Vom Kanzleramt in den Landtag : Bloß nicht das Ehefrauen-Ding

Doris Schröder-Köpf hat viele Lebensphasen gemeistert als politische Korrespondentin, alleinerziehende Mutter oder als Kanzlergattin. Anspruchsvoll war jede. Nun kämpft sie in Niedersachsen für die SPD um einen Landtagssitz und gegen Vorurteile.

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Erst die Pflicht, dann im März dieses Jahres die Kür. Von der niedersächsischen SPD wird sie als Kandidatin für einen Sitz im Landtag nominiert.
Erst die Pflicht, dann im März dieses Jahres die Kür. Von der niedersächsischen SPD wird sie als Kandidatin für einen Sitz im...Foto: Stefan Thomas Kroeger/laif

Sie sieht alles. Man fühlt sich ertappt, wenn sie einen anschaut. Im Gespräch mit anderen sucht sie oft Körperkontakt, herzt, nimmt in den Arm, gibt Begrüßungsküsschen. Gleichzeitig scannt sie fast unmerklich die Umgebung und die Personen. Es ist erstaunlich, diese Frau kann alle in den Blick nehmen und zugleich allen Aufmerksamkeit schenken.

Doris Schröder-Köpf kommt mit Franz Müntefering am Arm und einem Kamerateam im Schlepptau in ein Backsteingebäude in der Südstadt von Hannover geschlendert. Bürgerliches Milieu, rund 150 Gäste warten. Sie kommt nicht, wie es hier üblich wäre, norddeutsch distanziert daher, sondern trotz ihrer leicht verletzbar anmutenden Physiognomie herzhaft bayrisch – von dort stammt sie.

Die Besucher fühlen sich wohl neben ihr. Sie gibt Gästen das Gefühl, willkommen zu sein. Aber sie ist auch nervös. Diese Abendveranstaltung an einem Montag im Oktober im Kinder- und Jugendtheater „Klecks“ ist für sie keine Routine. Offiziell wird über den demografischen Wandel diskutiert. Aber im Grunde geht es um ihr neues Leben – jenseits der Kanzlergattin a.D.

Als solche steht sie zwar noch immer unter ständiger Beobachtung und wohl auch ewig, denn ihren durch den Ehemann erlangten Bekanntheitsgrad kann sie nicht abstreifen wie ein altes Kleidungsstück. Aber jetzt, findet sie, mache der Bekanntheitsgrad auch mal Sinn.

Und so betritt diese kleine Bühne hier in Hannover, tiefstes Ex-Kanzlerland, bei gedämpftem Licht und im schwarzen Hosenanzug eine neue Frau. Doris Schröder-Köpf ist jetzt selbst Politikerin. Die einstige Klosterschülerin, Journalistin, einige Jahre alleinerziehend und zuletzt also Kanzlerehefrau und Mutter von Klara, 21, und den Adoptivkindern Viktoria, 10, und Gregor, 6, will am 20. Januar für die SPD in den niedersächsischen Landtag einziehen.

Sie hat nicht an irgendeinem Zaun gerüttelt und gebrüllt, sie wolle da rein. Als erste politische Aktion ist sie Müll sammeln gegangen und dann Klinken putzen in ihrem Wahlkreis 24, in Döhren, Wülfel oder Kleefeld. Sie hat sich nicht gescheut, in einer Art Urwahl gegen eine sozialdemokratisch verdiente Gewerkschafterin anzutreten, die den Wahlkreis seit 1994 vertritt. Sie hat gewonnen, auch wenn einige Kritiker anstatt sich mit Schröder-Köpfs Ansichten zu beschäftigen lieber „Putin“, „Gazprom“ oder „Agenda 2010“ riefen, um sie zu diskreditieren und mit Begriffen zu bekämpfen, die eher ihren Ehemann meinen.

Sie hat gelernt einzustecken. Auf die Frage, wann es sie ärgere, immer auch die Ehefrau des Ex-Kanzlers sein zu müssen, antwortet sie: „Es ärgert mich immer dann, wenn mich dieser Umstand nahezu wehrlos macht. Aus dieser privaten Verbindung ergeben sich nämlich auch Verpflichtungen, die über den Tag hinaus andauern.“

Gleich wird Franz Müntefering, der Polit-Profi, über das Thema Demografie sprechen. Er wird witzig und ernsthaft zugleich reden. Er kann das natürlich, einen riesigen Bogen spannen über zahlreiche Themen und hübsche Anekdoten hinweg. Am Ende ist es manchmal schwer sich zu erinnern, wie er dorthin gelangt ist. Müntefering spricht frei wie ein Entertainer. Doris Schröder-Köpf schaut immer wieder auf ihre losen Zettel, mit denen sie sich vorbereitet hat.

Am Tag danach wird sie ehrlich zugeben, dass sie Probleme hat, frei zu reden. Und dass sie während der Auseinandersetzung mit ihrer Gegenkandidatin lernen musste, Reden zu halten und öffentlich hart zu streiten. An diesem Abend macht sie keinen Fehler, aber sie hält sich auch dezent zurück, die Bühne gehört Müntefering. Schröder-Köpf plaudert nicht wie er. In der Diskussion ist sie diejenige, die leiser und präziser ist, sachlich trägt sie ihre Standpunkte vor. Immerhin hat sie Standpunkte: zur Inklusion von Behinderten etwa oder der falschen Förderung von regionalen Projekten mit Steuergeld. Sie fordert mehr Ausgabendisziplin wegen der Schuldenbremse und klügeres Verteilen. Sie ist konkret auch im Kleinklein.

Am Ende wird Franz Müntefering am Rande gefragt, was die Politikerin Schröder-Köpf auszeichnen könnte. Der ehemalige Arbeitsminister, 72, überlegt kurz, aber es fällt ihm nichts ein. Er kenne solche Fragen schon, wenn es um seine Frau gehe, die werde auch immer auf ihn reduziert, sagt er. „Lassen Sie den jungen Frauen ihre eigene Persönlichkeit.“

Münteferings Ehefrau Michelle, 32, kandidiert 2013 für den Bundestag, er nicht mehr. Er hat also seine Gründe, um die „jungen Frauen“, wie er sagt, zu verteidigen. Im Falle von Doris Schröder-Köpf, die 49 ist, wirkt seine Solidarität merkwürdig altväterlich.

Sie hat immer, so weit es möglich war, für sich selbst gesprochen. Sie hatte ihren Plan im Kopf, und dieser Kopf war immer politisch. Zu Hause im bayrischen Tagmersheim bei Augsburg wollte sie nicht bleiben, also ist sie aufs Internat zu den Franziskanerinnen nach Dillingen gezogen. Nach dem Abitur folgte ein Volontariat bei der „Augsburger Allgemeinen“, später war sie in Bonn Hauptstadtkorrespondentin für „Bild“ und „Kölner Express“, jüngstes Mitglied der Bundespressekonferenz.

Sie hat Guido Westerwelle noch als Vorsitzenden der Jungen Liberalen interviewt oder Texte des Volontärs und späteren „Bild“-Chefredakteurs Kai Diekmann redigiert. Ihre Beziehung zu einem ARD-Journalisten, mit dem sie zwei Jahre in New York lebte, scheiterte. Aus ihr ging Tochter Klara hervor. Sie hat die New Yorker Business-Frauen bewundert, die in hohen Absätzen herumliefen und in der Handtasche die Turnschuhe zum Wechseln bei sich hatten.

Sie kam als Alleinerziehende zurück. Aus New York nach Tagmersheim, Landkreis Donau-Ries, weil sie woanders keinen Krippenplatz bekam. Sie war finanziell nicht auf Rosen gebettet, eine Zeit lang lebte sie wieder im alten Kinderzimmer. Dann baute sie mit wenigen Kollegen und harten Arbeitstagen den „Focus“ mit auf. Doris Schröder-Köpf kennt viele Facetten eines Frauenlebens.

Über ihre Zeit als alleinerziehende Mutter sagt sie: „Ich habe in Erinnerung, wie stark die Verantwortung wog und wie groß manchmal der Schmerz darüber war, so viele Erlebnisse nicht teilen zu können – vom ersten Schritt bis zu den ersten quasi philosophischen Gesprächen über Leben und Tod.“ Sie will niemandem zu nahe treten, aber ihre Erfahrung sei: „Es müssen nicht Mutter und Vater sein, aber es ist gut, wenn zwei Elternteile da sind für ein Kind.“

Als Gerhard Schröder und sie ein Paar wurden, musste sie ihr Leben aus der Hand geben. Sie musste lernen zu schweigen, sich nach hinten stellen, hinter ihn und das Amt. Aber sie stand nie im Schatten, so hat sie das nicht gesehen. An seiner Seite, mit Einfluss und eigenem Büro im Kanzleramt, stand sie aus Liebe und mit Disziplin. Und immer auf Augenhöhe! Das ist übrigens vor allem ihm wichtig. Und jetzt ist er dran, sich einzufügen.

Einen Tag nach der Münte-Show eilt Doris Schröder-Köpf an ausgekipptem Spielzeug und einem Kleinkind vorbei die Treppe eines Mittagslokals empor. Eigentlich sollte das Gespräch mit ihr im gemeinsamen Büro der Schröders stattfinden, eine Haustür weiter. Dort sitzt man in gediegenem Mobiliar, der Schwere des ehemaligen Amtes angemessen. An Doris Schröder-Köpf wirkt nichts schwerfällig, außer ihr spürbarer Drang, Kontrolle zu behalten. Sie hat Hunger und verlegt das Treffen in ihr geliebtes Bio-Restaurant. Es heißt „Zurück zum Glück“.

Sie ist gestresst, aber sie strahlt. Sie sagt: „Ich habe jetzt ein neues Leben, es hat für mich persönlich eine neue Qualität. Das macht mich glücklich.“ Sie setzt sich in das helle Holzambiente, ein lebensfreundlicher Ort für eine Mittagspause, viele Kinderwagen, sie bestellt Salat mit Rührei. In ihrem Hals kratzen Erkältungsviren. Das Handy klingelt, sie fragt: „Und die Hausarbeiten? Seid ihr mal mit dem Hund rausgegangen?“

Man sollte nicht unterschätzen, was das für sie heißt, ihre Termine wieder selbst zu bestimmen. Sie genießt das. Doris Schröder-Köpf ist zurück in ihrem Leben, und dieses Mal wird sie dort so lange bleiben, wie sie es selbst für richtig hält. Und die Wähler mitspielen.

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