Von Mythen und Mindestlöhnen : Taxifahrer - ein Beruf im Niedergang

Im Zweifel für Freiheit statt Verdienst, aber dafür die Welt zu Gast im eigenen Auto. Taxifahrer ist ein mythosreicher Beruf. Gewesen! Ein Abgesang

Ralf Homann
Wohin soll's gehen? Effizienzdruck, digitale Vernetzung und Carsharingfirmen setzen dem Taxigewerbe zu.
Wohin soll's gehen? Effizienzdruck, digitale Vernetzung und Carsharingfirmen setzen dem Taxigewerbe zu.Foto: picture alliance / dpa

Eine breite Glasfront nimmt die ganze Wand des schmalen Raumes ein und gibt den Blick frei in den Innenhof. Dort fahren die Taxis vor. Fahrerwechsel. Schlüssel- und Geldübergabe. Im Raum selbst eine lange Theke, die den Schreibkram versteckt, ein paar Computer-Monitore. Links eine Sitzecke. Auf dem Beistelltisch eine Tageszeitung. Dahinter im Regal: Kaffeemaschine, Krimskrams und dazwischen eine Lenin-Büste. Am markantesten der Geruch von Gummi. Verströmt von frischen Autoreifen, deren Stapel überall im Weg stehen.

Es ist das Büro der Occam-Taxi GmbH in Schwabing, dem Ausgehviertel von München, der Stadt mit der höchsten Taxidichte in Deutschland. Occam-Taxi sind 24 Fahrzeuge, etwa 70 Fahrer, zwei Chefs: Michael Bedrich, Ende 40, ein Stirnband bändigt seine Dreadlocks. Ihn trägt das Taxifahren seit dem Zivildienst durch die Nacht, und Toni Thiele, Anfang 50, die Sonnenbrille locker ins Hemdrevers gesteckt. Er hat sich schon das Architekturstudium im Taxi finanziert. Zwei Männer also, für die das Taxifahren anfangs vor allem Zwischenlösung war: Andere durch die Stadt fahren, während man auch für sich selbst noch einen Weg sucht – den durchs Leben.

Ihre Fahrer sind Jedermänner, Künstler, Zuverdienstbedürftige, Rentner

Thiele sagt: „Das ist ja einer der wenigen Berufe – ist ja tatsächlich auch ein Beruf! –, mit dem ich sehr viele andere Sachen verbinden kann.“ Und mit dem bis heute sehr viele Menschen sehr viele Erwartungen verknüpfen: Bei Occam-Taxi fahren immer wieder Künstler, die „ihren Haupterwerb über eine gewisse Zeit mit ihrer künstlerischen Tätigkeit erzielen, und dann hakt das plötzlich mal“, oder es kämen Menschen, die sich zum Lebensunterhalt etwas dazu verdienen wollen oder müssen. „Oder Menschen, die nach 30 Jahren Siemens eine fette Abfindung gekriegt haben, und denen schlichtweg fad ist.“

Auch das gehört zum Klischee der Helden der Stadtstraße: dass sie eine Geschichte haben. Und, dass sie bei der Wahl zwischen Geld oder Freiheit die Freiheit wählen. Weil sie selbst bestimmen wollen, wann das Erlebnis und wann der Ertrag wichtiger ist. Das entzieht sich der Ökonomie, die sich mit ihren Effizienzstrategien auch im Taxigewerbe ausgebreitet hat und darauf zielt, jedes Ding an seinen strategisch richtigen Ort zu sortieren. Aber das Ding Taxi ist eben vor allem auch der Mensch am Steuer.

Zwei Kinofilme ventilieren derzeit zwei Taxi-Mythen

Zwei Filme mit Taxi-Titeln laufen gerade im Kino. „Taxi“, der verfilmte Roman von Karen Duve über eine lakonisch-orientierungslose junge Frau im Hamburg der 1980er Jahre, und „Taxi Teheran“, der diesjährige Berlinale-Gewinner, der den mit Berufsverbot belegten iranischen Regisseur als Fahrer zeigt, das Auto als mobilen Schutzraum. Zwei Filme, zwei Mythen – und wie viel stimmt davon noch?

Bei Bedrich und Thiele hört sich das so an: „Was sich grundsätzlich mal verändert, dass mit dem neuen Mindestlohn viel von der Freiheit passé ist“, sagt Thiele. Man müsse nun auf Effizienz schauen, die müsse man als Unternehmer nun permanent einfordern. Für die Fahrer heiße das Druck. Besonders auf dem Pflaster von München, der Taxisupersstadt mit ihren 3400 Taxikonzessionen.

Die Fahrer müssen zusehen, dass sie nach jeder Fahrt einen Anschlussauftrag bekommen. Schluss mit Rumtrödeln am „Ambientestand“, wie Thiele es nennt: mit dem Taxi über die Maximilianstraße cruisen, schauen, was so am Vier-Jahreszeiten-Stand los ist und dann vielleicht noch einen Kunden zum Hauptbahnhof fahren oder so. Die Zeiten seien vorbei.

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