung in Itacaré ist zufrieden. Zwar muss er im Öko-Garten mehr arbeiten als vorher, weil er „jeden Tag etwas tun muss“. Aber dafür sei die Arbeit leichter als das Roden und Brennen. Das sei wirklich schwere Arbeit gewesen, sagt er.

Rui Rocha hofft, dass es mit Hilfe des Umweltministeriums in Brasilia und der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) gelingt, etwa durch Abgaben von Touristen Fonds für die Finanzierung solcher Umweltdienstleistungen in der gesamten Küstenregion aufzulegen. Aktuell forscht Rochas Organisation an diversen Bäumen, ob sich Produkte aus ihnen für eine Vermarktung durch die Bauern lohnen könnten. Ein Baum beispielsweise gibt ein Sekret ab, das ein natürlicher Ersatzstoff für Silikon sein könnte. Wenn es in ein paar Jahren hieße, Brustvergrößerungen aus dem Regenwald, hätte Rocha bestimmt nichts dagegen. Denn das würde die Überlebenschancen für den Küstenwald in Brasilien zweifellos erhöhen.

Einfach wird das Ganze allerdings nicht. Denn obwohl die Untersuchungen der sogenannten TEEB-Studie, in der der indische Ökonom Pavan Suckdev mit einem Expertenteam im Auftrag des UN-Umweltprogramms Unep und der Europäischen Union errechnet hat, welchen ökonomischen Nutzen die Welt von intakten Ökosystemen wie beispielsweise Mangrovenwäldern oder Korallenriffen hat, hat das Tempo der Zerstörung nicht abgenommen. Was den Verlust von Tier- und Pflanzenarten angeht, hat der Erdgipfel vor 20 Jahren im brasilianischen Rio de Janeiro trotz der Konvention für den Schutz der biologischen Vielfalt nicht allzu viel erreicht. Doch in Brasilien war der Erdgipfel der Beginn einer immer konsequenter werdenden Umweltgesetzgebung und eines bemerkenswerten Umweltbewusstseins der Brasilianer. Mauro Pires, der jahrelang die Abteilung Entwaldungsbekämpfung rund um den Amazonas geleitet hat und nun im Institut Chico Mendes zum Erhalt der Biodiversität arbeitet, verweist auf eine Umfrage, die kurz vor der Parlamentsabstimmung über das umstrittene Waldgesetz veröffentlicht wurde. Auf die Frage, welche Probleme die höchste Priorität für Brasilien hätten, hat eine große Mehrheit geantwortet: der Schutz des Regenwalds. Und auch auf den Plätzen zwei und drei hätten Umweltthemen gestanden, berichtet er.

 

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