Politik : Uran-Geschosse im Kosovo: Von der eigenen Munition vergiftet?

Rainer Woratschka

"Gibt es nach dem Golfkriegs-Syndrom nun ein Balkan-Syndrom?". Das fragen die Internationalen Ärzte für Frieden und soziale Verantwortung (IPPNW). Sie reagieren damit auf Nachrichten aus europäischen Nachbarländern, wonach bei Soldaten, die in Bosnien oder im Kosovo stationiert waren, auffällig erhöhte Leukämieraten und Todesfälle auftraten. Das erinnere ihn fatal an das so genannte "Golfkriegs-Syndrom", sagt Jens-Peter Steffen, der Sprecher der deutschen IPPNW-Sektion. Auch damals hätten die Amerikaner radioaktive Munition eingesetzt. Seither litten Kriegsteilnehmer und Zivilisten unter den Folgen. Die Krebsraten im Irak seien "deutlich erhöht". Und von den Soldaten, die damals zur Reinigung des Kampffeldes losgeschickt wurden, lebten rund 500 schon nicht mehr.

Die neuen Fälle sind Grund genug für die Mediziner-Organisation, ihre Forderung von damals zu bekräftigen: Ein weltweites Verbot der Erforschung, Herstellung und Verwendung so genannter Uranmunition. Im Kosovo-Krieg seien davon "wohl einige Tonnen verschossen worden", schätzt Steffen. Vornehmlich von amerikanischen A-10-Bombern, doch Gerüchten zufolge hätten auch die Italiener damit experimentiert.

Bereits im Frühjahr hatte Nato-Generalsekretär George Robertson den Einsatz von schwach radioaktiver Uranmunition bestätigt. Die rund 31 000 Geschosse seien auf Grund ihrer hohen Durchschlagskraft gegen die jugoslawische Armee verwendet worden. Tatsächlich scheint das radioaktive Material für militärische Zwecke ideal. Als Abfallprodukt der Atomwirtschaft ist es relativ preisgünstig. Gleichzeitig besitzt es eine hohe physikalische Dichte, mittels derer sich auch massive Panzerungen durchbrechen lassen. "Das ist härter als Blei oder Stahl", sagt Steffen, "und viel billiger als Titanium." Außerdem besitze Uran den "militärisch angenehmen Folgeeffekt", dass es beim Aufschlag zerstäubt und sich entzündet. "Das heißt, hinter der Panzerung entsteht ein Brand. So werden selbst Objekte zerstört, die nicht voll getroffen wurden."

Doch die Munition birgt offenbar schlimme Folgerisiken. Laut IPPNW sorgt sie nicht nur bei hoher Konzentration für schwere Vergiftungen mit Organversagen. Auch die anhaltende Niedrigstrahlung könne Krebs verursachen. Hier gelte es, "endlich den Stand moderner Forschung zu würdigen", die von einem vielfach höheren Krebsrisiko ausgehe als von der Internationalen Strahlenschutzkommission vorgegeben.

Ob Soldaten bei ihrem Balkaneinsatz tatsächlich durch eigene Munition zu Schaden kamen, ist ungewiss. Sechs italienische Heimkehrer starben allerdings in kürzester Zeit an Leukämie, sechs weitere sind an Krebs erkrankt. Aufgeschreckt davon haben nach Deutschland, Spanien und Portugal nun auch Finnland und die Türkei damit begonnen, ihre Kosovo-Soldaten auf Strahlenschäden zu untersuchen. Das deutsche Verteidigungsministerium habe ein "neutrales wissenschaftliches Institut" beauftragt, sagte ein Sprecher. Bislang seien keine Strahlenschäden nachweisbar gewesen, den Abschlussbericht erwarte man im Frühjahr.

Parallel dazu nahm die Umweltorganisation der Vereinten Nationen (Unep) im November zwei Wochen lang bestimmte Landstriche des Kosovo unter die Lupe - Gebiete, die von den US-Streitkräften als Ziel-Schwerpunkte genannt wurden. Ein Problem sind nämlich auch mögliche Folgeschäden für die Nahrungskette vor Ort. Laut Unep soll der Bericht im Januar oder Februar vorliegen. Dass er den Bewohnern dann noch viel hilft, ist zu bezweifeln.

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