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Verdacht auf Kindesmissbrauch : Neonazi und Zeuge im NSU-Prozess sitzt in U-Haft

Ein prominenter Neonazi und wichtiger Zeuge im NSU-Prozess sitzt wegen Verdachts auf Kindesmissbrauch in Untersuchungshaft. Im Prozess in München wird derweil deutlich, wie knapp die Tochter eines Iraners bei dem Anschlag der rechtsextremen Terrorzelle mit dem Leben davonkam.

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120. Verhandlungstag im NSU-Prozess in München.
120. Verhandlungstag im NSU-Prozess in München.Foto: dpa

Einer der mutmaßlich wichtigsten Zeugen im NSU-Prozess,  der frühere Neonazi-Anführer und Ex-V-Mann Tino Brandt, sitzt seit Mittwoch wegen des Verdachts auf Kindesmissbrauch in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft Gera hatte einen Haftbefehl gegen Brandt beantragt, nachdem ihn ein 15-Jähriger schwer beschuldigt hatte. Die Befragung des Jugendlichen erfolgte in einem bereits laufenden Ermittlungsverfahren gegen Brandt. Der 39-Jährige soll männliche Jugendliche und junge Erwachsene der Prostitution zugeführt haben. Brandt steht in Verdacht, seit 2011 als Zuhälter tätig gewesen zu sein. Er soll von dem Geld, das die Freier den Prostituierten zahlten, mehr als die Hälfte als Provision einbehalten haben. Am Mittwoch wurden mehrere Wohnungen durchsucht, darunter die von Brandt in Rudolstadt.

"Tino Brandt hat unsere Bewegung aufgebaut"

Der Mann ist eine obskure Figur. Bei der Staatsanwaltschaft Gera ist noch ein  weiteres Verfahren gegen den ehemaligen Häuptling der rechtsextremen Szene in Thüringen anhängig. Brandt soll sich mit etwa einem Dutzend Personen an einem gewerbsmäßigen Bandenbetrug beteiligt haben. Einer der Beschuldigten, Thomas D., war ebenfalls Wortführer der rechten Szene und auch als V-Mann für den Thüringer Verfassungsschutz aktiv.

In dem Verfahren geht es um drei kleine Firmen aus Thüringen und Sachsen, die teure Unfallversicherungen für Mitarbeiter abgeschlossen hatten und dann mutmaßlich fingierte Arbeitsunfälle meldeten. Die Versicherungen sollen bereits mehr als 700.000 Euro gezahlt haben. Sicherheitskreise halten es für denkbar, dass mit dem Geld Aktivitäten der rechten Szene finanziert werden sollten. Brandt scheint, obwohl er 2001 als Spitzel enttarnt wurde, immer noch Kontakte zu Neonazis unterhalten. Im Januar erschien auf einer Homepage Thüringer Rechtsextremisten der Leserbrief eines wütenden Neonazis, der von einem Szenetreffen in Rudolstadt berichtete. Brandt soll dort aufgetaucht sein. Der Leserbriefschreiber will sich beschwert haben und behauptet, er sei von anderen Rechten bedroht worden, die mit Brandt sympathisierten. "Wenn du was gegen V-Männer hast, bist du hier an der falschen Adresse", soll geäußert worden sein. Und: "Tino Brandt war zwar V-Mann, aber er hat unsere Bewegung aufgebaut und genug Geld zur Verfügung gestellt, also lass' ihn in Ruhe."

In den 1990er Jahren hatte Brandt die Kameradschaft "Thüringer Heimatschutz" formiert. In ihr waren auch die 1998 abgetauchten Neonazis Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe aktiv waren. Parallel spitzelte Brandt für den Thüringer Verfassungsschutz und erhielt insgesamt 200.000 D-Mark Honorar. Einen Großteil des Geldes will der Neonazi in die Szene gesteckt haben. Ein Beamter des BKA sagte zudem im Juli 2013 im NSU-Prozess, Brandt habe sich bei Diskussionen mit Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe mutmaßlich für den bewaffneten Kampf ausgesprochen. Mitte Juli soll Brandt als Zeuge im NSU-Prozess als Zeuge befragt werden. Er müsste dann vermutlich aus der Untersuchungshaft vorgeführt werden.

Tochter eines Iraners entging knapp dem Tod

Unterdessen wurde am Donnerstag im Prozess am Oberlandesgericht München deutlich, wie knapp die Tochter eines iranischen Lebensmittelhändlers bei dem Anschlag der rechtsextremen Terrorzelle in der Kölner Probsteigasse mit dem Leben davon kam. Es ging um Sekunden, wie ein Sprengstoffexperte des bayerischen Landeskriminalamts erläuterte. Der Zündmechanismus der Bombe, die am 19. Januar 2001 im Geschäft hoch ging, war nicht mehr stark genug, um eine sofortige Explosion auszulösen. Sie traf die Tochter des Einzelhändlers erst einige Sekunden, nachdem sie die präparierte Christstollendose geöffnet und sich dann zu einem Schreibtisch begeben hatte. Zum Glück für die Frau habe die Zündung nicht sofort funktioniert, sagte der Chemiker. Sonst hätte "akute Lebensgefahr" bestanden.

Die Dose hatte laut Bundesanwaltschaft entweder Uwe Mundlos oder Uwe Böhnhardt kurz vor Weihnachten 2000 in dem Geschäft hinterlassen. Der Täter war mit einem  einen Präsentkorb, in dem der Blechbehälter lag, in den Laden gekommen und hatte noch eine Whiskey-Flasche dazu getan. Unter dem Vorwand, sein Portemonnaie vergessen zu haben, ließ er den Korb stehen und verschwand. Der Einzelhändler stellte den Korb in einem hinteren Raum ab, dort öffnete die neugierige Tochter etwa einen Monat später die Christstollendose. Da sich fünf der sechs Akkus im Zündmechanismus inzwischen entladen hatten, flog die im Behälter liegende, mit Schwarzpulver gefüllte Gasdruckflasche nicht sofort in die Luft – wie es der NSU offenkundig geplant hatte.

Ein großes Käsemesser flog durch die Luft

Die Tochter, erstaunt über den Anblick der Flasche in einer Christstollendose, machte diese wieder zu, ging zu dem Schreibtisch und bückte sich, um eine Schublade zu öffnen. In dem Moment explodierte die Bombe dann doch. Obwohl die junge Frau überlebte, waren die Folgen verheerend. Das Opfer wurde von vielen Splittern getroffen, die Hitze der Stichflamme verbrannte Haut im Gesicht und an den Armen, der Knall zerriss in beiden Ohren das Trommelfell. "Die Augen waren zugeklebt durch die starken Verbrennungen", sagte die Frau, die namentlich nicht genannt werden möchte, Anfang Juni im Prozess.

Glück im Unglück hatten auch Mitglieder der Familie, die bei der Explosion im Geschäft waren. Es wurde nicht nur der Aufenthaltsraum, in dem die Tochter war, verwüstet. Die Druckwelle traf auch den Verkaufsraum. Ein großes Käsemesser flog durch die Luft. Da habe eine "hohe Verletzungsgefahr" bestanden, sagte der Sprengstoffexperte. Die Gefahr war durchaus konkret. Eine weitere Tochter des Einzelhändlers sagte Anfang Juni im Prozess, sie habe an der Käsetheke gestanden, als das Messer an ihr vorbeiflog.

Die Druckwelle zerstörte zudem die Schaufensterscheibe. Da der Rollladen, es war früh am Morgen, noch heruntergezogen war, flogen keine Glasscherben in die Probsteigasse. So entgingen Passanten dem Szenario, das ein Rechtsmediziner am Donnerstag im Prozess schilderte: "Das Anfälligste bei Glassplitterverletzungen ist das Auge."