Von Sterbehilfe bis Social Freezing : Die Menschen machen sich das Leben untertan

Ob Sterbehilfe oder das Einfrieren von Eizellen: Immer häufiger greifen wir in die Läufe der Natur ein. Es ist, als hätten wir einen Zauberlehrling ermächtigt. Aber wer könnte definieren, wo hier Grenzen zu ziehen sind? Ein Kommentar.

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Die Frage, inwieweit Ärzte eingreifen dürfen, ist umstritten.
Die Frage, inwieweit Ärzte eingreifen dürfen, ist umstritten.Foto: dpa

Zu leicht und zu schwer. So konnte man denken, konnte man empfinden, als kürzlich von Google und Facebook der Vorschlag kam, junge Frauen könnten auf Firmenkosten ihre Eizellen auf Eis legen lassen, damit ihr Kinderwunsch der Karriereplanung (und dem Wohlergehen der Unternehmen) nicht im Wege stehe. Viel zu leicht: Einfach die Natur überlisten, die Zeit scheinbar um ein paar Jahre anhalten, als verginge sie nicht. Viel zu schwer: Wer möchte sich einer Methode leichten Mutes anvertrauen, die so viele Ungewissheiten birgt?

Zu leicht und zu schwer. So ist es bei den meisten Errungenschaften, mit denen wissenschaftliche Fortschritte ins Menschenleben eingreifen können. Sie sind mittlerweile zahllos, sie korrigieren, optimieren, manipulieren die Abläufe der Natur von der Wiege bis zur Bahre – und oft sogar davor. Zeitpunkte und Orte der Empfängnis können von Menschenhand reguliert, embryonale Schädigungen frühzeitig erkannt werden; den Moment der Geburt bestimmt nicht mehr die biologische Zeit, sondern per Kaiserschnitt der Wunsch der Gebärenden (wenn nicht gar der Terminkalender des Krankenhauses).

Längst vorbei die Zeit, da Tag und Stunde des Sterbens keiner wissen konnte

Und das Lebensende unterliegt ebenso äußeren Eingriffen. Längst vorbei die Zeit, da Tag und Stunde des Sterbens keiner wissen konnte. „Die Fortschritte der Medizin sind ungeheuer“, schrieb der Schriftsteller Hermann Kesten schon vor vielen Jahren, „man ist sich seines Todes nicht mehr sicher“. Die Apparatemedizin verlängert das Leben, wie sinnvoll oder sinnlos das jeweils auch sein mag. Der Tod kommt nicht, wann er will, sondern wann er soll.

Und das gilt auch für das Gegenteil, für die Verkürzung des Lebens. Organisierte Sterbehilfe macht es möglich. Man kann in die Schweiz reisen und sich Natriumpentobarbital verschreiben lassen; womöglich ist so eine Reise schon absehbarer Zukunft gar nicht mehr nötig: Nächste Woche diskutiert der Bundestag darüber, wie es zukünftig in Deutschland mit der Sterbehilfe gehalten werden soll. Das Leben, in seinen existenziellen Eckpunkten jedenfalls, steht immer mehr in der Verfügungsgewalt des Menschen. Er hat es sich untertan gemacht (so ähnlich hieß schließlich auch sein biblischer Auftrag), hat es sich seinem Willen und seiner Macht gefügt. Das Leben erscheint nicht mehr wild, ungebärdig, unberechenbar, sondern gezähmt. Es ist bearbeitet von Menschenhand, es ist in Form gebracht. Aus Natur ist Kultur geworden und aus dem Leben ein Design.

Das klingt zynisch, beängstigend. Aber dahinter steckt der Wunsch nach Selbstbestimmung, Selbstverantwortlichkeit. Der eigene Wille ist der Maßstab, kein göttliches Gesetz, kein naturhaftes, kein herrschaftliches. „Die Autonomie des Willens ist das alleinige Prinzip aller menschlichen Gesetze“, schrieb einst Immanuel Kant.

Natürlich ist die Empörung bei vielen groß über diese „Technisierung“ des Menschenlebens. Von Anmaßung ist die Rede, von der Hybris des Alleskönners Mensch, von Durchkreuzung des göttlichen Schöpfungsplans oder zumindest einer Störung natürlicher Prozesse. Gerade zu Zeiten, da ein Leben im Einklang mit der Natur als hohes Gut gilt.
Aber finden solche Verstöße in Wirklichkeit nicht jeden Tag millionen- und milliardenfach statt? Mit jeder Einnahme eines Medikaments zum Beispiel und im Grunde auch schon, wenn man in ein Flugzeug steigt.

Kein Ethikrat kann helfen

Wer könnte definieren, wo hier Grenzen zu ziehen sind, welcher Maßstab zu gelten hat? Eigentlich könnte es nur ein einziger sein: Wenn dadurch Rechte und Wohlergehen anderer berührt würden. Aber das trifft bei solchen Lebensfragen häufig nicht zu. Und doch flößt es einem Angst ein. Weil die Summe all der möglichen Eingriffe unsere Vorstellungskraft überschreitet und kein Ethikrat helfen kann. Als hätten wir einem Zauberlehrling ermächtigt, eine Künstlichkeit zu erschaffen, die uns selbst beherrscht.

Die Wissenschaft und ihre Errungenschaften laufen schneller, als es die Menschen können. Sie kommen nicht mehr hinterher. Haben nicht das Hirn, die Seele, die moralische Kraft, alldem zu folgen. Der Philosoph Günther Anders hat das Wort von der „Antiquiertheit des Menschen“ geprägt. Das war 1956. Was würde er 2014 sagen? Wie steigert man antiquiert?