Politik : Walter Homolka, der ehrgeizige Öko-Rabbiner, wird Kultur-Chef der Deutschen Bank

Malte Lehming

Er ist klüger als andere, schneller als andere, unberechenbar und etwas seltsam. Ein Überflieger, ein Sonderling, ein Filou. An Walter Homolka scheiden sich die Geister. Oder besser: Er selbst scheidet die Geister. Einige nicken bewundernd, andere schütteln demonstrativ den Kopf, wenn der hoch gewachsene, massige Mann den Raum betritt, der in der kleinen, niederbayerischen Stadt Landau geboren wurde. Dabei ist Homolka erst 35 Jahre alt - zu jung, möchte man meinen, um sich schon als Reizfigur etabliert zu haben. Doch das hat er: ganz schnell ganz hoch, ganz schnell umstritten. Wieder so ein Rekord.

In diesen Tagen beerbt er gerade eine Frau, deren Bekanntenkreis sich ebenfalls recht genau in Freund und Feind unterteilen lässt - Brigitte Seebacher-Brandt, die Witwe von Willy Brandt und langjährige Geliebte von Deutsche-Bank-Boss Hilmar Kopper. Homolka wird Chef der Kulturstiftung Deutsche Bank und Geschäftsführer der Alfred-Herrhausen-Gesellschaft für Internationalen Dialog. Als Ziel schwebt ihm die "strategische Ausrichtung der Kunst- und Kulturarbeit auf die internationalen Geschäftsfelder der Deutschen Bank" vor. Wieder so ein Job.

Rekorde, Posten, Positionen. Homolka ist immer für eine Überraschung gut. Mit 17 Jahren konvertiert er bei dem inzwischen emeritierten Rabbiner Ernst Stein in Berlin zum Judentum. Im selben Jahr veröffentlicht er seinen ersten Artikel - zu Jenseitshoffnungen im Judentum. "Mich faszinierte die Lehre vom verborgenen Gott, dem letztlich ganz Anderen", sagt er. Vielleicht aber war es auch "ein Protest gegen das Sinnmonopol meiner katholischen Umgebung". Dann fängt er zu studieren an, als Jude mit Ausnahmegenehmigung das Fach Theologie, um die Voraussetzungen für ein Rabbinerstudium im Ausland zu schaffen. Außerdem Wirtschaftswissenschaften. "Ein Bein im weltlichen Leben und eins im geistlichen." Auf diesen Beinen steht er bis heute. Manchmal belastet er das eine stärker, dann das andere. Wieder so ein Zwiespalt.

In jener Zeit lernt ihn, zu Hause bei Rabbiner Stein, auch Andreas Nachama kennen, der heutige Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. "Das war einer der intelligentesten Menschen, denen ich jemals begegnet bin", erinnert sich Nachama. Als "Höchstbegabter" wird Homolka Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes und trägt bald zwei Doktortitel, erworben an englischen Colleges - einen in Finanzwissenschaften, einen in "Religious Studies". Nebenbei arbeitet er als Investmentmanagerder Bayerischen Hypotheken- und Wechselbank in München, wo er den ersten deutschen Umwelt-Ethik-Fonds gründet. Anfang der neunziger Jahre, noch keine dreißig Jahre alt, wird Homolka Vorstandsassistent der Bertelsmann AG in München und persönlicher Referent des Vorstandsvorsitzenden Mark Wössner. Zwei Jahre später ist er Kaufmännischer Direktor beim Siedler-Verlag und als solcher mitverantwortlich dafür, dass Daniel Jonah Goldhagens Buch "Hitlers willige Vollstrecker" auf Deutsch veröffentlicht wird. Geld, Bücher, Ökologie: Diese Kombination bestimmt sein Leben.

Und nebenbei das Judentum. Homolka wird Rabbiner und gründet im Jahr 1997 die "Union progressiver Juden", eine Arbeitsgemeinschaft der liberalen jüdischen Gemeinden. Doch bald gibt es Zoff. Micha Brumlik, der Vorsitzende der Union, tritt zurück. Der Pädagogikprofessor wirft Homolka vor, nicht ordentlich ordiniert worden zu sein. Außerdem habe Homolka noch fünf Jahre zur eine "evangelisch-lutherische Predigt in eindeutig christlicher Dogmatik" gehalten. Er sei sich sicher, sagt Brumlik, dass Homolka "in den weitesten Kreisen der jüdischen Gemeinschaft in der Bundesrepublik keinen Anklang finden wird". Den jedoch hält dieKritik nicht auf. "Meine Kritiker haben Vorbehalte gegenüber dem Reformjudentum", sagt er selbstbewusst. "Die deutschen jüdischen Gemeinden sind da besonders verkrustet." Wenn es nach ihm ginge, würden auch Frauen als Rabbiner anerkannt und würde die Konversion zum Judentum erleichtert. Auf die Frage, wer seine Grabrede halten soll, antwortete er einmal: "eine Kollegin von 100 Reformrabbinern".

Fast zur selben Zeit wird Homolka Rabbiner der liberalen jüdischen Gemeinde Beth Shalom in München und Richter am Europäischen Rabbinatsgerichtshof, ein Jahr später übernimmt er das Amt des Landesrabbiners der israelitischen Kultusgemeinden von Niedersachsen. Doch auch Ignatz Bubis und zuletzt Paul Spiegel, der neue Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, reagieren auf Homolka gereizt. "Wir betrachten ihn nicht als Juden, und daher laden wir ihn vor unsere Gremien nicht ein", sagte Spiegel vor drei Wochen. "Er soll uns in Ruhe lassen. Wir akzeptieren ihn nicht."

Als Spiegel das sagte, hatte Homolka eine andere Karriere längst wieder hinter sich. Im April 1998 war der Öko-Rabbi zum ersten Geschäftsführer von Greepeace Deutschland gewählt worden. Ein Seiteneinsteiger auch in diesem Metier. Doch nach wenigen Monaten war das Zerwürfnis perfekt. Mehrere leitende Greepeace-Mitarbeiter kündigten, Homolka wurde unökologisches Verhalten vorgeworfen. Im Februar 1999 beschloss der Aufsichtsrat seine Abberufung.

"Er ist eben eine schillernde Gestalt, die auf manche irritierend wirkt", sagt Nachama. "Sowohl in seiner geistigen als auch in seiner beruflichen Entwicklung neigt Homolka zur Sprunghaftigkeit. Und er hat Menschen verletzt, deren Positionen er ablehnt. Das schlägt nun auf ihn zurück." Mitunter auch massiv.

17 Bücher hat Homolka seit 1990 veröffentlicht, teils auf Deutsch, teils auf Englisch. Allein im vergangenen Jahr waren es fünf. Demnächst erscheint "Ich gehe meinen Weg mit Gott". Ein Workaholic? Seinen letzten Urlaub hat er vor neun Jahren gemacht, sagt er. "Zwischen Weihnachten und Neujahr, da war die Firma immer zu."

Wohl auch, um künftig weniger Angriffsfläche zu bieten, tritt der neue Kultur-Chef der Deutschen Bank von allen anderen Ämtern zurück. In fünf Tagen ist seine Verabschiedung als Landesrabbiner von Niedersachsen. "Das wird zu einer Entspannung beitragen", hofft Nachama. Als seinen größten Erfolg, gesteht Homolka, empfindet er die Fähigkeit, sich ändern zu können. Mal sehen, wie oft noch.

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