Vielfalt und Wirtschaft : Der Traum des weißen alten Mannes

Vielfalt in der Chefetage bringt Gewinn. Aber selbst in den USA, Wiege der Diversity-Politik, finden männliche Vorstände Gemütlichkeit wohl wichtiger.

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Aufstieg - geht auf hohen Hacken immer noch nicht so richtig. Dabei wäre es nötig für den Unternehmenserfolg.
Aufstieg - geht auf hohen Hacken immer noch nicht so richtig. Dabei wäre es nötig für den Unternehmenserfolg.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Vielfalt, das ist ein oft vergebenes Etikett, wenn über moderne Industriegesellschaften im Wandel gesprochen wird: Unsere Behörden, Lehrerzimmer, Polizeiwachen, Vorstandsetagen haben mal zu wenig Frauen, mal zu wenig Migranten, mal hält man sich dort Muslime, vorzugsweise Musliminnen – nämlich die mit dem unübersehbaren Kopftuch – vom Leibe. Und manchmal fehlen auch alle drei und das 19. Jahrhundert triumphiert auf der ganzen Linie, in Gestalt des vorzugsweise älteren weißen Mannes, der nicht einmal recht einsehen will, was daran denn falsch sein soll. Die Frauen sollen sich nicht so haben, sie sind durch die Krone der Schöpfung schließlich mitvertreten. Und wenn zu viele Schwarzköpfe mitreden dürfen, fühlt Mann sich schnell ... irgendwie nicht mehr so wie in den 50er Jahren. Günther Jauch zum Beispiel begrenzt, damit sich die andern wohlfühlen – oder er? –, die Anwesenheit von Frauen in seinem Talk seit je strikt auf höchstens eine, egal wie genderrelevant das betalkte Thema ist.

Selbst Amerikanern ist das Thema schnuppe

Amerika, du hast es besser, meinte schon unser aller Goethe. Uraltes Einwanderungsland – in das nicht alle freiwillig kamen – Schmelztiegel aller Hautfarben und Weltanschauungen. Dort ist „diversity“ fester Bestandteil jeder Unternehmens-„Compliance“ und fehlt in keinem „Code of Conduct“, pardon Verhaltenskodex, von Unternehmen.
Nur: Wie sieht’s in den Köpfen aus? Ziemlich anders, fand die Unternehmensberatung Price Waterhouse Coopers in ihrem jüngst veröffentlichten Jahresbericht 2015 über Unternehmensvorstände heraus. Von den 783 befragten Vorständen fanden gerade mal 39 Prozent, dass geschlechtergemischte Teams ihnen „sehr wichtig“ seien. Ethnische Vielfalt war ihnen sogar noch gleichgültiger, die hielt nicht einmal ein Drittel (30 Prozent) für sehr dringend.

Frauen wissen: Vielfalt ist auch wirtschaftlich ein Gewinn

Allerdings wurde auch deutlich, dass das Bild gemischt ist, je nachdem wie groß das Unternehmen, wie lange die Vorstände schon in ihren Sesseln saßen und vor allem: ob sie selbst Männer oder Frauen sind. Die immer noch wenigen Vorstandsfrauen nämlich fanden beinahe doppelt so oft wie ihre Kollegen, dass die Geschlechterfrage wichtig sei (63 gegen 35 Prozent), sie meinten das auch deutlich öfter für die ethnische Frage. Und Vorstandsneulinge fanden Vielfalt im Gremium insgesamt zu 62 Prozent entscheidend, während es unter den dienstälteren Semestern 39 Prozent waren.
Was soll’s, wird der ältere weiße Mann jetzt wieder fragen. Und die berüchtigten Karrierefrauen antworten: Eine Menge! Fast dreiviertel der weiblichen Vorstände (74 Prozent) zeigten sich in der Umfrage überzeugt, dass Vielfalt im Unternehmen dessen Erfolg steigert.

Ein Blick von Corporate America auf die Deutschland-AG

Recht haben sie, der Effekt ist vielfach nachgewiesen. Aber solange der alte weiße Mann das nicht kapiert! „Der Gleichheit der Geschlechter in ,Corporate America’“, seufzte das US-Magazin „Money“, fehle ausgerechnet „die Unterstützung derer, die am besten in der Lage wären, den Weg dahin zu ebnen.“


Und die Deutschland-AG? Beim Tagesspiegel haben wir in zwei Wochen Gelegenheit, es nachzuprüfen. Da ist Diversity-Gipfel bei uns am Askanischen Platz. Wir melden uns wieder, liebe Leserin!

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