Vereinte Nationen und die Flüchtlinge : Das Ende der Zärtlichkeit

Eigentlich wollte sich die Sonderkonferenz der UN in Genf auf eine Verteilung von syrischen Flüchtlingen einigen. Das Ergebnis ist ein Skandal. Ein Kommentar.

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Alleingelassen von der Welt: Flüchtlinge im Lager Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze.
Alleingelassen von der Welt: Flüchtlinge im Lager Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze.Foto: Armando Babani/dpa

Humanismus, Wertegemeinschaft, Solidarität. An schönen, großen Worten hat es in der Vergangenheit nicht gefehlt, um die angebliche Hilfsbereitschaft von Staaten und Staatengemeinschaften und die Leitlinien ihrer Politik in der Flüchtlingskrise zu beschreiben. Aber: Mit Humanismus, Wertegemeinschaft und Solidarität ist es nicht so weit her, wenn es ums Konkrete geht – von wenigen Ausnahmen abgesehen. Letzter Beweis: die Genfer UN-Sonderkonferenz zur gerechteren Verteilung der syrischen Kriegsflüchtlinge. Sie ist am Mittwoch gescheitert. Und mit ihr ist wieder ein bisschen Humanismus verlorengegangen, sind Wertegemeinschaften von ihren hehren Zielen abgerückt, hat es mal wieder an Solidarität gefehlt.

Da sitzen Vertreter von rund 90 eher gutsituierten Staaten beisammen und einigen sich auf die – jetzt kommt’s – zusätzliche Verteilung von 7000 Syrern in der laut UN-Generalsekretär Ban Ki Moon "größten Flüchtlings- und Vertreibungskrise unserer Zeit". In Worten: siebentausend!

Damit hat sich zwar die Zahl der zugesagten Aufnahmeplätze auf 185.000 erhöht. Von den angestrebten 480.000 ist das aber noch ein gutes Stück weit weg. Und angesichts der nach UN-Angaben mehr als elf Millionen Menschen, die in Syrien selbst oder außerhalb auf der Flucht sind, ist es skandalös wenig. Über die mindestens 60 Millionen Menschen, die weltweit ihre Heimat verlassen haben, verlassen mussten, redet sowieso kaum jemand.

Der sogenannte Westen, die "Erste Welt", die Europäische Union, die reichen Länder Arabiens – sie alle blamieren sich vor der Weltöffentlichkeit, vor den Leidtragenden der Kriege und Hungerkatastrophen, vor sich selbst. Ihnen ist keine Ausrede zu peinlich, warum gerade ihr Land gerade jetzt keine oder nur sehr wenige der Geflüchteten aufnehmen kann: fragile Gesellschaften, aufkommender Fremdenhass, Überfremdung, die Etablierung rechter Parteien, zu christlich für Muslime. An falschen Argumenten und mangelndem Willen fehlt es nicht. An Schamesröte umso mehr.

Die geschlossene Balkanroute und das Elendslager Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze werden so zur inhumanen Vorlage für die ganze Welt. Abschottung, Ausgrenzung, nationale Egoismen sind das genaue Gegenteil von Humanismus, Wertegemeinschaft und Solidarität.

"Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker" brachte es einmal ein Revolutionär auf den Punkt. Sie fehlt. Es ist kalt geworden auf der Welt.

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