Die Positionen Russlands

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USA und Russland im Streit um MH17 : Wie gegensätzlich die Fakten gedeutet werden
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Für eine objektive und lückenlose Aufklärung des Absturzes der malaysischen Boeing 777 über der Ostukraine durch Experten der ICAO – der Internationalen Organisation für zivile Luftfahrt –, die am Montag in Kiew eintrafen, hatte Russlands Präsident Wladimir Putin von Anfang an plädiert. Konkrete Taten, wie sie die internationale Gemeinschaft fordert – vor allem Druck auf die pro-russischen Separatisten auszuüben –, ließen indes auf sich warten. Doch bei jüngsten Telefonaten mit westlichen Amtskollegen signalisierte der Kremlchef Kompromissbereitschaft.

Russische Beobachter sind uneins über die Gründe. Einige glauben an die heilsame Wirkung drohender „harter“ Sanktionen, die Russlands Wirtschaft empfindlich treffen würden. Andere vermuten Druck durch die Lobby russischer Airlines, die seit Schließung des ukrainischen Luftraums herbe Verluste erleiden.

Wieder andere vermuten, Moskau sei zur Kooperation bei der Aufklärung der Boeing-Katastrophe bereit, weil weder Russland noch die Separatisten dabei etwas zu fürchten hätten. Anders die Ukraine. Deren Führung musste sich Sonntagabend vom russischen Staatsfernsehen sogar den Vorwurf gefallen lassen, angebliches Beweismaterial für die Schuld der Separatisten und ihrer Paten auf „allerhöchster Ebene“ manipuliert zu haben, darunter die digitalisierte Aufzeichnung der Gespräche der Separatisten-Kommandeure nach dem Abschuss.

Nikolai Popow, beim Inlandsgeheimdienst FSB für die Analyse von Tondokumenten zuständig, behauptet, es handle sich dabei um eine Collage aus mehreren Fragmenten, die der ukrainische Geheimdienst SBU offenbar in fliegender Hast zusammengeschustert habe. Die Sätze seien teilweise unvollständig, auch hätten die Autoren vergessen, die Marker zu löschen, die bei der Zusammenführung von Audio- oder Video-Dateien gesetzt werden, sowie die Datei-Information der Originale. Daraus gehen auch Erstelldatum und -uhrzeit bis zu Zehntelsekunden genau hervor. Einer der Schnipsel, die Popow vorzeigte, stamme vom Tag vor der Katastrophe – da hatten die Separatisten eine ukrainische Militärmaschine abgeschossen. Der SBU habe ihn jedoch so manipuliert, als ob es um die Boeing gehe.

Raketenkonstrukteur: MH17 wurde von der Ukraine abgeschossen

In der Sendung kam auch der Vize-Chefkonstrukteur des Herstellers der Raketenwerfer, Stanislaw Fjodorow, zu Wort. BukM1, sagte er, seien technisch sehr anspruchsvolle und komplexe Systeme, das Bedienpersonal – sechzehn Mann – würde sechs bis zwölf Monate intensiv geschult. Die Kämpfe zwischen Regierungstruppen und Separatisten begannen jedoch erst vor drei Monaten. Die Boeing sei von Kiewer Regierungstruppen abgeschossen worden, durch die Trägheit der Masse aber noch mehrere Minuten geflogen, so die Darstellung von Russlands Vizeverteidigungsminister Anatoli Antonow. Daher sei das Wrack auf dem von pro-russischen Milizen kontrollierten Gebiet aufgeschlagen. Und der frühere Oberkommandierende der Luftwaffe, Wladimir Michailow, fügte hinzu, eigentlich hätten die Trümmer über Russland niedergehen sollen, um „unsere Führung mit noch mehr Dreck“ bewerfen zu können. Maximal drei weitere Flugminuten, so der Vier-Sterne-General im Ruhestand, und es hätte geklappt. Er hält es auch für möglich, dass die Boeing von einer ukrainischen Luft-Luft-Rakete getroffen worden sei. Augenzeugen hätten, als sie den Motorenlärm der Boeing hörten, in großer Höhe ein weiteres Flugzeug ausgemacht.

Die Boeing war nach Erkenntnissen des russischen Generalstabs kurz vor der Katastrophe um etwa 14  km vom Kurs in Richtung der ukrainischen Buk-Stellungen entfernt, habe dann versucht, wieder die vorgesehene Flugbahn zu erreichen, das aber nicht mehr geschafft, sagte der Leiter der operativen Hauptabteilung der Behörde, Andrei Kartopolow am Montagnachmittag in Moskau der Presse. Die Gründe für die Kurskorrektur, die Malaysia seinen Worten nach bestreitet, seien bisher unklar, darüber könne nur die Auswertung der Flugschreiber Auskunft geben.  Ein russisches Radar, so der Generalstäbler weiter, habe zudem unmittelbar vor der Katastrophe im Abstand von drei bis fünf Kilometern zu der Unglücksmaschine ein ukrainisches Flugzeug registriert, wahrscheinlich ein Kampfjäger des Typs   SU-25. Dieses habe auf Aufforderungen russischer Lotsen, sich zu identifizieren, nicht reagiert und auch nicht reagieren können, weil Militärmaschinen nicht mit derartiger Technik ausgestattet sind. Moskau drängt daher auf Veröffentlichung der Aufnahmen, die ein US-Satellit gemacht hat, der zur Tatzeit das Gebiet überflog. Aus den Satelliten-Bildern, so glaubt der Generalstäbler, würde auch klar, dass es sich bei den Fotos vom angeblichen Rückzug der Buk-Raketen Richtung Russland um eine Fälschung handelt.