"Und erlöse uns von allen Üblen #8 : Ein Verleger macht sich falsche Hoffnungen

Die Polizeireporterin Andrea Hofwieser und ihr Chef stehen unter Beobachtung. In Hofwiesers Wohnung wartet ein Mörder darauf, den Parteichef der Nationalen Alterative zu erschießen. Ein Fortsetzungsroman, Teil 8.

Michael Jürgs
Illustration: Anna Krauss
Illustration: Anna Krauss

Was bisher geschah: In der Wohnung der Hamburger Polizeireporterin Andrea Hofwieser lauert ein Attentäter, der den Parteichef der Nationalen Alternative im Haus gegenüber bald erschießen wird. Die nichtsahnende Journalistin und ihr Verleger sind bei einem Empfang.

In 100 Teilen bis zur Bundestagswahl 2017 erscheint der Politkrimi "Und erlöse uns von allen Üblen" online als Fortsetzungsroman im Tagesspiegel. Hier Folge 8 vom 23. Juni.

Um die Voyeure ein bisschen zu ärgern, zeigte Andrea beim Einsteigen ganz besonders viel Bein. Schwarzkoff dachte geschmeichelt, dieses erotische Signal würde ihm gelten, denn er hielt sich manchmal für unwiderstehlich. Was beim ersten Blick auf ihn sogar denkbar schien: Weißhaarig, schlank, stets nach der neuesten Mode gekleidet und ein blendender Unterhalter, ein Mann mit Einfluss und ein Mann der Macht. Ihm gehörte nicht nur die Zeitung, die in Norddeutschland die größte Auflage hatte, ihm gehörte nicht nur der Adalbert-Stifter- Buchverlag, der auch seine 60 Millionen Euro Umsatz pro Jahr machte, ihm gehörten vor allem siebzig Prozent eines Privatsenders, der fette schwarze Zahlen schrieb.

Da er aber schon fast sechzig war und die jungen Mädchen, die er hin und wieder bestieg, nachdem ihm sein Arzt die üblichen Stärkungsmittel gespritzt hatte, eher von Til Schweiger träumten als von einem Sugardaddy seiner Güte, machte er sich allerdings keine Illusionen über die wahren Gründe seines Sex-Appeals. Dass ihn viele nur ranließen, weil sie sich von ihm etwas für ihre Karriere versprachen, störte ihn dennoch nicht. Das gehörte zum Spiel und er hatte längst die Regeln dieses Spiels akzeptiert. Er hielt sich sogar daran und auch das sprach sich herum. In dem Spiel war er deshalb rein statistisch gesehen erfolgreicher als die jüngere Konkurrenz.

Eigentlich will Andrea Hofwieser nur mal erleben, wie so eine Buchpremiere in feinen Kreisen abläuft, denn das ist normalerweise nicht die Welt der Polizeireporterin. Im nächsten Jahr wird sie hoffentlich selbst im Mittelpunkt einer solchen Party stehen. Ihr Debüt soll eine Art Thriller mit politischem Hintergrund werden, aber mehr als eine Seite Exposé hat sie noch nicht geschrieben und im Ordner BUCH auf ihrer Festplatte gespeichert. Eine Gruppe von politisch motivierten Computerhackern spielt die Hauptrolle, und wie die versuchen wird, die Wahlen zu manipulieren. Im Auftrag eines großen Unbekannten natürlich. Außerdem hatte sie die spannend klingende Theorie, dass eigentlich ein Mister X hinter allen unaufgeklärten großen Affären der Republik stand, vor allem hinter der Affäre Barschel.

Vielleicht kann sie sogar den Verlauf eines solchen Abends wie heute in ein Kapitel einbauen, dachte sie nach Wickerts Lesung, es geht hier schließlich auch um Mord. Die Reporterin hat es sich zur Angewohnheit werden lassen, selbst ganz persönliche Erlebnisse auf Verwendbarkeit für irgendeinen Artikel hin zu prüfen. Was ihr bei anderen Journalisten den Ruf eintrug, eine eiskalte Karrieristin zu sein. "Die lässt wahrscheinlich sogar beim Ficken ein Tonband laufen , um authentische Dialoge zu bekommen", hatte ein Kollege verkündet, der zu gern auch mal bei ihr gelandet wäre und sie bei seinem Spruch außer Hörweite glaubte. Sie hat es natürlich erfahren. Das ließ sie ungerührt, aber in der Tat träumte sie von Bestsellerruhm und bei Gott nicht vom Mann fürs Leben. Als sich dann die Gelegenheit bot, hat sie dem lieben Kollegen sein Zitat sozusagen öffentlich zwischen die Beine ge­treten: "Bei dir lohnt es sich nicht mal, das Tonband anzumachen, wenn du fickst. So schnell ist alles vorbei." Die Lacher gehörten ihr.

"Wir müssen nicht den Rest des Abends hier verbringen", sagte Schwarzkoff und trank sein Sektglas auf einen Zug aus, als sei es Champagner, "oder wollen Sie hier noch irgendwelche Interviews machen?"

"Um Gottes Willen, mit wem denn?"

Er ist schon ganz schön angetrunken, dachte sie und betrachtete einen Moment lang den braungebrannten Mann vor ihr, der zwar nicht schwankte, aber immer wässrigere Augen bekam. Unentwegt grüßte er nach links und nach rechts und stellte immer wieder seine Begleiterin vor: "Andrea Hofwieser, eine enge Mitarbeiterin." Bei dem Wörtchen eng lächelte er stets fein, als wisse man schon, wie er es meinte. Was Andrea Hofwieser zwar störte, aber sie ließ sich nichts anmerken. Ist ja bald vorbei. Sie weiß, dass echte oder mögliche Affären in der Hamburger Gesellschaft mit Diskretion behandelt werden, ganz im Gegensatz zu denen in München. Dort rufen die Möchtegern-Casanovas am Morgen danach gleich persönlich bei den Klatschkolumnisten an, um sich zu vergewissern, dass Name und Stellung richtig geschrieben werden.

"Wir können noch ins Atlantic gehen, da kennt man mich, und uns in Ruhe beim Essen unterhalten", schlägt er ihr vor, "Andrea. Ich darf Sie doch Andrea nennen?" Dass man dich da kennt, denkt Andrea, kann ich mir vorstellen. Aber du kennst mich nicht, mein Lieber, und dass du mich Andrea nennen willst, wollen wir mal ganz schnell ignorieren. Setzt aber nach außen das scheue Lächeln eines kleinen Mädchens auf. Ein Trick, mit dem sie schon viele bei ihren Recherchen zum Reden gebracht hat. Gerade die sogenannten harten Kerle. Aber die sind ja in erster Linie Männer, insofern manipulierbar: "Nichts lieber als das, gerade mit Ihnen, aber vielleicht ein anderes Mal. Ich habe noch ein paar wichtige Termine für mein Buch zu klären, Informanten, Sie verstehen schon. Ist jetzt am langen Wochenende ideal, da erreiche ich alle zuhause. Wenn Sie aber so freundlich wären, mich in meiner Wohnung abzusetzen..."

Schwarzkoff begreift das als eine besonders subtile Einladung. Auch gut, freut er sich, zu ihr nach Hause also, dann muss ich nicht so viel labern und viel mehr Alkohol würde ich auch nicht mehr vertragen. Unauffällig schluckt er eine der Kapseln, die er von seinem Hausarzt bekommen hat. Sollen sensationelle Wirkung haben. Er sucht den Blick des Gastgebers, und als er ihn hat, macht er eine kleine Handbewegung des Abschieds. Mit einer Art besitzergreifenden Geste, die alle Umstehenden mitbekommen sollen, fasst er Andrea Hofwieser, die dabei unmerklich versteift, an die Schulter und schiebt sie Richtung Tür nach draußen.

Als sie zum Parkplatz gehen, wo sein Jaguar abgestellt ist, werden sie wieder von der gegenüberliegenden Straßenseite aus beobachtet. Am Steuer des Mercedes sitzt der schwarzhaarige Mann, der vor ein paar Wochen als erster dem Todesurteil gegen Freypen zugestimmt hat.

Die drei Minuten, die sie brauchen, um die Fahrbahn zu überqueren, sind gleichzeitig die letzten im Leben von Joachim Freypen.

Und morgen lesen Sie: Der Mörder schlägt zu.

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