Vor Merkels USA-Reise : Die klammheimliche Freude der Deutschen über Trump

Die Deutschen schimpfen über Donald Trump. Doch ihr kollektives Unterbewusstsein jubelt: Endlich sind sie nicht mehr die einzigen, die auf einen Demagogen hereingefallen sind. Ein Kommentar.

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Der US-Präsident als "Trump-el-tier" beim Karneval in Mainz.
Der US-Präsident als "Trump-el-tier" beim Karneval in Mainz.Foto: Andreas Arnold/dpa

Wenn Angela Merkel am kommenden Montag zum Antrittsbesuch zu Donald Trump reist und die Gangway am Internationalen Flughafen Dulles hinuntergeht, wird in ihrem Gesicht ein kleines Lächeln zu sehen sein. Außenstehende werden es kaum bemerken, aber Insider Bescheid wissen. Denn die Kanzlerin ahnt, dass den Deutschen durch den neuen US-Präsidenten nicht nur Ungemach droht. Für das kollektive nationale Unterbewusstsein könnte Trump sogar eine Belebung bedeuten.

Das deutsche Wort „Schadenfreude“ muss nicht ins Englische übersetzt werden. Wie bei „Angst“, „Kindergarten“ und „Waldsterben“ wissen auch  Angelsachsen, was damit gemeint ist. Für den deutschen Philosophen Arthur Schopenhauer ist Schadenfreude der „schlechteste Zug in der menschlichen Natur“, sie sei der Grausamkeit eng verwandt, „ihr Hohn das Gelächter der Hölle“.

Wie haben die Deutschen auf die Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika reagiert. Natürlich gibt es hier - wie überall auf der Welt – allerlei Kritik, Sorge, Abscheu und Empörung. Aber es schwingen zwei Gefühlsebenen mit, die es so in keinem anderen Land gibt - Bestätigung und Entlastung. Amerikaner, die mehrheitlich Trump wählen: Das ist, aus deutscher Sicht, wie eine apokalyptische Prophezeiung, die plötzlich wahr wird. Nicht schön zwar, aber immerhin hat Kassandra mit ihrer Warnung Recht behalten.

Amerikaner sind oberflächlich und naiv, eigennützig und egoistisch, gierig und gewalttätig, mächtig und provinziell. Das ist, nur wenig überspitzt, die Essenz vieler Gespräche in Deutschland über die USA und deren Bewohner. Ronald Reagan, der Kalte Krieger, und George W. Bush, der Cowboy, fügten sich gut ein in dieses Bild. Perfekt aber ist Donald Trump. Dessen Aufstieg, Rhetorik und Habitus bedienen fast jedes antiamerikanische Klischee. Er ist der grobe, ungebildete, scheinheilige Showstar, der angeblich im Namen der kleinen, im Stich gelassenen Menschen spricht, aber sich morgens in seinem Appartement in einem Wolkenkratzer in Manhattan vor vergoldeten Wasserhähnen die Zähne putzt. Bigotter geht’s kaum.

Fürsprecher Trumps muss man suchen wie die Nadel im Heuhaufen

Kein Wunder, dass sich im November 2016, rund eine Woche vor der Präsidentschaftswahl, in einer Umfrage von „infratest dimap“ nur vier Prozent der Deutschen für Trump aussprachen. Mitte Januar 2017, kurz vor seiner Inauguration, meinten 84 Prozent laut einer „Forsa“-Umfrage, der unberechenbare Milliardär sei charakterlich ungeeignet für das neue Amt. Und Anfang Februar urteilten 77 Prozent, der neue Präsident mache keinen guten Job (Institut „Insa“). Kaum einer Politik-Talkshow des deutschen Fernsehens gelingt es, einen halbwegs eloquenten Fürsprecher Trumps zu finden. Man muss sie suchen wie die Nadel im Heuhaufen.

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Was lehrt die Deutschen der Wahlsieg Trumps über Amerika? Auf „Spiegel Online“ heißt es: „Plumper Populismus hat über die Vernunft gesiegt. Trumps Erfolg ist ein Schock für all jene, die auf die politische Weisheit der amerikanischen Wähler gesetzt hatten.“ In der „Süddeutschen Zeitung“ steht: „Für viele ist die schlimmste Furcht  zur Wirklichkeit geworden. Die USA wenden sich einer autoritären Führungsfigur zu – die Demokratie steht vor einer historischen Herausforderung.“ Und in der „Zeit“: „Ein totalitärer Blender und betrügerischer Dilettant hat es geschafft, sich ins Weiße Haus wählen zu lassen. Donald Trump ist ein epochales Desaster.“

Der Historiker Andreas Wirsching, Direktor des Instituts für Zeitgeschichte, sagt: „Man kann nur hoffen, dass die konservativen Eliten nicht den gleichen Fehler machen wie in der Weimarer Republik bei Hitler und der Versuchung erliegen, sich Trump irgendwie andienen zu wollen.“ Wirsching weist direkte Vergleiche zwischen Trump und Hitler entschieden zurück. Dennoch diagnostiziert er Parallelen. Eine davon seien die Erosionstendenzen des Parteiensystems. „Die NSDAP kam an die Macht, weil die parteipolitischen Pfeiler Konservatismus und Liberalismus erodiert waren.“

Das Volk der Dichter und Denker hatte Hitler zugejubelt

Zur Bestätigung ihrer Klischees über die USA gesellt sich die Entlastung. Unmittelbar vor der Präsidentschaftswahl erinnerte ein 44-jähriger Hamburger, der in San Diego arbeitet, die Amerikaner auf Twitter daran, welche Folgen es haben kann, wenn man aus Verblendung einen Populisten wählt. Sein Tweet wurde mehrere hunderttausend Mal geteilt: „Liebe Amerikaner, na los, wählt den Typen mit der lauten Stimme, der Minderheiten hasst, der droht, seine Gegner ins Gefängnis zu stecken, der sich einen Dreck um Demokratie schert und glaubt, er alleine könne alles regeln. Was kann da schon schiefgehen? Viel Glück.“

Demokraten wählen die Barbarei: Dieses zweifelhafte Privileg haftete den Deutschen bislang alleine an. Das Volk der Dichter und Denker hatte Hitler zugejubelt, sich seiner Machtergreifung nicht widersetzt, war für den Diktator in den Krieg gezogen, hatte Länder überfallen, Juden vergast. Die Deutschen, das Tätervolk: Lange Zeit drückte die Last dieser Geschichte schwer, dann jedoch wurde aus der Not eine Tugend gemacht, die Vergangenheitsbewältigung professionalisiert. Zur Sündenscham kam der „Sündenstolz“, wie ihn der Philosoph Hermann Lübbe einst sarkastisch charakterisierte.

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Doch ob Sündenscham oder Sündenstolz: Die Deutschen stachen heraus, ihre Vergangenheit blieb präzedenzlos. Aus dieser Malaise befreit sie nun Trump. Er mag kein Hitler sein, sein Erfolg beweist aber, wie leicht es Demagogen fallen kann, Demokraten zu verführen. Wenn selbst die Amerikaner mehrheitlich nicht vor einem Populisten gefeit sind, wiegt die Schuld der vielen Pro-Hitler-Deutschen im Dritten Reich nachträglich etwas weniger schwer. Der Wahlerfolg Trumps „normalisiert“ den „deutschen Sonderweg“.

Die Deutschen haben mit Trump also Glück im Unglück. Das Unglück teilen sie mit Amerika und dem Rest der Welt, das Glück haben sie für sich allein. Dieser Präsident bestätigt all ihre Klischees und entlastet sie vom dunkelsten Erbe ihrer Vergangenheit. Ein wenig Schadenfreude ist da  durchaus verständlich. Darum lächelt Merkel.

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