Politik : Vergifteter Wahlkampf in Kiew

Thomas Roser

Warschau/Kiew - Eine mysteriöse Erkrankung des oppositionellen Präsidentschaftskandidaten Viktor Juschtschenko belastet den Wahlkampf in der Ukraine. Dieser hatte den Vorwurf erhoben, dass auf ihn ein Giftanschlag verübt worden sei. Der Oppositionschef solle sich für die Behauptung öffentlich entschuldigen, fordert nun Premier Viktor Janukowitsch, der ebenfalls für das Amt des Präsidenten kandidiert. Doch Juschtschenko ist bereits am Mittwoch von Kiew zu neuerlichen Behandlungen seiner Beschwerden in ein Wiener Krankenhaus gereist. Wann und ob der Kandidat vor den Präsidentschaftswahlen am 31. Oktober wieder in den Wahlkampf einsteige, sei ungewiss, sagte seine Sprecherin Tatjana Mokridi dem Tagesspiegel: „Viktor Juschtschenko ist im Moment einfach krank.“

Ausgerechnet nach einem Abendessen mit dem ukrainischen Geheimdienstchef Ihor Smeshko auf dem Landsitz von dessen Stellvertreter hatte der Oppositionschef Anfang September über starke Kopf- und Magenschmerzen zu klagen begonnen. In dem Wiener Privatkrankenhaus, wo sich Juschtschenko Mitte September über eine Woche lang behandeln ließ, wurden akute Gastritis, eine Bauchspeicheldrüsenentzündung und andere Magenerkrankungen registriert. Während der Krankenhaus-Direktor betonte, dass die Ärzte keine Hinweise auf eine Vergiftung gefunden hätten, wollte der behandelnde Arzt eine solche gegenüber der BBC nicht ausschließen.

Juschtschenko ist indes davon überzeugt, dass er bewusst aus dem Verkehr gezogen werden sollte. Nach seiner zwischenzeitlichen Rückkehr nach Kiew sagte der geschwächte Präsidentschaftskandidat, dass ihn „die Autoritäten“ vergiften wollten. Das Parlament hat inzwischen einen Untersuchungsausschuss zur Prüfung der Vorwürfe eingesetzt. Der Ausschussvorsitzende Wolodimir Siwkowytsch hat die Staatsanwaltschaft aufgrund neuer Erkenntnisse „dringend“ darum ersucht, Juschtschenko unter Personenschutz zu stellen.

In den Meinungsumfragen führt der als prowestliche geltende Juschtschenko mit rund sieben Prozentpunkten Vorsprung vor Janukowitsch. Bei einer wahrscheinlichen Stichwahl scheint jedoch der von dem umstrittenenen Amtsinhaber Leonid Kutschma unterstützte Premier die besseren Karten in der Hand zu haben. Janukowitsch wird nicht nur von der Verwaltung und dem Sicherheitsapparat, sondern auch von Moskau und den mächtigen Oligarchen-Clans in der Ukraine unterstützt.

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