Verkehr, Auto und autofreie Städte : Berlin macht Rückzieher, andere Städte nicht

Abgasfreier Verkehr? In Berlin ist der autofreie Kiez erst einmal abgesagt worden. Andere Städte demonstrieren, wie Mobilität in Metropolen grüner, leiser, freundlicher sein kann. Den Anfang machte Seoul.

von , , , , , und Marc Leijendekker
Oster-Stau 2014 in Stuttgart.
Oster-Stau 2014 in Stuttgart.Foto: dpa

Vor einem guten halben Jahr stieg in der südkoreanischen Millionenstadt Suwon das weltweit erste „Ecomobility Festival“. Einen Monat lang wurden Verbrennungsmotoren von den Straßen verbannt. Auch wenn vordergründig wieder alles beim Alten ist, sollen Stadtbild und Verkehr dauerhaft grüner werden.

Die Ampel ist rot, ein Fahrrad bleibt stehen, hinter ihm ein Pushcar. Als das Licht auf Grün springt, heult kein Motor auf, keine Auspuffe arbeiten, nirgendwo riecht es nach Benzin. Stattdessen tönen Klingeln, das Tempo ist langsamer als sonst, dafür aber auch der Geräuschpegel niedriger. Kein Stau, keine große Unfallgefahr. Der Verkehr fließt, und eine gute Minute später, wenn die Fahrer auf der Hauptstraße wieder Rot haben, wiederholt sich das Bild. Jedes Mal bleibt die Innenstadt ohne Abgase.

Ein träumerischer Blick in die Zukunft? Zunächst ist es einer in die nahe Vergangenheit. Im vergangenen September verzichtete der Bezirk Haenggung-dong in Suwon, 45 Kilometer südlich von Südkoreas Hauptstadt Seoul, für einen Monat bei allen Transporten auf die Nutzung fossiler Brennstoffe. Autos wurden von den Straßen verbannt, Verkehrsmittel mussten ohne Motoren funktionieren. Nie zuvor hatte eine Stadt über einen so langen Zeitraum auf so viel Bequemlichkeit im Transportwesen verzichtet. Suwons Bürger leisteten weltweit Pionierarbeit.

Einen Monat autofrei in Suwon

Nichts Geringeres als das „Paradigma der Transportplanung“ sollte hier umgekehrt werden, wie der deutsche Kreativdirektor des Festivals, Konrad Otto-Zimmermann, angekündigt hatte. „Das bedeutet: Beginne mit Fußgängen. Was du nicht laufen kannst, dafür nimm das Fahrrad. Und wenn das nicht geht, steige auf irgendein anderes nicht-motorisiertes Fahrzeug um, wie Push- oder Pullkart, was auch immer hilft. Und wenn das nicht möglich ist, gibt es den öffentlichen Verkehr.“ Trotz anfänglichen Widerstands der Anwohner, wie auch derzeit in Berlin-Pankow, wo über einen ähnlichen Ansatz für das kommende Jahr nachgedacht wird, hielt Suwon durch. Tatsächlich war einen Monat lang kein Auto in Betrieb.

Vier Wochen lang hat die südkoreanische Stadt Suwon auf die Benutzung von Autos verzichtet. Seither rollt der Verkehr wieder. Aber zumindest haben die meisten erkannt, dass es auch anders geht.
Vier Wochen lang hat die südkoreanische Stadt Suwon auf die Benutzung von Autos verzichtet. Seither rollt der Verkehr wieder. Aber...Foto: dpa

Der Bürgermeister Yom Tae-young hatte seine Bewohner vorbereitet: „Wir müssen uns mit der unbequemen Wahrheit anfreunden, dass uns die fossilen Brennstoffe irgendwann ausgehen werden“, sagte er zur Festivaleröffnung. Zu einer dreitägigen Konferenz waren im Voraus 600 Politiker und Bürokraten aus 40 Ländern gekommen. Sie wollten wissen, wie diese Großstadt Suwon, oder zumindest ein Teil davon, das schaffen sollte: Einen Monat ohne Autos? In einem Land, aus dem mit Hyundai und Kia zwei der größten Autohersteller der Welt kommen? In einer Gesellschaft, die sich binnen weniger Jahrzehnte zu einer Industrienation gemausert hat und wo das Auto auch deshalb als wichtiges Statussymbol gilt?

Das Städtebündnis Iclei hatte die Idee

Die Idee für das Festival kommt vom UN-initiierten und in Bonn ansässigen Städteverband Iclei (International Council for Local Environmental Initiatives). 2011 stellte dieser das Konzept der motorfreien Stadt erstmals vor und suchte nach Standorten für die Umsetzung. Wegen der großen Herausforderung näherte man sich Suwon an: ein Ort mit alter Stadtstruktur, engen Straßen, dicht aneinandergebauten Häusern und daher einem hohen Geräuschpegel.

Die Veränderung durch die Abwesenheit motorisierter Fahrzeuge würde hier besonders auffallen, so die Überlegung. Während etwa in den fahrradfreundlichen Niederlanden 36 Prozent der Reisen mit dem Rad zurückgelegt werden, und im benachbarten Japan immerhin ein Fünftel, liegt dieser Anteil in Südkorea nur bei 1,5 Prozent. Das industriell geprägte Suwon, wo unter anderem der Elektronikkonzern Samsung einen wichtigen Standort unterhält, liegt noch unter dem nationalen Durchschnitt.

Vor dem Festival war Haenggung-dong ein vernachlässigter Stadtteil

Der Bezirk Haenggung-dong ist eine der unterentwickelten Gegenden der Stadt. Über Jahre wanderten Betriebe ab, Grundstückpreise liegen niedriger als in anderen Stadtteilen. „Wir wollten dem Viertel neues Leben einhauchen, etwas für die lokale Wirtschaft tun und vielleicht auch damit eine neue Marke für die ganze Stadt schaffen“, sagt Bürgermeister Yom.

Haenggung-dong hat eine Größe von rund 63 Fußballfeldern, auf die 4300 Einwohner kommen 1500 angemeldete Autos. Obwohl es beim „Ecomobility Festival“ nur um einen Monat ging, war der Widerstand anfangs groß. Vor allem lokale Betriebe protestierten, weil ihre Lieferungen unterbrochen und ihr Handel ins Stocken kommen würde. Bürgermeister Yom machte weiter und stieß Stadtentwicklungsinitiativen an. „Erst als die Menschen den Fortschritt in ihrem Viertel sahen, begannen sie, uns zu unterstützen.“ Die Gehwege wurden verbreitert, Blumenbeete angelegt, Straßenlaternen errichtet. Das Viertel wurde heller, freundlicher. Später lobten Anwohner nicht nur den reduzierten Lärmpegel und die Spielmöglichkeiten für Kinder. Auch der Einzelhandel in der eigens eingerichteten Fußgängerzone florierte.

Während des Festivals herrschten einerseits raue Sitten. Immer wenn ein Auto entgegen der Absprache im motorfreien Gebiet geparkt wurde, vergaben Offizielle der Stadt Tickets. Andererseits standen 400 abgasfreie Verkehrsmittel wie Fahrräder, Pushcars, Tandemräder und Anhänger zur kostenlosen Nutzung bereit. Im 15-Minutentakt fuhren sechs Shuttlebusse. Die Post wurde per Fahrrad geliefert, auch die Polizei war ohne Auto unterwegs.

Eine Million Besucher kamen in dem Monat nach Haenggung-dong, der Stadtteil wurde zumindest vorübergehend zum Symbol für einen grünen Verkehr. „Es war ein richtiger Erfolg“, lobte Park Heung-soo, Direktor für Transportpolitik der Stadt Suwon, nach dem Festival. Auch der Vorsitzende der Anwohnervereinigung in Haenggung-dong, Do Jong-ok, ist zufrieden. „Vorher waren die Gehwege nur einen Meter breit und darauf waren auch noch Pfeiler, Fußgänge waren daher gerade für ältere Menschen nicht einfach.“

Das Festival hat auch andere Städte inspiriert

Vertreter anderer Städte fühlen sich inspiriert. „Mehr Straßen zu bauen, um Transportprobleme zu lösen, ist wie Feuer mit Öl löschen zu wollen“, sagt Gil Penosa von der Städtevereinigung 8-80 in Toronto. Aber mittlerweile ist ein gutes halbes Jahr vergangen. Nur noch Kenner des Viertels sehen, wie Haenggung-dong erst letzten Spätsommer umgekrempelt wurde. Autos fahren wieder mit altbekannter Frequenz, an den Kreuzungen sind Hupen zu hören, kaum Fahrradklingeln, Abgase schwelen in der Luft. Wer aber Bescheid weiß, erkennt Veränderungen. Die breiteren Gehwege sind geblieben, die Laternen, das Grün. Mitten im Viertel wurde ein Parkplatz zu einer Art Spielwiese umfunktioniert, auf der sich Kinder austoben und kleine Geschäfte Getränke verkaufen.

Auch 60 Prozent der motorenfreien Fahrzeuge wurden der Verwaltung von Suwon übergeben. Eine Straßenbahn soll gebaut und das Tempo der Autos auf 30 Stundenkilometer reduziert werden. Schulkinder werden verstärkt die Vorzüge nicht-motorisierter Transportalternativen gelehrt. „Die Menschen haben gemerkt, dass es nicht nur möglich ist, in einer Nachbarschaft ohne motorbetriebene Fahrzeuge zu leben, sondern dass es auch Spaß macht und für die Verkehrsteilnehmer sicherer ist“, sagt Yom Tae-young. Bis sich aber die Mentalität umkrempelt, scheint es auch in Suwons Haenggung-dong noch ein weiter Weg. Die ebenfalls neu eingeführten autofreien Wochenenden schätzen die meisten Bewohner bisher eher als eine nette Abwechslung. Vom autobetriebenen Alltag.

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