Wahl-O-Mat : Endlich einer, der nach Inhalten fragt

Beim Wahl-O-Mat geht es nicht um Merkel und Schulz, sondern Inhalte. Das ist wichtig in einem Wahlkampf, der bisher frei davon ist. Ein Kommentar.

Max Tholl

Da hängt ihr Konterfei, lächelt die Wähler vom Plakat an, verspricht ihnen ein „Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“. Es soll Zuversicht und Souveränität ausstrahlen. Darauf setzt sie, die Kanzlerin, bei diesem Wahlkampf. Ihre stärkste Waffe gegen ihren Kontrahenten Martin Schulz: sie selbst. Es gibt bei diesem Wahlkampf kein Vorbeikommen an Angela Merkel, der Dauerkanzlerin. Selbst während sie versucht, sich vor offensivem Wahlkampf zu drücken, steht sie in dessen Mittelpunkt: eben wegen ihrer Abwesenheit. Es wirkt fast wie ein präsidentieller Wahlkampf, bei dem die Themen oft nur zweitrangig, das Image der Kandidaten aber umso wichtiger sind. Wieso sollte Merkel auch versuchen, mit Themen zu punkten? Hat 2013 ein „Sie kennen mich“ beim TV-Duell nicht als Überzeugungsmittel gereicht?

Wahl-O-Mat ist nicht nur Parteien-Check

Man muss aufgrund dieser Merkel-Übersättigung froh sein, dass es überhaupt noch Wahlkampfschauplätze gibt, die ohne Raute und bunte Blazer auskommen und sich auf die eigentlichen Fragen und Thesen besinnen: zum Beispiel die Online-Wahlhilfe Wahl-O-Mat. Seit Mittwoch kann man wieder die eigenen Interessen und Ansichten anhand von 38 Fragen mit den Programmen der Parteien abgleichen. Das Online-Tool der Bundeszentrale für politische Bildung erleichtert seit 2002 die Entscheidungsfindung bei der Wahl und gibt den Wählern die Möglichkeit, im Schnellverfahren die Themenschwerpunkte der einzelnen Parteien zu analysieren. Der Wahl-O-Mat ist aber mehr als eine Wahlhilfe, er ist ein Querschnitt der deutschen Politik. Denn er befragt selbst zu den Themen, die man am liebsten ausblenden würde oder als allgemeinen Konsens betrachtet („Der Bund soll weiterhin Projekte gegen Rechtsextremismus fördern“, „Völkermord an den europäischen Juden soll weiterhin zentraler Bestandteil der deutschen Erinnerungskultur sein“). „Gut und gerne“ will jeder in Deutschland leben, aber es muss auch gefragt werden, wie und zu welchem Preis. Diese Fragen lassen sich nicht mit Schweigen oder Kanzlerbonus beseitigen, sie drängen sich auf. Insofern ist der Wahl-O-Mat nicht nur Parteien-Check, sondern auch Reality Check.

Wahl-O-Mat setzt auf Themen statt Personen

Wahlentscheidend wird die Onlinehilfe nicht sein. Den meisten Nutzern geht es laut Umfragen eher darum, die eigene Entscheidung noch einmal zu überprüfen, anstatt zu einer neuen zu gelangen. Und trotzdem: Der Wahl-O-Mat bringt etwas zutage, was in diesem Wahlkampf zu oft von Personalien überschattet wurde: Inhalte, Themen. Antworten der Kandidaten blieben bisher auf der Strecke. Es ist traurig, dass man im Wahlkampf online nach diesen suchen muss.

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