Vorsorge für den Katastrophenfall : Die Deutschen sind für Krisen schlecht gewappnet

Eine längerer Stromausfall, Hochwasser oder Erdbeben: Die Deutschen sind verwundbar, weil sie ansonsten zuverlässig versorgt werden. Ein Kommentar.

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Hochwasser in Deutschland: Ein Haus im bayerischen Deggendorf im Juni 2013.
Hochwasser in Deutschland: Ein Haus im bayerischen Deggendorf im Juni 2013.Foto: dpa

Zuerst wird es dunkel. Deckenlampe, Fernseher, Weihnachtsbeleuchtung sind plötzlich aus. Straßenzüge, die längst keine Nacht mehr kennen, sind in gespenstische Finsternis gehüllt. Stunden später röchelt es nur noch aus dem Wasserhahn, den oberen Stockwerken fehlt es zuerst an Trinkwasser, die tieferen Etagen werden bald folgen. Das Smartphone hat keinen Empfang mehr, der Akku ist bald leer.

Man könnte noch ein bisschen weiterspinnen, welche Folgen ein längerer Stromausfall hat, zum Beispiel überlastete Rettungskräfte, kein Bargeld mehr, kein Benzin, leere Supermärkte. Plünderungen gehören nicht unbedingt dazu, auch wenn sie in Filmen oft zu einer Art Naturgesetz der Katastrophe erhoben werden. Reale Notfälle zeigen, dass die meisten Beteiligten während einer Krise besonders sozial sind (Randale gibt es erst hinterher, wenn alles überstanden ist und anschließend Hilfsgüter verteilt werden).

Im Ausnahmefall umso hilfloser

Doch selbst unerwartet freundliche Mitmenschen können nicht verhindern, dass bei einem Blackout oder noch gravierenderen Notfällen wie zum Beispiel Hochwasser alsbald die Gesundheit oder gar Leben in Gefahr sind. Auch und gerade in Deutschland. Das liegt am „Verwundbarkeitsparadox“. Es besagt: Eine Gesellschaft, die zuverlässig versorgt wird, ist im Ausnahmefall umso hilfloser. In Ländern, wo der Strom häufiger ausfällt, sind die Bewohner vorbereitet und gelassener.

Viele Bürger hierzulande sind schlecht für Krisen gewappnet, warnen Fachleute regelmäßig. Laut einer Umfrage des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) hat jeder Fünfte keine ausreichenden Lebensmittelvorräte zu Hause, jeder Achte nicht einmal Trinkwasser gelagert. Aktuell, so kurz nach den Feiertagen und vor dem nächsten Fest, dürfte die Quote etwas höher sein. Es ist eine gute Gelegenheit, all das Verschweißte, Abgefüllte und Eingedoste genauer anzuschauen, abzuschätzen, wie lange man selbst und seine Mitbewohner damit Hunger und Durst stillen könnte. Und gegebenenfalls nachzukaufen.

Sie sollten Nahrung wählen, die Sie ohnehin mögen. Nach drei Tagen Stromausfall haben Sie wichtigeres zu tun als den ersten Selbstversuch mit dänischem Frühstücksfleisch zu unternehmen.

Das BBK rät, Vorräte für zwei Wochen anzulegen. Das mag besonders vorausschauend sein, doch es ist zu bezweifeln, dass selbst Mitarbeiter der Behörde dieser Empfehlung folgen. Immerhin schätzt das Amt den Flüssigkeitsbedarf pro Person und Woche auf 14 Liter.

Die Menge spielt letztlich nicht die entscheidende Rolle. Wichtig ist, sich überhaupt mit dem Gedanken vertraut zu machen, dass Tanke, Späti und Pizzaservice unter bestimmten Voraussetzungen geschlossen sind. Vor allem für junge Erwachsene scheint es unvorstellbar, dass die gewohnte Infrastruktur zusammenbrechen könnte. Dreiviertel von ihnen halten es für nicht notwendig, sich mit einem Versorgungsausfall zu beschäftigen. Als ob nicht eintreten kann, was man sich nicht vorstellen kann oder will. Das Verdrängen der Gefahr ist für den Augenblick zwar angenehmer, kann sich aber bitter rächen.

Wo sind Fluchtwege, wo gibt es Feuerlöscher?

Was braucht es noch für den Krisenfall? Kerzen, Streichhölzer, Taschenlampe, Batterien und ein netzunabhängiges Radio, um sich zu informieren, rät das BBK. Dazu eine Hausapotheke mit wichtigen Medikamenten und Verbandsmaterial sowie ausreichend Bargeld. Wichtige Dokumente sollten griffbereit sein, um sie im Notfall einpacken und fliehen zu können.

Damit muss man rechnen, zum Beispiel in hochwassergefährdeten Gebieten. Auch Stürme oder Brände können lokal verheerend wirken. Es hat nichts mit Paranoia zu tun, wenn man an den Orten, an denen man sich häufig aufhält – im eigenen Wohnhaus oder auf der Arbeit – einmal genauer umschaut: Wo sind Fluchtwege, wo gibt es Feuerlöscher?

Auf Alarmübungen in öffentlichen Gebäuden und in Unternehmen allein sollte man sich nicht verlassen, dafür sind sie viel zu selten. Vor allem im Westen und Süden Deutschlands stellt sich auch diese Frage: Was tun, wenn die Erde bebt? Nicht durch das Gebäude rennen, sondern Schutz unter massiven Möbeln wie einem Tisch oder im Türrahmen suchen. Das individuelle Risiko, in eine Notlage zu geraten, mag gering sein. Es ist trotzdem zu groß, um es zu ignorieren.

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