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US-Geisel Peter Kassig vom IS getötet : Brite und Franzose bei Enthauptung beteiligt?

Das von der Terrormiliz "Islamischer Staat" verbreitete Video, das die Ermordung des US-Bürgers Peter Kassig zeigt, wurde in den USA nun als echt eingestuft. Waren ein Franzose und ein Brite unter den Geiselmördern? Die Zahl der Exekutierten summiert sich inzwischen auf fast 1500.

Peter Kassig war angeblich in einem Enthauptungsvideo des IS zu sehen.
Peter Kassig war angeblich in einem Enthauptungsvideo des IS zu sehen.Foto: dpa

Die Extremisten-Miliz "Islamischer Staat" hat nach eigenen Angaben eine weitere westliche Geisel enthauptet. "Dies ist Peter Edward Kassig, ein US-Bürger", sagte ein maskierter Mann in einem vom IS am Sonntag im Internet veröffentlichten Video. Es zeigte den Vermummten, einen blutigen abgeschlagenen Kopf zu seinen Füßen. Die Tat selbst wurde diesmal nicht gezeigt. US-Präsident Barack Obama Regierung sagte, der 26-jährige Kassig sei "in einem Akt reiner Bosheit" getötet worden. Auch der britische Premierminister David Cameron äußerte sich schockiert. Die IS-Miliz habe einmal mehr ihre Verderbtheit bewiesen, erklärte er.

"Peter, der als Soldat der amerikanischen Armee gegen die Moslems im Irak gekämpft hat, hat nicht viel zu sagen", sagte der vermummte Mann in dem 15-minütigen Video in englischer Sprache mit britischem Akzent. "Seine früheren Mitgefangenen haben bereits in seinem Namen gesprochen." In dem 15-minütigen Video wurde die Hinrichtung von mindestens 14 Männern gezeigt, die Piloten und Offiziere der Armee des syrischen Präsidenten Baschar al Assad gewesen sein sollen.

Einer der Geiselmörder ist vermutlich ein zum Islam konvertierter und radikalisierter Franzose. Es könnte sich dabei um einen jungen Mann aus der Normandie handeln, der im August 2013 nach Syrien gereist sei, sagte Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve am Montag in Paris. Er sprach von der "sehr großen Wahrscheinlichkeit", dass damit zumindest ein Franzose an den Enthauptungen syrischer Gefangener beteiligt gewesen ist.

Der französische Innenminister stützte seine Einschätzung auf Analysen des Videos vom Sonntag durch die Geheimdienste. Nach Medienberichten nennt sich der aus dem Département Eure stammende Mann nun Abu Abdallah al Faransi ("der Franzose"). Er soll höchstens 23 Jahre alt sein und nach einem Aufenthalt in Mauretanien im Jahr 2012 allein über die Türkei nach Syrien gereist sei, um sich dort dem Dschihad anzuschließen.

Der Innenminister wandte sich nachdrücklich vor allem an junge Franzosen, "die das bevorzugte Ziel der terroristischen Propaganda sind". Sie sollten die Augen öffnen angesichts der fürchterlichen IS-Taten, verlangte Cazeneuve: "Diese Hassprediger müssen als das angesehen werden, was sie sind - als Kriminelle, die ein System der Barbarei errichten." Dutzende jüngere Franzosen haben sich nach den Erkenntnissen der Behörden dschihadistischen Gruppen angeschlossen.

"Er muss jetzt Allah fürchten"

Zudem gehörte möglicherweise ein britischer Medizinstudent dem Exekutionskommando an. Ahmed Muthana sagte der Zeitung "Daily Mail", er glaube, er habe seinen 20-jährigen Sohn Nasser unter den IS-Kämpfern in dem 15-minütigen Film erkannt. Die meisten der 16 IS-Milizionäre waren unmaskiert. "Ich kann nicht sicher sein", sagte Muthana. "Aber er sieht wie mein Sohn aus. Er muss jetzt Allah fürchten, weil er Menschen getötet hat. Wie kann er glauben, er könne Gott gegenübertreten, wenn er Menschen umbringt?" Das britische Außenministerium wollte sich dazu nicht äußern. Allerdings war Nasser Muthana bereits auf einem in Juni verbreiteten Film zu sehen, in dem er Muslime aufrief, sich dem Islamischen Staat anzuschließen.

Die IS-Miliz hatte bereits zwei britische Entwicklungshelfer und zwei US-Journalisten vor laufender Kamera enthauptet und die Filme im Internet verbreitet.

Kassig sei in Nordsyrien nahe der Grenze zur Türkei beerdigt worden, sagte der maskierte Mann weiter. "Hier verscharren wir den ersten amerikanischen Kreuzritter in Dabek." Kassig wurde seinen Eltern zufolge im Oktober 2013 verschleppt, nachdem er nach seiner Zeit bei der US-Armee als Entwicklungshelfer nach Syrien gegangen war. Eine Sprecherin des Nationalen Sicherheitsrates der USA äußerte Entsetzen "über den brutalen Mord an einem unschuldigen amerikanischen Helfer".

In dem neuen Video stieß die IS-Miliz Drohungen gegen die USA, Großbritannien und die Schiiten aus. Ein Vermummter wandte sich direkt an US-Präsident Barack Obama: "Heute schlachten wir die Soldaten Baschars ab, und morgen werden wir deine Soldaten abschlachten." Weiter sagte er: "Und mit Allahs Erlaubnis wird der Islamische Staat schon bald damit beginnen, eure Leute in euren Straßen niederzumetzeln." Der IS hat in weiten Teilen Syriens und des Iraks die Kontrolle an sich gerissen und über die Grenze hinweg ein Kalifat errichtet.

Der IS hat fast 1500 Menschen hingerichtet

Seit der Ausrufung ihres "Kalifats" im Juni hat die Extremistenorganisation "Islamischer Staat" in Syrien Aktivisten zufolge fast 1500 Menschen hingerichtet. "Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte hat die Exekution von 1429 Menschen dokumentiert", teilte der Leiter der oppositionellen Organisation, Rami Abdel Rahman, am Montag mit. Unter denjenigen, die enthauptet oder bei Massentötungen erschossen worden seien, seien 879 Zivilisten. Etwa 700 der IS-Opfer waren den Angaben zufolge Angehörige des Stammes Schaitat. Die sunnitische Gemeinschaft hatte sich in der Provinz Deir Essor den Extremisten entgegengestellt, woraufhin IS-Kämpfer ein Massaker verübten und den Stamm fast auslöschten. Auch 63 Mitglieder der Al-Nusra-Front, die mit dem Terrornetzwerk Al Qaida verbündet ist, wurden der Beobachtungsstelle zufolge vom IS hingerichtet.
Die Organisation dokumentierte ferne die Ermordung von 483 Soldaten aus den Streitkräften von Syriens Machthaber Baschar al Assad. Sogar vier IS-Mitglieder seien exekutiert worden. Ihnen seien Korruption und andere Vergehen vorgeworfen worden, sagte Rahman. Seine Beobachtungsstelle mit Sitz in Großbritannien verfügt in Syrien über ein dichtes Netz an Informanten. Von unabhängiger Seite sind ihre Angaben wegen des Bürgerkriegs kaum zu bestätigen. Die IS-Extremisten kontrollieren seit einer Blitzoffensive im Frühsommer zahlreiche Gebiete im Norden und Osten Syriens sowie in Nordwesten des benachbarten Irak. Erst am Wochenende war ein neues Terrorvideo der Gruppe aufgetaucht, das die Enthauptung einer fünften westlichen Geisel sowie von mindestens 18 syrischen Soldaten zeigt. Syrischen Aktivisten zufolge könnte der IS hunderte weitere Menschen als Geiseln festhalten.

Islamisten führen staatliche Strukturen ein

Die Extremisten haben Medienberichten zufolge bereits weitgehende staatliche Strukturen aufgebaut. Die Kämpfer würden durch umfangreiche soziale Leistungen abgesichert, berichtete die "Süddeutsche Zeitung" am Samstag unter Berufung auf bislang nicht veröffentlichte interne Dokumente des IS. Innerhalb der Organisation gebe es eine Krankenversicherung, Heiratsbeihilfen und Unterstützungszahlungen für die Familien getöteter oder inhaftierter Kämpfer. Das Blatt berichtete, zusammen mit dem NDR und WDR seien sie die ersten ausländischen Medien, denen die irakische Regierung Einsicht in erbeutete IS-Unterlagen gewährt habe. Dabei soll es sich um über 160 USB-Speichersticks und Festplatten handeln, die von irakischen Sicherheitskräften Anfang Juni sichergestellt worden seien.

Um den Kampf gegen den IS zu forcieren, reiste der Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte am Wochenende in den Irak. Er wolle sich einen Eindruck verschaffen, wie die amerikanische Unterstützung für die irakischen und kurdischen Truppen vorankomme, sagte US-Generalstabschef Martin Dempsey in Bagdad. Obama hatte kürzlich angekündigt, er werde die Einheiten zur Ausbildung und Beratung der irakischen Armee und der kurdischen Peschmerga-Miliz auf bis zu 3100 Soldaten aufzustocken. Derzeit sind 1400 US-Soldaten im Irak im Einsatz.

Die irakische Armee hat nach eigenen Angaben die größte Öl-Raffinerie des Landes vom IS zurückerobert. Nach monatelangen Kämpfen hätten sich die Extremisten aus dem Umkreis der strategisch wichtigen Anlage in Baidschi 200 Kilometer nördlich von Bagdad zurückgezogen. (dpa/rtr)

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