Volker Kauder im Interview : „Es gibt keine Islamisierung Deutschlands“

Unions-Fraktionschef Volker Kauder spricht mit dem Tagesspiegel über „Pegida“, Muslime und den Abschiebestopp für Flüchtlinge, die eine Lehre machen.

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Union-Fraktionschef Volker Kauder.
Union-Fraktionschef Volker Kauder.Foto: Thilo Rückeis

Herr Kauder, die Kanzlerin hat am Donnerstag im Bundestag den Satz „Auch der Islam gehört zu Deutschland“ wiederholt. Warum haben Sie ihr nicht applaudiert?
Angela Merkel hat eine sehr gute Rede gehalten, und ich habe ihr mehrfach und vor allem am Ende wie die gesamte Fraktion Applaus gespendet.

Sie haben 2012 gesagt, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Hat sich an Ihrer Auffassung etwas geändert?
Nein. Ähnlich wie Bundespräsident Joachim Gauck sage ich, mir sind die Menschen wichtig. Die Muslime gehören zu Deutschland, und in diese Richtung hat sich am Freitag im Übrigen auch die Kanzlerin geäußert.

Warum gehören die Muslime zu Deutschland, aber ihr Glauben, der Islam, nicht?
Grundsätzlich hat jeder Mensch in Deutschland das Recht, seinen Glauben frei und unbedrängt leben zu können. Das ist ein ganz hohes Gut. Das gilt für die Christen, für die Juden, für die Muslime und für die Angehörigen anderer Religionsgemeinschaften. Unser Grundgesetz beschreibt aber auch Grenzen der Glaubensfreiheit. Beim Islam wird derzeit zu Recht die Frage gestellt: Von welchem Islam reden wir? Ist es eine Form des aufgeklärten Islam? Oder ist es die strenge Form, wie er etwa in Saudi-Arabien praktiziert wird? Um einmal nur zwei Konstellationen zu nennen.

Ist der Islam eine Religion, die im Rahmen des Grundgesetzes gelebt werden kann?
Natürlich kann der Islam im Rahmen des Grundgesetzes gelebt werden. Millionen von Muslimen in Deutschland tun das auch. Dennoch sollten die Muslime sich mit der Frage beschäftigen, warum sich so viele gewalttätige und gewaltbereite Menschen auf der ganzen Welt auf den Koran berufen. Die Terroristen schaden doch dem Ansehen des Islam massiv. Diese Auseinandersetzung sollten die Muslime aber selbst führen. Da werde ich mich nicht einmischen. Ich bin nur irritiert, wenn die theologische Elite des sunnitischen Islam an der Al-Azhar-Universität in Kairo einerseits den Terror verurteilt, aber auch andererseits sagt, die erneuten Karrikaturen in "Charlie Hebdo" seien eine unzulässige Provokation. Diese geistlichen Führer sollten in der gegenwärtigen Lage auch einmal unsere Freiheitswerte stärker würdigen. Das gilt auch für die türkische Regierung. Jede Religion muss sich von Zeit zu Zeit auch selbst hinterfragen, ob Standpunkte verändert werden müssen. Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, hat vor dem Brandenburger Tor klar gesagt, dass sich Terroristen nicht auf den Koran berufen können. Das war wichtig und hat mich wirklich sehr beeindruckt.

Ist das Bekenntnis denn glaubwürdig?
Ja, das ist es. Ich gehe auch davon aus, dass die Diskussion in den muslimischen Organisationen und Gemeinden weitergeht, zumal die Zahl der Salafisten zunimmt. Ich habe den Eindruck, dass die Muslime zu diesen Gesprächen bereit sind. Die Muslime müssen doch ein ureigenes Interesse an dieser Auseinandersetzung über die Inhalte ihrer Religion haben. Manchmal ist im Leben nach einem bestimmten Ereignis nichts mehr so, wie es war. Ich habe die Hoffnung, dass die Muslime in Deutschland nach den Pariser Anschlägen insgesamt die Inhalte der Religion jetzt noch einmal neu betrachten und noch aktiver gegen den Missbrauch ihrer Religion Stellung beziehen.

In Saudi-Arabien wird ein kritischer Blogger im Namen der Religion womöglich zu Tode gepeitscht. Was heißt das für unser Verhältnis zu solch einem Land?
Wir müssen im Dialog mit diesen Staaten darauf bestehen, dass dies gegen Menschenrechte verstößt. Eine Relativierung im Namen der Religion ist nicht akzeptabel. Die Menschenrechte sind in der UN-Charta festgeschrieben, sie sind universell, sie gelten überall.

Haben Sie den Eindruck, dass diese Staaten überhaupt zuhören?
Die USA und die Bundesregierung haben eindeutig Stellung genommen. Das haben die Regierenden dort sicherlich gehört.

Unter dem Namen „Pegida“ machen in Dresden Tausende ihrer Sorge vor einer Islamisierung Deutschlands Luft. Nehmen Sie deren Ängste ernst?
Natürlich nehme ich das ernst und sage bei jeder Gelegenheit: Es gibt keine Islamisierung Deutschlands. Vier Millionen Muslime leben in Deutschland bei einer 80-Millionen-Bevölkerung. Wer da von Islamisierung spricht, der will die Menschen bewusst verunsichern. Die allermeisten Muslime in Deutschland sind zudem integriert. Alle Teile der Bevölkerung sollten noch mehr aufeinander zugehen. Natürlich verstehen es Eltern nicht, wenn die muslimischen Mitschülerinnen ihrer Kinder nicht zum Sport- oder Schwimmunterricht gehen. Und da sage ich auch: Das geht nicht. Wer in Deutschland lebt, der muss sich mit den hier geltenden Gesetzen und Regeln vertraut machen und akzeptieren, dass alle gleich behandelt werden.

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