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US-Soldaten verhindern Anschlag : Täter aus Thalys-Zug war vorher in Berlin

Der schwer bewaffnete Täter im Schnellzug Thalys, den zwei US-Soldaten und andere Passagiere überwältigten, ist geheimdienstlich bekannt. Im Mai war er in Berlin.

Polizisten arbeiten in Arras auf dem Bahnsteig nach der Schießerei im Schnellzug Thalys.
Polizisten arbeiten in Arras auf dem Bahnsteig nach der Schießerei im Schnellzug Thalys.Foto: AFP

US-Soldaten haben in einem französischen Schnellzug zwischen Amsterdam und Paris einen schwer bewaffneten Mann überwältigt und damit möglicherweise ein blutiges Drama verhindert. Die Anti-Terror-Abteilung der Pariser Staatsanwaltschaft übernahm die Ermittlungen, nachdem der Mann am Freitagabend in dem Thalys-Zug mindestens einen Schuss abgefeuert hatte. Der 26-jährige Täter war den Geheimdiensten wegen Terrorverbindungen bekannt. Belgiens Regierungschef Charles Michel sprach von einem "Terroranschlag". Der Tatverdächtige wiederum bestreitet laut den Ermittlern ein terroristisches Motiv. Aus französischen Polizeikreisen verlautete am Samstag aber, der Mann habe mit dieser Aussage die Ermittler nicht überzeugt. Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve nannte den Angreifer aus dem Thalys-Zug einen "Terroristen". Der Mann wird verdächtigt, zur radikal-islamistischen Bewegung zu gehören, wie Cazeneuve in Paris sagte. Der Mann hat sich offenbar in diesem Jahr zeitweise auch in Deutschland aufgehalten. Der Verdächtige sei am 10. Mai 2015 in Berlin gewesen, verlautete am Samstag aus französischen Ermittlerkreisen. Von dort aus sei er in die Türkei weitergereist.

Der Mann hat im Mai in Syrien möglicherweise an Aktionen der Terrormiliz „Islamischer Staat“ teilgenommen. Dies berichtet die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ aus deutschen Sicherheitskreisen. Demnach checkte er auf dem Weg am 10. Mai am Flughafen Berlin-Tegel zu einem Flug nach Istanbul ein. Weiter hieß es, dass er nach Angaben spanischer Behörden am 26. Mai wieder in Belgien eingetroffen sei.

Der Mann schoss nach Behördenangaben einen Passagier an, ein zweiter wurde mit einem Teppichmesser verletzt. Der Bewaffnete wurde von zwei US-Soldaten überwältigt, die sich zufällig an Bord des Zuges befanden. Nach ersten Angaben der Ermittler hatten sie gehört, wie der Mann in der Zugtoilette seine Waffen lud. Der Schütze war demnach mit einem Kalaschnikow-Gewehr, einer Pistole, neun Magazinen und einem Teppichmesser bewaffnet.

Einer der US-Bürger, Anthony Sadler, sagte dem US-Nachrichtensender CNN, er und seine Freunde Alek Skarlatos und Spencer Stone hätten in dem Schnellzug zwischen Amsterdam und Paris beobachtet, wie der Angreifer mit einer Kalaschnikow aus einer Bordtoilette gekommen sei. Daraufhin seien sie sofort eingeschritten.

Der Täter war in Brüssel zugestiegen

"Mein Freund Alek rief 'Schnapp ihn!', woraufhin mein Freund Spencer sofort aufsprang, um den Typ zu überwältigen, gefolgt von Alek und mir", berichtete Sadler. "Wir drei haben den Typ zusammengeschlagen, wobei Spencer mehrmals mit dem Teppichmesser geschnitten wurde, und Alek nahm die Kalaschnikow weg", sagte Sadler dem Sender. Anschließend habe er den Angreifer mit Hilfe eines weiteren Passagiers gefesselt. Dann habe er einen Mann mit einem Schnitt an der Kehle entdeckt, woraufhin sein Freund Stone begonnen habe, die Wunde zu behandeln.

Laut CNN handelte es sich bei den drei eingreifenden US-Bürgern um ein Mitglied der US-Luftwaffe, ein nicht aktives Mitglied der US-Nationalgarde und einen Zivilisten. Das Pentagon teilte mit, einer der zwei bei dem Vorfall Verletzten sei ein Mitglied der US-Streitkräfte. Der Verdächtige wurde am Bahnhof im nordfranzösischen Arras festgenommen. Er war in Brüssel zugestiegen.

Der französische Innenminister Bernard Cazeneuve lobte die US-Soldaten für ihre "Kaltblütigkeit" und ihren Mut. Sie hätten ein möglicherweise "schreckliches Drama" verhindert. Auch US-Präsident Barack Obama dankte den beiden für ihren Mut und ihre schnelle Reaktion. "Ihre heldenhafte Tat hat möglicherweise eine viel schlimmere Tragödie verhindert", erklärte er.

Der Täter soll in jüngster Zeit auch nach Syrien gereist sein

Der Verdächtige wurde am Bahnhof im nordfranzösischen Arras festgenommen. Er war in Brüssel zugestiegen. Nach ersten Ermittlungen handelt es sich um einen 26-Jährigen marokkanischer Abstammung, über den eine Geheimdienstakte vorlag. Er habe zeitweise in Spanien gewohnt. Laut der spanischen Zeitung "El País" war er vom spanischen Geheimdienst als radikal eingestuft und den französischen Behörden gemeldet worden. Er soll in jüngster Zeit nach Syrien gereist sein.

Augenzeugen beschrieben, der Mann habe plötzlich Schüsse abgegeben. Dann habe sich "jemand mit einem grünen T-Shirt auf ihn gestürzt und ihn zu Boden gedrückt". "Ich habe Schüsse gehört, vielleicht zwei, und ein Typ ist zusammengebrochen", schilderte die New Yorkerin Christina Cathleen Coons, die im Waggon 12 des Thalys-Zuges saß. "Überall war Blut."

Am Bahnhof von Arras durchsuchten Ermittler den Zug, während die Identität der 554 Passagiere überprüft und ihr Gepäck durchsucht wurde. Mit Sonderzügen wurden sie in der Nacht nach Paris gebracht.

Bei dem Vorfall wurde nach Angaben des französischen Bahnbetreibers SNCF auch der französische Schauspieler Jean-Hugues Anglade leicht verletzt. Der aus dem Kultfilm "Betty Blue" bekannte Darsteller verletzte sich demnach, als er den Zugalarm auslösen wollte.

Züge sollen besser geschützt werden

Auch wenn das Motiv des Täters vorerst im Dunkeln bleibt, dürfte der Vorfall die Beunruhigung in Frankreich nach mehreren islamistischen Anschlägen in diesem Jahr erhöhen. Im Januar hatten drei Islamisten bei Anschlägen auf die Satirezeitung "Charlie Hebdo" und einen jüdischen Supermarkt in Paris 17 Menschen getötet. Im Juni enthauptete ein 35-Jähriger bei einem mutmaßlich islamistischen Anschlag nahe Lyon seinen Chef und brachte in einer Industrieanlage Gasflaschen zur Explosion. Auch in diesem Fall soll es Verbindungen zur IS-Miliz in Syrien gegeben haben.

Wegen des versuchten Anschlags sollen nun Hochgeschwindigkeitszüge besser geschützt werden. Patrouillen mit Sicherheitskräften aus Frankreich und Belgien sollen die Züge kontrollieren, teilte der belgische Premier Charles Michel am Samstag nach einer Sitzung des nationalen Sicherheitsrates mit. Zuvor hatte bereits die Bahngesellschaft SNCB Polizeischutz für die Züge angekündigt, die Brüssel mit den Niederlanden, Deutschland und Frankreich verbinden. Auch die internationalen Bahnhöfe in Belgien sollen besser geschützt werden. Tsp/AFP/dpa

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