Unruhen in Istanbul : Neue Medien: „Fluch“ und Segen des Aufstands in der Türkei

Die Stärke der sozialen Medien ärgert die türkische Regierung, weil sie auf diesem Feld weit weniger Kontrolle hat. Zuletzt wurden über 20 Personen wegen angeblicher Hetze auf Twitter festgenommen. Bei den Demonstranten stehen dagegen die etablierten Medienanstalten in der Kritik.

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Immer online: Die Demonstranten informieren sich vor allem über das Internet und soziale Netzwerke.
Immer online: Die Demonstranten informieren sich vor allem über das Internet und soziale Netzwerke.Foto: AFP

Zum ersten Mal seit Beginn der regierungsfeindlichen Protestwelle in der Türkei in der vergangenen Woche haben sich am Mittwoch Vertreter beider Seiten an einen Tisch gesetzt. Vizepremier Bülent Arinc traf sich mit Abgesandten von Verbänden, die gegen die von der Regierung geplante Umwandlung eines Parks im Zentrum von Istanbul in ein Einkaufszentrum eintreten. Verstärkt wurde der Druck auf die Regierung durch Protestaktionen von Gewerkschaften. Unterdessen nahm die Polizei im westtürkischen Izmir mehr als zwei Dutzend Menschen fest, die über den Kurznachrichtendienst Twitter angeblich Hetze betrieben hatten: Die Macht der neuen Medien bereitet der Erdogan-Regierung große Sorgen.

 Die Verteidiger des Gezi-Parks im Herzen Istanbuls verlangten von Arinc unter anderem eine feste Zusage über den Erhalt des baumbestandenen Geländes. Zudem sollten alle der insgesamt mehr als 1700 Menschen, die im Verlauf der vergangenen Tage festgenommen worden waren, wieder freigelassen werden. Ob die Regierung darauf eingehen will, blieb offen.

 

Schwere Proteste in Istanbul
„Ein Zeichen von Dir ist genug“, haben Anhänger des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan auf ein Spruchband geschrieben. Sie wollen es auf einem Parkplatz des Istanbuler Atatürk-Flughafens im Begrüßungsjubel zur Rückkehr des Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan schwenken, doch Ordner kassieren es ein, noch bevor es in die Liveübertragung der Fernsehsender gerät. Die Worte können nur als Drohung verstanden werden, jederzeit zum Kampf gegen die Protestbewegung bereit zu sein.Weitere Bilder anzeigen
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07.06.2013 16:33„Ein Zeichen von Dir ist genug“, haben Anhänger des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan auf ein Spruchband...

So wie die Proteste auf den Straßen der Türkei die Macht von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan erschüttern, lässt der Aufstand auch die türkische Medienwelt erbeben. Viele etablierte Medien, besonders die großen TV-Nachrichtensender, sehen sich dem Vorwurf des Duckmäusertums ausgesetzt, weil sie in der ersten Phase der Proteste nur am Rande über die Aktionen der Demonstranten berichteten; der angesehene Nachrichtensender NTV entschuldigte sich deshalb jetzt.

 

Viele Türken verlassen sich auf Internetmedien oder unabhängige Kanäle wie den Fernsehsender Halk TV – der prompt von der staatlichen Medienaufsicht verwarnt wurde. Die Stärkung der sozialen Medien ärgert die Regierung, weil sie auf diesem Feld weit weniger Kontrolle hat als bei den herkömmlichen Kanälen und Zeitungen, deren Besitzer häufig noch andere wirtschaftliche Interessen haben und deshalb Wert auf das Wohlwollen Ankaras legen.

 NTV zum Beispiel ist Teil der Dogus-Gruppe, die unter anderem eine große Bank besitzt und kürzlich mit einem Gebot von rund 700 Millionen Dollar eine staatliche Ausschreibung für die Modernisierung eines Hafengeländes in Istanbul gewann. Medien solcher Konzerne treten den Politikern in Ankara nur ungern auf die Füße, sagen Kritiker.

 

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