Varoufakis, Stinkefinger, EU : Schluss mit der Varoufakismania!

In der Diskussion über Griechenland könnte es um das große Ganze gehen. Aber seit Wochen bestimmt nur ein Mann die Schlagzeilen. Das muss aufhören. Ein Kommentar.

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Yanis Varoufakis bei einer Abstimmung im Parlament.
Yanis Varoufakis bei einer Abstimmung im Parlament.Foto: dpa

Am 25. Januar in Athen auf dem Syntagma-Platz: Das Gefühl, es könnte ein historischer Abend werden. Er könnte Europa verändern. Denn dass es in den Verhandlungen zwischen den EU-Geldgebern und Griechenland mit der Syriza-Partei nicht einfach so weitergehen würde wie bisher, das war klar. Europas Regierungen bekamen einen neuen Mitspieler, einen unberechenbaren, einen fordernden, einen, mit neuen Ideen - das versprach zumindest spannend zu werden.

Dieser Abend ist jetzt knappe sieben Wochen her und das Ergebnis ist bislang frustrierend. Politisch hat sich kaum etwas bewegt. Auf scheinbare Kompromisse folgt regelmäßig ein weiterer Schritt zur Eskalation, innenpolitisch herrscht in Griechenland völliger Stillstand. An diesem Donnerstag nun geht es in Brüssel erneut um alles. Die griechische Regierung braucht dringend frisches Geld, um die Schulden bedienen zu können. Schon jetzt hat sie alle Ausgaben außer Renten und Löhnen gekappt, ein Kurs, den keine Regierung lange überlebt.

Die Schuld für diesen Zustand sieht jede der Parteien beim jeweils anderen, Griechenland bei den EU-Partnern und die bei Griechenland. Der Internationale Währungsfonds hat sich sogar dazu hinreißen lassen, das Land als den "am wenigsten hilfreichen Klienten aller Zeiten" zu betiteln, die Beschimpfungen deutscher Politiker durch ihre griechischen Pendants sind bekannt. Ebenso die Kampagne der Bildzeitung, die ihrerseits vor Beleidigungen "DER" Griechen nicht zurückschreckt. Über diese sich zuspitzende Situation, über die immer größeren Aggressionen auf beiden Seiten, kann man sich Sorgen machen.

Können wir bitte wieder über Politik reden?

Doch welche Frage wird in Deutschland seit Wochen am häufigsten gestellt? Ganz einfach: Was will Yanis Varoufakis? (In Variationen: Was trägt Yanis Varoufakis? Was sagt Yanis Varoufakis? Was meint Yanis Varoufakis? Ist Yanis Varoufakis verrückt geworden? Ist Yanis Varoufakis ein kluger Kopf? Woher hat Yanis Varoufakis eigentlich die ganze Kohle? und nun final: Lügt Yanis Varoufakis?) Im Ernst: Warum ist das so interessant? Zugegeben, der Mann hat einen wichtigen Job. Einen sehr wichtigen Job. Er ist der Finanzminister dieser Regierung, also zählt, was er sagt und was er will. Auch dann, wenn er quasi unzählige Interviews gibt. Aber der Unterhaltungsfaktor führt die Debatte inzwischen vollkommen ins Abseits.

Stinkefinger, Fake-Finger und Fake-Fake-Finger sind amüsant. Nur: Die persönliche Eitelkeit des Herrn V. kann vielleicht an seinem Mittelfinger gemessen werden. Aber anders als in Deutschland scheinbar angenommen, nicht die Zusagen oder Taktiken der gesamten Syriza-Regierung. Dieses Bündnis ist extrem heterogen, vom Euro-Fan bis zum Euro-Gegner ist dort alles zu finden, genauso wie von gemäßigten Ansichten bis hin zu radikalen. Die Zusagen dieser Regierung sind an ihren Beschlüssen zu beurteilen. Daran, was sie an Gesetzen durch das Parlament bringen werden und daran, welche Papiere sie in Brüssel unterschreiben werden.

Vielleicht klappt die Zusammenarbeit auch gar nicht mehr und es kommt zum großen Knall. Aber die Zuspitzung auf die Rolle von Yanis Varoufakis funktioniert auf Dauer nicht. In Athen hat der Minister auch viele Kritiker, auch dort finden sie seine Auftritte überzogen, manchmal sogar peinlich. Bisher gilt für Syriza aber: Eine Absetzung oder ein Rücktritt zeige Schwäche gegenüber dem Gegner. Es könnte also sein, dass der Mann Europa erhalten bleibt.

Diesem Europa, das mit Männern wie Silvio Berlusconi zusammengearbeitet hat, sei an dieser Stelle kurz angemerkt. Können wir bitte trotzdem wieder über Politik reden? Darüber, wie es mit Griechenland und dem Euro weitergehen soll? Darüber, was Europa generell ausmachen soll? Welchen Regeln die Gemeinschaft folgen soll? Von mir aus auch: ob diese ganze Aufregung wegen Griechenland überhaupt gerechtfertigt ist?

Aber bitte keine Lederjacken, Terrassenfotos und Finger mehr.

Danke.

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