Politik : Vier Finger für Mursi

Türkische Fußballfans bringen Erdogan mit Gesten und politischen Parolen zur Gewalt in Ägypten und im eigenen Land in eine missliche Lage.

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Protest im Stadion. Fans des türkischen Fußballklubs Galatasaray Istanbul demonstrieren Anfang August beim Emirates Cup in London gegen das Vorgehen der türkischen Regierung.Foto: dpa
Protest im Stadion. Fans des türkischen Fußballklubs Galatasaray Istanbul demonstrieren Anfang August beim Emirates Cup in London...Foto: dpa

Istanbul - Die neue Saison der „Süper Lig“, der höchsten Spielklasse im türkischen Fußball, hat mit rekordverdächtigem Tempo begonnen. Nicht etwa, weil besonders früh oder besonders viele Tore fielen, auch hagelte es nicht mehr Gelbe oder Rote Karten als sonst. Der Rekord bestand darin, dass ein von der Regierung angeordnetes Verbot politischer Meinungsäußerungen in den Stadien zu Beginn der ersten Begegnung von Fans und Spielern gleichermaßen durchbrochen wurde. Das ist für Ankara äußerst peinlich: Selbst für Recep Tayyip Erdogan bleibt der Fußball unberechenbar.

Das Verbot zielte darauf, die Proteste der Gezi-Park-Bewegung vom Juni aus den Stadien fernzuhalten. Die Gezi-Proteste hatten Fußballfans verfeindeter Istanbuler Klubs in der Kritik an der Regierung vereint. Nun sorgt sich Ankara, dass die Protestbewegung dank der Fußballfans neuen Schwung erhalten könnte. Deshalb betonte die Erdogan-Regierung vor dem ersten Spieltag mehrmals, Politik werde in den Stadien nicht geduldet.

Aber schon beim Saisonauftakt, dem Spiel zwischen der zentralanatolischen Mannschaft Konyaspor und dem Istanbuler Traditionsverein Fenerbahce am Samstag, wurden politische Parolen laut, wenn auch andere als jene, die von Erdogan befürchtet worden waren: Die Fans auf den Rängen hatten Bilder des gestürzten ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi dabei und verdammten dessen Entmachtung durch das Militär in Kairo. Das war zwar politisch und damit eigentlich verboten, lag aber ganz auf Erdogans Linie.

Auch auf dem Spielfeld wurde für Mursi demonstriert. Nachdem Emre Belözoglu ein Tor für Fenerbahce erzielt hatte, hob er die rechte Hand, vier Finger ausgestreckt und den Daumen auf die Handfläche gepresst: Das Zeichen „Rabia“ – vier auf Arabisch – ist eine Anspielung auf den Rabia-al-Adawiya-Platz in Kairo, wo das ägyptische Militär vergangene Woche mit Waffengewalt eine Blockade der islamistischen Muslimbrüder auflöste. Auch Sercan Kaya von der Mannschaft Rizespor von der Schwarzmeerküste, der Heimat von Erdogans Eltern, feierte einen Torerfolg mit „Rabia“.

Belözoglu und Kaya befinden sich in guter Gesellschaft. Erdogan, der das Vorgehen der ägyptischen Generäle gegen Mursi und die Muslimbrüder fast täglich als Putsch brandmarkt, hat bei Reden ebenfalls bereits das „Rabia“-Zeichen als Symbol der türkischen Unterstützung für Mursi präsentiert. Nur einen Tag nach dem Spiel in Konya trat dann das ein, was die Erdogan-Regierung befürchtet hatte. Beim Heimspiel von Besiktas Istanbul gegen Trabzonspor riefen die Fans Parolen für die Gezi-Protestbewegung und gegen die Regierung. Weder in Konya noch in Istanbul griff die Polizei ein.

Nun rätselt die Öffentlichkeit, wie es weitergehen soll. Der Protest für Mursi kommt der Regierung politisch gelegen, weil er ihren Kurs gegenüber Ägypten stützt, während die Gezi-Parolen für Erdogan sehr unangenehm sind. „Was ist jetzt?“, fragte der angesehene Journalist Hasan Cemal in einem Beitrag für das Online-Portal T24. „Ist Unterstützung für Mursi erlaubt, Unterstützung für Gezi dagegen verboten?“ Noch hat sich die Regierung nicht dazu geäußert. Fest steht aber schon jetzt, dass sie mit ihren lautstarken Warnungen vor politischen Aktionen in den Fußballstadien genau das erreicht hat, was sie eigentlich verhindern wollte: Nie gab es mehr Politik auf den Tribünen und auf dem Rasen. Thomas Seibert

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