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Vor der Gedenkfeier am Donnerstag : Wie geht es Semiya Simsek - der Tochter des ersten Neonazi-Mordopfers?

23.02.2012 08:11 Uhrvon
Semiya SimsekBild vergrößern
Semiya Simsek - Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Sie selbst war 14, als ihr Vater ermordet wurde. Jetzt ist sie 25 und hat nach den Ermittlungspannen und falschen Verdächtigungen das Vertrauen in diesen Staat verloren.

Das Schicksal soll sich nicht noch einmal gegen sie wenden, sie wird es nicht zulassen, dieses Mal will sie ihr Leben selbst verändern. Sie ist bereit dazu.

Im Juni wird Semiya Simsek Deutschland verlassen, das Land, in dem sie geboren wurde, ihre Heimat. Es ist das Land, in dem ihr Vater, Enver Simsek, am 9. September 2000 mutmaßlich von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt kaltblütig mit acht Schüssen hingerichtet wurde. Sie will in die Türkei gehen, in ein „fremdes Land“, wie sie sagt, in das sie sich erst einmal „integrieren“ müsse.

Sie kichert bei diesem Wort, aber es stimmt ja, findet sie: „Ich muss mich dort ganz neu eingliedern.“ Sie will es wenigstens für eine Zeit lang versuchen, sie „braucht eine Wende“, aber sie weiß genau, dass sie ihre Trauer und ihren Zorn über das Geschehene an jeden Ort der Welt mitnehmen wird.

Wenige Tage vor der staatlichen Gedenkfeier für die Angehörigen der rechtsextremistischen Mordserie sitzt Semiya Simsek gerade und unbeugsam in einem Café im Berliner Weinbergspark. Sie ist 25 Jahre, eine junge Frau, die fröhlich lachen kann, die aber machtlos ist gegen ein Gefühl in ihrem Körper, das sich dort eingenistet hat wie ein fremdes Wesen. Sie nennt es „mein Leben in mir“. Dort drinnen ist das Leben nicht schön. Draußen aber macht sie das Beste draus.

Und so hat sie sich zu einem Treffen bereit erklärt, weil sie findet, dass die Öffentlichkeit nicht nur erfahren soll, dass die Mörder ihres Vaters und neun weiterer Menschen ihr Leben und das ihrer Familie zerstört haben. Sondern auch, was das konkret heißt, wie es sich anfühlt, wie es schmerzt und wohin es führt, dieses unfreiwillig neue Dasein. Dieses Leben einer Anderen.

Elf Jahre lang durften Semiya Simsek, ihr Bruder, ihre Mutter nicht einmal mit reinem Gewissen Opfer sein. Immer lag da die Last über ihrem Leben, dass vielleicht doch irgendwer aus der Familie verantwortlich sein könnte für den Tod ihres Vaters. Enver Simsek war der Erste in dieser beispiellosen Mordserie, der aufgrund seiner Herkunft getötet wurde. Selbst seine Tochter hat im Rückblick Verständnis dafür, dass die Polizei am Anfang auch gegen sie ermitteln musste. Aber die Polizei hat es mit ihren Ermittlungen auch geschafft, Gedanken von Unsicherheit und Misstrauen in den Hirnwindungen der Angehörigen zu verankern. Dieses Misstrauen hat den Zusammenhalt der Familie zu einem großen Teil kaputtgemacht. Die Familie des Vaters, aus der Enver Simsek als Einziger in Deutschland lebte, weil er einst seiner schwangeren Frau hierhin gefolgt war, hat den Verdacht gegen die Mutter zu lange konserviert. Am Ende war kein Vertrauen mehr möglich.

Dabei war doch alles ganz anders. Der Verdacht der Polizei, ihr eigenes Misstrauen – ein Irrtum, der nicht mehr wiedergutzumachen ist.

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