Verschwunden in Damaskus : Vor einem Jahr wurde Razan Zeitouneh in Syrien entführt

Zum Jahrestag der Entführung der syrischen Aktivistin Razan Zeitouneh mahnen die Familie und viele Organisationen, die Vorgänge aufzuklären. Bis heute fehlt von ihr und ihren Mitstreitern jede Spur. Eine ganz persönliche Erinnerung von Susanne Fischer.

Susanne Fischer
Razan Zeitouneh machte sich im syrischen Krieg Feinde auf allen Seiten.
Razan Zeitouneh machte sich im syrischen Krieg Feinde auf allen Seiten.Foto: Reuters

Die letzte E-Mail, die ich von Razan Zeitouneh aus Syrien bekam, waren Glückwünsche zum zweiten Geburtstag meines Sohnes. Inmitten des täglichen Sterbens um sie herum schaffte die Menschenrechtsanwältin es, an den kleinen Gesten festzuhalten – fast so, als sei auch dies eine Form des Widerstands gegen die Zerstörung der Grundfesten der Zivilisation. Vergangene Woche feierte mein Sohn seinen dritten Geburtstag – dieses Jahr ohne Glückwunsche von Razan. Vor einem Jahr wurde die mehrfach ausgezeichnete Aktivistin, die auch für den Tagesspiegel schrieb, aus ihrem Büro in Douma bei Damaskus entführt, zusammen mit ihrem Mann, Wael Hammadeh, und ihren Mitstreiterinnen Samira Khalil und Nazem Hammadi. Seither fehlt von den #Douma4, wie sie von Freunden genannt werden, jede Spur.

Erinnerung wach zu halten an das Schicksal Einzelner in einem Krieg, in dem Tag für Tag Dutzende Menschen sterben und die Zahl der Verschwundenen in die Zehntausende geht, ist mühsam. Doch genau das haben Freunde und die Familie von Zeitouneh sich für den 9. Dezember, den Jahrestag der Entführung, vorgenommen. Auch der Druck auf die Hintermänner der Entführung soll erhöht werden – denn die Organisatoren der Kampagne „Free #Douma4“ sind sich sicher, diese identifiziert zu haben. In einer Erklärung schreiben sie, die Entführung sei „von mehreren Seiten gemeinsam geplant“ worden und die Namen derer, die dazu aufgerufen hätten, seien bekannt.

Bei der Entführung wurden auch Computer und Modems für Satelliten-Internet gestohlen, mit denen die Entführer oder ihnen nahestehende Personen seither mehrfach Verbindung zum Internet herstellten. Die Fäden aller Indizien kreuzen sich demnach bei der „Islamischen Armee“ unter Führung von Zahran Alloush. Dieser Zusammenschluss von mehr als zwei Dutzend Rebellengruppen ist überwiegend in den Damaszener Vororten aktiv und wird auf 45 000 Kämpfer geschätzt. Zeitounehs Familie hat sich wiederholt an Alloush gewandt und ihn aufgefordert, die Suche nach den Entführten zu unterstützen. In einer gemeinsamen Erklärung fordern außerdem 57 internationale Menschenrechtsorganisationen die Unterstützerstaaten der „Islamischen Armee“ auf, Druck auf die Gruppe auszuüben. Saudi-Arabien und Katar gelten als deren wichtigste Sponsoren.

Die Organisatoren der Kampagne „Free #Douma4“ sehen die Entführung der vier Aktivisten als Teil der „Willkürherrschaft“ der bewaffneten Gruppen im östlichen Ghouta. „Jede unabhängige Stimme wird zum Schweigen gebracht, ebenso wie das Regime dies in den 44 Monaten der Revolution und in den 44 Jahren seiner Herrschaft betrieben hat.“

In der Tat hatte Zeitouneh sich Feinde auf allen Seiten gemacht, indem sie nicht nur die Gräueltaten des Regimes dokumentierte, sondern auch Übergriffe durch die bewaffneten Kämpfer kritisierte. Nach einem Jahr im Untergrund von Damaskus floh sie 2012 nach Ost-Ghouta, wo sie zunächst enthusiastisch an Demonstrationen gegen das Assad-Regime teilnahm. Im August 2013 wurde sie Zeugin der Giftgasangriffe auf Ost-Ghouta: „Ich versuche, den Tag langsam vor meinen Augen zu rekapitulieren in der Hoffnung, wie jeder normale Mensch in Tränen auszubrechen. Dieses Gefühl der Taubheit in meiner Brust macht mir Angst, es ist keine normale Reaktion auf einen Tag, an dem ich über Leichen gestiegen bin, die eine neben der anderen in langen, dunklen Korridoren aufgebahrt liegen.“ Ihre Entführung hat der syrischen Revolution eine wichtige Stimme entzogen, die gerade in Zeiten der Dominanz militärischer und extremistischer Gruppen wichtig wäre, um die Welt an die Ursprünge des Aufstands zu erinnern: den Wunsch nach Freiheit.

Die Autorin dieses Beitrags, Susanne Fischer, ist Journalistin und als Programm-Managerin für das Institute for War and Peace Reporting (IWPR) in Beirut tätig.

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