• "Und erlöse uns von allen Üblen" #1: Ein rechtsextremer Parteichef im Visier der Mörder

"Und erlöse uns von allen Üblen" #1 : Ein rechtsextremer Parteichef im Visier der Mörder

Oktober 2015. Joachim Freypen, Chef der rechten Nationalen Alternative, zieht die Fäden für die kommende Bundestagswahl. Er ahnt nicht, dass er nicht mehr lange zu leben hat. Ein Fortsetzungsroman, Folge 1.

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Hamburg ist die Kulisse für Michael Jürgs Roman.
Hamburg ist die Kulisse für Michael Jürgs Roman.Illustration: Anna Krauß

Die Ausgangslage: Deutschland, Anfang Oktober 2015, knapp vor der nächsten Bundestagswahl. Die rechtspopulistische Nationale Alternative schürt die Stimmung gegen Flüchtlinge, Ausländer und etablierte Parteien - und gewinnt damit Zuspruch. Ihr Chef Joachim Freypen, ein Fabrikant aus Dresden, hofft für seine Partei auf den Einzug ins Bundesparlament.

Hinter der Fassade des Saubermanns aber verbirgt sich ein Schreibtischmörder, der Brandanschläge auf Flüchtlingsheime und andere rechte Gewalttaten steuert. Doch es fehlen Beweise, die Justiz ist machtlos. Da nimmt eine Gruppe von Männern die Sache selbst in die Hand.

In 100 Teilen bis zur Bundestagswahl 2017 erscheint der Politkrimi "Und erlöse uns von allen Üblen" online als Fortsetzungsroman im Tagesspiegel. Hier Folge 1 vom 16. Juni.

Der Mann, die Kapuze seines schwarzen Jogginganzuges tief in die Stirn gezogen, öffnet die gläserne Eingangstür. Mit einem kleinen blau-weißen Handtuch wischt er sich den Schweiß aus dem Gesicht. Er nimmt die beschlagene Brille ab, säubert sie sorgfältig und blickt sich im Vorraum um, der von der ehemaligen IDUNA-Verwaltung übrig geblieben ist, als es dort noch Portier und Empfangstresen gab. Neben einer Stahltür ist für die neuen Hausbewohner ein Tresor in die Wand eingebaut worden mit Dutzenden von Briefkästen. Auch ohne Brille scheint der Jogger jeden Namen lesen zu können. Er schiebt die Kapuze nach hinten in den Nacken. In seinem Schnauzbart, grau wie sein kurzgeschnittenes Haar, glitzern Schweißtropfen.

Aus der Nähe betrachtet sieht der Schweiß allerdings eher aus wie kaltes Wasser. Es ist aber niemand da, der das bemerken könnte. Der Mann ist zwar direkt aus dem Fitnessclub eines nahegelegenen Hotels gekommen, wo er die letzten beiden Stunden verbrachte, richtig aktiv aber ist er erst geworden, als auf seinem Handy eine Nachricht eintraf. Daraufhin hatte er sich sofort angezogen und mit seiner grünen Sporttasche das Hotel verlassen.

Diese Tasche hält er jetzt in der linken Hand, mit der rechten stopft er das feuchte Handtuch in ein Seitenfach, dann drückt er den Rufknopf für den Fahrstuhl. Die Kabine ist leer. So kurz vor zwanzig Uhr sitzen viele der Hausbewohner, die sich untereinander allenfalls von flüchtigen Begegnungen in der Tiefgarage kennen, vor ihren Fernsehapparaten. Der Mann mit der Kapuze fährt ins achte Stockwerk und steigt dort aus. Auch auf dem Flur trifft er niemanden.

Irgendwo ertönt gedämpft an die Tagesschau-Fanfare. Die Nachrichten an diesem 3. Oktober 2015 beginnen mit Szenen von den Feiern zum Tag der deutschen Einheit. Es ist bisher nichts Wesentliches passiert an diesem Samstagabend. Der Mann macht ein paar Schritte zu der nächstgelegenen Wohnungstür und öffnet sie ohne zu zögern mit einem winzigen elektronischen Lock-Pick. Unter der Klingel steht Hofwieser. Niemand sieht ihn, als er die Wohnung betritt und hinter sich die Tür schließt.

Er stellt seine Tasche in den kleinen Flur. Dann streift er blaue Plastikhüllen über seine Turnschuhe. Man muss davon ausgehen, dass die Polizei bei ihren Ermittlungen irgendwann auf diese Wohnung stoßen und nach jeder noch so winzigen Spur suchen wird. Schlurfend bewegt er sich in einen großen Raum. Er kneift kurz seine Augen zusammen, um sie auf die Dunkelheit einzustellen. Von außen dringt kaum Beleuchtung herein. Nur das rote Neonschild der Eckkneipe "Zur Wilden Lucie", übrig geblieben aus einer Zeit, als die Gegend noch nicht von großen Firmen entdeckt und auf Yuppie-Art saniert wurde, wirft ab und zu einen müden Abglanz an die Decke. Die lebensfrohe Besitzerin, nach der die Pinte benannt wurde, hat sich längst nach Schottland zurückgezogen und dort einen Chinesen geheiratet, der in Elgin eine Apotheke betreibt.

Vom Straßenlärm ist hier oben nichts zu hören. Zwei Sessel und ein schwerer Glastisch, mit vielen Zeitschriften bedeckt, stehen mitten im Zimmer. Im Widerschein des nächtlichen Himmels über der Stadt werfen die Möbel bizarre Schatten. Der Mann weicht selbst denen vorsichtig aus. Die Wände sind mit Bücherregalen zugestellt, in der Ecke erkennt er ein Schreibpult, auf dem ein flacher zugeklappter Computer steht.

Er bewegt sich nicht von ungefähr wie auf vertrautem Terrain. Alle Appartements in diesem Haus sind gleich geschnitten, das simple Muster bot sich für den Umbau der ehemaligen Büros an. Zielgruppe waren nicht Familien, sondern Alleinstehende, also reichen großer Wohnraum, kleines Schlafzimmer, Küche, Bad. So hat es ihm der Makler erklärt, als er sich vor Monaten im Erdgeschoß in der Rolle eines interessierten Lufthansapiloten eine Wohnung zeigen ließ. Im Gehen zieht sich der Mann dünne Handschuhe an. In das Schlafzimmer wirft er nur einen kurzen Blick: Doppelbett, Stereoanlage, Schrank.

Uninteressant. Vom Fenster, das geschlossen ist, kann er über die Straße hinweg in zwei hell erleuchtete Büros der Nationalen Alternative schauen. Das Zielobjekt, das er gleich treffen wird, sitzt an seinem Schreibtisch, ab und zu flimmert bläuliches Licht, wahrscheinlich laufen auch dort gerade die Nachrichten. "Die Tagesthemen wirst du zwar nicht mehr erleben", murmelt der Beobachter auf der anderen Straßenseite, "aber sie werden hauptsächlich dir gewidmet sein."

Joachim Freypen zu erschießen wäre schwierig gewesen, gar unmöglich, hätte er nicht sein Hauptquartier mitten in Hamburg auf dem Deck eines Parkhauses angemietet. Hier fühlte sich der bullige Fabrikant sicher. Es gab nur einen einzigen und zudem dauernd bewachten Eingang, der direkt von den Stellplätzen in der obersten Ebene, die alle von Mitarbeitern der Nationalen Alternative belegt worden waren, in die Parteizentrale führte.

Dort sitzen jetzt außer ihm fünf Männer seiner Sicherheitsabteilung, die ihn auch bei seinen öffentlichen Auftritten stets begleiteten. Grundsätzlich war ab 21 Uhr das Parkhaus geschlossen, nur die Dauermieter der NADP konnten mit ihrer kodierten Chipkarte unten das Eisengitter öffnen. Zusätzlich registrierte eine Videokamera, die in der Decke des Lifts eingebaut war, jeden Ankömmling. 

Die Bildschirme, auf die alles übertragen wurde, waren stets unter Kontrolle, selbst wenn Freypen nicht anwesend war, sondern unterwegs bei Veranstaltungen oder wenn er seine Geschäfte in Dresden betrieb. Die Maschinenfabrik dort führte er wie ein Patriarch alter Schule, Management per ordre de mufti pflegte er seine Methode anscheinend scherzhaft zu nennen, aber das war nie als Scherz gemeint. Als mal ein Vorarbeiter für den gesetzlich ja eigentlich vorgeschriebenen Betriebsrat warb, wurde der Mann fristlos entlassen. Danach herrschte Ruhe in der Firma, denn Freypens Prokurist konnte beim Arbeitsgericht, das die IG Metall angerufen hatten, eine Erklärung vorlegen, in der alle Arbeiter freiwillig auf eine derartige Interessenvertretung verzichteten.

Ihre Zentrale in Hamburg nannten die Nationalen untereinander nur das Hauptquartier, denn selbstverständlich gab es Außenstellen der Partei in Erfurt, Leipzig, München, Frankfurt und in Berlin. Doch ihr Chef hatte verboten, in der Öffentlichkeit den Begriff Hauptquartier zu benutzen. Die Nähe zu einem einstigen Führerhauptquartier war ihm zu offensichtlich, selbst wenn bei Seinesgleichen diese Zeit erfolgreich verdrängt worden war. Solche Angriffsflächen wollte er seinen politischen Gegnern nicht bieten. Freypen, grauhaarig und jovial auf den Wahlplakaten, vertrauenserweckender Großvater voll strenger Güte in den Fernsehspots, in denen er für ein starkes Deutschland warb, und erst recht jetzt mit Blick auf die Hunderttausende von Flüchtlingen aus Syrien, dem Irak, Eritrea und den Balkanstaaten, die so viele Ängste auslösten, war intern ein knallharter Diktator. Seine Wutausbrüche waren gefürchtet.

Hier in dem Penthouse, das zu vielen kleinen Büroräumen ausgebaut worden war, saß er regelmäßig zweimal pro Woche, dienstags oder samstags. So wie heute. Im riesigen Eckzimmer mit dem ungetrübten Blick hinüber zum Turm der Michel-Kirche fühlte er sich gut aufgehoben. Seine Leibwächter, vor allem deren Chef, hatten ihm beim Einzug zu einen der Innenräume geraten, die direkt an eine Art Atriumhof anschlossen und von außen nicht eingesehen werden konnten, aber Freypen wollte freie Aussicht. Wer schon sollte ihn auf dem Dach des Parkhauses bedrohen?

Hier oben, sagte er, und lachte dabei nie, denn so etwas meinte er ernst, habe ich endlich mal ein Stück Deutschland unter mir. Es war nicht ratsam, bei solchen Bemerkungen zu lachen. Knurriges Zugeständnis, das er nach der Besichtigung der Räume seinen Leibwächtern machte: Er versprach, den Balkon zu meiden, der die Büros umschloss, sich niemals als mögliche Zielscheibe an die schmale Brüstung zu stellen.

Während seiner Aufenthalte in Hamburg, bei denen er meist bis Mitternacht am Schreibtisch saß, über Wahlstrategien grübelte und mit Gesinnungsgenossen telefonierte, hatten sie strengste Anweisung, ihn abends spätestens nach der Tagesschau nicht mehr zu stören und nur dann sein Zimmer zu betreten, wenn er nach ihnen klingelte. Die besonderen Gespräche, die Freypen aus seinem Büro führte, sollten selbst von seinen Getreuen nicht gehört werden können. Er traute keinem. Deshalb wählte er seine Verbindungen stets selbst und die geheimen Telefonnummern, mit denen man direkt zu ihm durchdrang, hatten nur enge Vertraute. Die Leitung war abhörsicher.

Ein einziges Gebäude in unmittelbarer Umgebung ragte noch ein bisschen höher empor als die Parteizentrale - das Haus, das vor kurzem der Kapuzenmann betreten hatte.

Und morgen lesen Sie: Die Wohlanständigkeit des NADP-Vorsitzenden ist nur gespielt. In Frankreich trifft sich ein Tribunal, um über Freypen zu richten.

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Fortsetzungsroman: "Und erlöse uns von allen Üblen"
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