USA : Der Strippenzieher als Held

Vize-Präsidentschaftskandidat Paul Ryan begeistert den Parteitag der Republikaner.

von
Paul Ryan mit Ehefrau und Kindern nach seiner Rede beim Parteitag.
Paul Ryan mit Ehefrau und Kindern nach seiner Rede beim Parteitag.Foto: AFP

Am zweiten Tag kam das Treffen der Republikaner richtig in Schwung und erreichte die Betriebstemperatur, die von Nominierungsparteitagen erwartet wird. Dort werden nicht auf seriöse Weise Sachthemen mit allem Für und Wider diskutiert. Die Redner sollen mit markigen Sprüchen die Reihen fester schließen. Der vorletzte Abend gehört traditionell dem Vizepräsidentschaftskandidaten. Paul Ryan begeisterte die Delegierten mit seinem Auftritt. Viele meinten hinterher, sie hätten einen künftigen Präsidenten erlebt. Selbst wenn Mitt Romney 2012 verliert und Ryan mit ihm – er ist ja erst 42 Jahre alt und gehört jetzt schon zu den Stars der Partei. Er kann 2016 oder 2020 selbst antreten.

Bei seiner Rede in der Nacht zu Donnerstag betätigte er sich nicht als kleinlicher Wadenbeißer, sondern trug in großem Ernst die Schwachpunkte der Regierung Obama vor: Wirtschaftsflaute, Arbeitslosigkeit, Steuerpolitik und vor allem die bei den Konservativen verhasste Gesundheitsreform. Anfangs wirkte er ein wenig nervös, griff etwas zu oft zum Wasserglas und blickte sogar mehrfach auf seine Armbanduhr. Er zwang sich, langsamer und ruhiger zu sprechen, als es sonst seine Art ist, und wurde souveräner.. Immer wieder riss er die mehreren tausend Delegierten von den Sitzen. „Let’s get it done!“ Nicht nur anpacken wollen Romney und er, sondern die schweren Aufgaben auch zu Ende führen: das Staatsbudget ausgleichen, die Schulden abbauen, das Gesundheits- und das Rentensystem, das durch die alternde Gesellschaft an seine Grenzen stößt, reformieren. Da teilte Ryan Seitenhiebe auf Präsident Obama aus. „Wir werden nicht der Regierung vor uns die Schuld geben. Wir übernehmen selbst die Verantwortung.“ Ryan griff nicht zu polemischen persönlichen Angriffen, wie Sarah Palin, die Vizekandidatin von 2008, das getan hatte. Er stellte sachpolitische Unterschiede heraus.

Ehrlich argumentierte auch er nicht immer. Er warf Obama vor, dass er eine überparteiliche Schuldenkommission eingesetzt, aber aus deren Empfehlungen nichts gemacht habe. Ryan verschwieg, dass er selbst Mitglied dieser Kommission war, aber gegen deren Vorschläge gestimmt hatte. Er griff Obama abermals an, weil dieser „Medicare“, die Gesundheitsversorgung der Senioren, kaputt sparen wolle – und unterschlug, dass er die selben Kürzungen plant. Auch einige herzbewegende Momente fehlten nicht. Als Ryan das Schicksal seiner Mutter schilderte, die früh verwitwet war, aber die Kinder durchbringen musste, wischte er sich eine imaginäre Träne aus dem Augenwinkel.

Die Grundlage für Ryans Erfolg hatte 50 Minuten zuvor die frühere Außenministerin Condoleezza Rice gelegt. Sie hielt die bis dahin beste Rede des Parteitags und wurde mit „Condi, Condi“-Rufen gefeiert. Dabei redete sie den Delegierten nicht nach dem Mund. Es wirkte unverstellt und authentisch, wie sie ihre Überzeugungen vortrug. Die USA werden als Weltmacht gebraucht – sofern sie zu ihren Idealen stehen: Freiheit, Selbstbestimmung und Freihandel rund um die Erde. Sie warnte vor dem Schuldenberg: „Wer die Kontrolle über seine Finanzen verliert, verliert die Kontrolle über seine Zukunft.“ Und sie fuhr fort: „Es gibt kein Land auf der Welt, auch China nicht, dass uns so viel Schaden zufügen kann wie wir uns selbst, wenn wir das Notwendige nicht tun.“ Für ihren Aufruf, alternative Energien zu fördern und das Einwanderungsrecht zu reformieren, gab es freilich keinen Beifall. Rice hob die Stimmung spürbar. Das kam Ryan zugute. Am Ende feierten die Konservativen ihn ausgiebig. Und so war klar: Mitt Romney würde es schwer haben, den Auftritt seines Vize zu überbieten.

» Mehr Politik? Tagesspiegel lesen + 50 % sparen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben