Politik : Vorverurteilt

Keine Minderheit wird nach wie vor so stark abgelehnt wie Sinti und Roma. Der Vorsitzende des Menschenrechtsausschusses im Bundestag verspricht ihren Vertretern: Wir werden uns kümmern.

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Die Vorurteile gegen „Zigeuner“ sind in Deutschland die womöglich am weitesten verbreiteten und am tiefsten verwurzelten gegen eine Minderheit und sollten endlich offiziell als Problem der Mehrheitsgesellschaft anerkannt werden. Zu diesem Schluss kommt das Gutachten „Antiziganismus. Zum Stand der Forschung und der Gegenstrategien“, das am Mittwoch an den Vorsitzenden des Menschenrechtsausschusses im Bundestag, Tom Koenigs (Grüne), übergeben wurde. Alte Vorurteile und die Diskriminierung, die daraus entstehe, stünden ihren Chancen am meisten im Wege, sagte der Vorsitzende des Landesverbands der baden-württembergischen Sinti und Roma, Daniel Strauß, bei der Übergabe des Berichts: „Antiziganismus steht als Inklusionshemmnis an erster Stelle.“

In der Studie, die der Berliner Politikwissenschaftler Markus End verfasst hat, sind unter anderem Umfragen zitiert, die belegen, dass „Zigeuner“ die stärkste Ablehnung erfahren: In einer Umfrage des American Jewish Committee von 1994 erhielten sie die höchsten Negativwerte. Als Menschen, die man lieber nicht als Nachbarn haben wollte, kamen sie auf 64 Prozent mit weitem Abstand vor Arabern (46 Prozent) und Juden (19 Prozent). In der Bielefelder Studie über „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ von 2011 waren 28 Prozent dafür, Sinti und Roma aus den Innenstädten zu verbannen, und 44 Prozent erklärten sie für kriminell. Die Studie nennt ein Bochumer Urteil von 1996, das einem Vermieter gegen den Mieter Recht gab, weil der „als Nachmieter einen Zigeuner“ angeboten habe, und zitiert aus diskriminierendem Schriftverkehr der Polizei: Deren Praxis sei durch die „über 100-jährige systematische Erfassung von Sinti und Roma als „Zigeuner“, „Landfahrer“ oder unter der Abkürzung „HWAO“ (häufig wechselnder Aufenthaltsort) geprägt.

Bei dem Gespräch im Bundestag wurde auch deutlich, dass selbst Gegenstrategien die falsche Richtung nehmen könnten: EU-Maßnahmen, um die Lage der Roma auf dem Balkan zu verbessern, verpufften, wenn nicht gleichzeitig etwas gegenAntiziganismus getan werde. Wenn Wohn- und Arbeitsprogramme gar schon als Mittel dagegen gesehen würden, sei das kontraproduktiv und verstärke sogar Vorurteile. Der Hass komme nicht daher, dass Sinti und Roma arm, ungebildet oder kriminell seien; ihre Lage sei Ergebnis von Hass und Verfolgung.

Koenigs versprach, die Erkenntnisse der Studie im Parlament „zu verbreiten und zu verbreitern“. Er selbst habe auf das Mahnmal als Initialzündung gehofft, aber: „Das ist uns alles noch viel zu fern.“ Dabei gebe es nicht allein die historische Verantwortung aus dem Holocaust. Kenan Emini vom Göttinger Roma-Center hatte kurz zuvor darüber berichtet, dass viele kosovarische Roma im Balkankrieg flohen und seit vielen Jahren mehr schlecht als recht in Flüchtlingslagern lebten. Die jüngste Debatte um „Asylmissbrauch“ durch Roma aus Serbien und Mazedonien, habe ihn „fürchterlich geärgert, sagte Koenigs. „Wir haben auch eine historische Verantwortung gegenüber den Opfern unserer Intervention auf dem Balkan.“ Andrea Dernbach

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