• UN-Frauenkonferenz: Was Bundesfrauenministerin Christine Bergmann an ihren Kolleginnen aus Afrika und Lateinamerika beeindruckt

Politik : UN-Frauenkonferenz: Was Bundesfrauenministerin Christine Bergmann an ihren Kolleginnen aus Afrika und Lateinamerika beeindruckt

Frau Bergmann[fünf Jahre nach Peking hat die]

Christine Bergmann (60) nimmt derzeit an der UN-Sonderkonferenz "Frauen 2000" in New York teil. Die Frauenministerin wirbt unter anderem dafür, dass junge Frauen Zugang zu modernen Informationstechnologien bekommen.

Frau Bergmann, fünf Jahre nach Peking hat diese Versammlung mit gedämpften Erwartungen begonnen. Ist es dabei geblieben?

Es ist durchaus Bewegung in die Verhandlungen gekommen. Zu Beginn hat es wirklich schlecht ausgesehen, weil die G 77 - also die Entwicklungsländer - nicht mit einem gemeinsamen Standpunkt gekommen sind. Das sind zwei Drittel aller Länder, und wenn bei allen Verhandlungen jedes dieser Länder mit einer Stimme spricht, dann ist es fast unmöglich voranzukommen. Einen Erfolg haben wir wirklich erreicht: Die Genitalverstümmelung wird jetzt nicht mehr nur als schädliche traditionelle Praxis bezeichnet, sondern als das, was sie ist: Eine Menschenrechtsverletzung an Frauen. Das gilt auch für den sogenannten Ehrenmord. Bisher ein Tabu-Thema, obwohl jeder wusste, dass es Länder gibt, in denen Frauen von ihren männlichen Verwandten getötet werden können, wenn sie gegen die Familienehre verstoßen haben - dazu zählt auch eine Vergewaltigung - und dafür nur minimale Strafen verhängt werden.

Der Vatikan und eine Reihe islamischer Länder haben blockiert, vor allem bei der Frage nach den sexuellen Rechten der Frauen.

Da gibt es wenig Bewegung, und ich nehme an, dass wir über die Formulierungen von Peking nicht hinauskommen.

Staatliche Garantien für die Rechte der Frauen und Abschaffung diskriminierender Gesetze in allen Ländern bis zum Jahr 2000 - das war das Ziel der Pekinger Vorläufer-Konferenz. Wie sieht die Bilanz aus?

Niemand ist zufrieden, es gibt immer noch viele Länder mit diskriminierenden Gesetzen. Doch Peking hat in Gang gesetzt, was wir von dieser Versammlung nun auch wieder erwarten. Die Themen sind wieder auf der Tagesordnung: gesetzliche Diskriminierung, Gewalt, Bildung, politische Beteiligung. Aber sicher ist, dass wir einen sehr langen Atem brauchen.

Gewalt gegen Frauen war eines der Themen, die UN-Generalsekretär Kofi Annan in seiner Rede angesprochen hat.

Leider sehr zu Recht. Es ist oft schwer zu ertragen, wieviel Unrecht immer noch geschieht. Gesetzliche Regelungen sind wichtig, aber nur begrenzt wirksam. Es geht um die kulturellen Hintergründe, und da sind Zeiträume von fünf Jahren zu kurz, um wirklich etwas zu ändern. Selbst in den europäischen Ländern kämpfen wir immer noch gegen die häusliche Gewalt, auch da, wo es klare Gesetze gibt. Ein Fortschritt ist, dass immer mehr Länder öffentliche Kampagnen und Gesetze zur Bekämpfung von Gewalt an Frauen auf der Tagesordnung haben.

Was erwarten denn Frauen aus Ländern, in denen Gewalt und Benachteiligung eine ganz andere Rolle spielen als bei uns, von einer Ministerin aus einem reichen Land?

Ein Punkt ist die ganz praktische Unterstützung von Frauenprojekten vor Ort. Da können wir gezielt helfen. Eine meiner Aufgaben in New York ist die Bilanz über die Zusagen, die wir in Peking gemacht haben. Wir haben 40 Millionen Dollar für solche Projekte versprochen, und das haben wir eingehalten. Es handelt sich dabei um Projekte wie das in Ägypten gegen die Genitalverstümmelung. Das andere aber ist die Erwartung und Hoffnung auf Solidarität. Ich höre immer wieder: Wenn in Europa Öffentlichkeit geschaffen wird für die Probleme in unseren Ländern, dann hilft uns das.

Annan hat in seiner Rede gesagt, die Globalisierung habe die Benachteiligung der Frauen verschärft. Warum?

Wenn Erwerbsarbeit mit immer mehr Qualifizierung verbunden wird, sind alle Menschen mit schlechteren Bildungsmöglichkeiten doppelt benachteiligt. Und das sind die Frauen. In gewisser Weise sogar bei uns.

Es heißt doch, es habe noch nie eine so qualifizierte Frauengeneration gegeben.

Das stimmt auch, ist aber noch keine Garantie auf gute Erwerbsarbeitschancen. Denken Sie an unsere Greencard-Debatte. So ein interessanter Arbeitsmarkt - und wir haben nicht die Frauen, die solche Stellen besetzen können. Wir haben uns in der Bundesrepublik mit dem Programm für Innovation und Arbeitsplätze ein ehrgeiziges Ziel gesetzt, das ich hier auf der UN-Vollversammlung auch vorgetragen habe. Wir haben jetzt 13 Prozent Mädchen bei den Ausbildungsplätzen für die Berufe der Informationstechnologie, bei den Studiengängen sogar noch weniger. Wir wollen in den nächsten fünf Jahren auf 40 Prozent kommen, ein hehres Ziel. Dabei ist nicht nur die Frage, ob die Wirtschaft ihre Versprechen einlöst. Wir müssen noch sehr werben: Wo sind die Mädchen, die in diese Berufe wollen? Manchmal könnte ich mich schwarz ärgern: Da haben wir diesen neuen Arbeitsmarkt - und nicht die jungen Frauen, die hineindrängen.

10 000 Teilnehmerinnen in New York - was sind Ihre stärksten Eindrücke?

Natürlich ist es bei solchen Konferenzen schon immer das bunte Bild überwältigend. Die afrikanischen Frauen in ihren bunten Gewändern - wir Europäerinnen dagegen in unseren nüchternen männlichen Hosenanzügen. Sehr stark beeindruckt mich das Selbstbewusstsein, die Power meiner Kolleginnen und der Frauen aus Afrika oder Lateinamerika. Wie unverdrossen, wie unbeeindruckt diese Frauen ihren harten Kampf führen und dabei Fröhlichkeit und Freundlichkeit ausstrahlen. Wichtig ist auch die Erfahrung, dass wir trotz ganz unterschiedlicher Probleme alle wissen: Geschafft haben es die Frauen bisher in keinem Land. Das ist eine starke Motivation, eine starke Verbindung untereinander. Bei solchen Konferenzen wird sichtbar, was für starke, qualifizierte Frauen es in allen Bereichen gibt. Eine wirkliche Demokratie kann nicht damit leben, dass die Hälfte ihrer Gesellschaft Diskriminierungen unterliegt.

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