Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

"Zeit"-Herausgeber Josef Joffe belächelt die türkischen EU-Pläne, sorgt sich um VW und verabschiedet Donald Trump und Ernst Nolte.

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"Zeit"-Herausgeber Josef Joffe.
"Zeit"-Herausgeber Josef Joffe.Foto: Tsp

Die Türkei will 2023, zum 100. Geburtstag der Republik, der EU beitreten. Träumereien am Bosporus?

Das will die Türkei seit 1959; der Traum ist ein sehr alter. Und wird noch länger andauern, weil Erdogan den Putsch genutzt hat, um alles zu unterwerfen, was ihn daran hindern könnte, Sultan auf Lebenszeit zu werden. Eher fließt Wasser bergauf, als dass die Türkei sich bis 2023 in eine pluralistische Demokratie verwandelt – mit unveräußerlichen Bürgerrechten, Gewaltenteilung, Rede- und Pressefreiheit. Es reicht, wenn solche Errungenschaften im Osten der EU wackeln. Doch Ungarn ist klein, und die Erdogan-Türkei ein Gigant, den die EU nicht sozialisieren kann.

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VW kämpft nun mit den Zulieferern. Ist das Unternehmen noch zu retten?

Schön wär’s, wenn es VW im Rundum- Krieg in Amerika so leicht hätte wie mit den renitenten Lieferanten daheim. Zwar hat der Lieferstopp Volkswagen bis hin zum Fabrikstillstand gelähmt, aber das Braunschweiger Gericht hat den Volkswagnerianern Recht gegeben. Den rabiaten Firmen drohen wegen „Zuwiderhandlung gegen die Lieferverpflichtung“ Ordnungsgeld, Ordnungshaft und Beschlagnahme. WmdW sieht schon die gepanzerten Touareg-SUVs in die Feind-Fabriken rollen. Aber so weit wird es nicht kommen. VW will "parallel" eine "gütliche Einigung" anstreben. Dennoch hat der Volksmund Recht: Ein Unglück kommt selten allein.

Donald Trump hat sein Wahlkampfteam umgebildet. Hilft ihm das?
Nein, weil dessen Besetzung die letzte Hoffnung hat verdampfen lassen, dass der Trumpator endlich in den Präsidial- Modus wechseln werde. Der neue Ober-Kampagnero, Stephen Bannon, ist der Chef des Rechtsauslegers "Breitbart News", einer digitalen Agitprop-Plattform. Als Wahlkampfchef verheißt Bannon Trumpismus pur, der die Republikaner noch tiefer spalten wird. Ein unglaubliches Novum in der US-Wahlkampfgeschichte: Zwei Siegelbewahrer des klassischen Konservatismus, Fox News und die Meinungsseite des "Wall Street Journal", sind gegen Trump aufmarschiert. Jetzt verliert er auch die gebildeten und wohlhabenden Stammwähler. Ein Clinton-Erdrutsch dräut.
Ein letztes Wort zu Ernst Nolte
"Nil, nisi bene" – nur Gutes möge man über die Verstorbenen sagen. Also: Der Historiker hat viele, auch gute Bücher geschrieben. Dann glitt er ab in die Nazismus-Apologetik. In der Sparte "Megamord" sei Hitler bloß ein Kopist gewesen, das Copyright hätten die Bolschewisten. Folglich sei der Holocaust bloß eine Reaktion auf den "Klassenmord" gewesen. Aber wenn die Bolschis die Ur-Bösen waren, warum mussten dann sechs Millionen Juden büßen? Dass Auschwitz "Made in Germany" war, wie die Forschung tausendfach bestätigt hat, wollte der Getriebene bis zum Lebensende nicht wahrhaben.


Josef Joffe ist Herausgeber der "Zeit". Die Fragen stellte Moritz Schuller.

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