Politik : Wenn das Essen unbezahlbar wird

Algerien ist erst der Anfang – Experten rechnen mit mehr Hungerrevolten in diesem Jahr

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Der Ökonom Philippe Chalmin wagte unlängst eine Prognose: Um Ostern, also Ende April, würden Hungerrevolten ausbrechen. Angesichts weltweit steigender Nahrungspreise sagte der Berater der französischen Regierung: „Ich bin sehr besorgt.“ Viel früher als erwartet bekommt Chalmin nun recht: In Algerien haben explodierende Lebensmittelpreise schon zu schweren Unruhen geführt, mit Toten und Verletzten. Eilig beschloss die Regierung in Algier, Einfuhrzölle und Steuern auf Zucker und Speiseöl zu senken.

Algerien könnte der Auftakt einer globalen Serie von gewaltsamen Demonstrationen gegen kaum noch bezahlbare Lebensmittel sein. In der vorigen Woche schockte die UN-Landwirtschaftsorganisation FAO mit Zahlen für die wichtigsten Grundnahrungsmittel: Das Barometer, das die Teuerung von Erzeugnissen wie Weizen, Reis, Mais, Zucker, Speiseöl und Milchprodukten anzeigt, schoss im Dezember auf den höchsten Stand seit der Einführung zu Beginn der 90er Jahre.

Zumal Weizen verteuerte sich im vergangenen Jahr. „Die Preise ziehen in alarmierender Weise an“, warnt der FAO-Experte Abdolreza Abbassian. Mindestens bis zum Sommer müsse die Welt „aller Wahrscheinlichkeit“ nach mit den hohen Lebensmittelpreisen leben. Schon im November hatte die FAO auf die Gefahr neuer „Angebotsschocks“ auf den Agrarmärkten hingewiesen. Chalmin fürchtet, dass die Getreidelager der größten Exporteure sich weiter leeren. Spätestens im März erwartet Chalmin eine „sehr starke Spannung“ bei Getreide. Allerdings betont die FAO auch: Die Preise für Reis sind noch stabil – mit Reis ernähren sich Milliarden von Menschen vor allem in Asien.

Welche Folgen massiven Preisschübe zumal für arme Länder bringen, zeigte sich 2007 und 2008: In Südamerika, Afrika und Asien zogen hunderttausende hungrig durch die Straßen der Metropolen. Bei Ausschreitungen in mehr als 30 Ländern kamen Dutzende Menschen ums Leben. Die UN warnten, dass die „soziale, politische und ökonomische Stabilität“ vieler Staaten auf der südlichen Halbkugel auf der Kippe stehe. 2009 zählte die Weltorganisation deutlich mehr als eine Milliarde hungernder Menschen. Zwar ging die Zahl der Unterernährten im laufenden Jahr laut FAO-Schätzungen auf 925 Millionen zurück. Doch die neuen Preisschübe drohen den Fortschritt wieder zunichte zu machen. „Aufgrund der Tatsache, dass alle sechs Sekunden ein Kind an den Folgen von Unterernährung stirbt, bleibt Hunger weiterhin die größte Tragödie weltweit“, mahnt Jacques Diouf, der Generaldirektor der FAO.

Getrieben wird die massive Teuerung vor allem von Naturkatastrophen in Agrarstaaten: Die Waldbrände in Russland, die anhaltende Dürre in Argentinien und nicht zuletzt die gigantischen Überschwemmungen in Australien vernichten Feldfrüchte – und verknappen das Angebot. Hinzu kommen langfristige Faktoren wie der wachsende Appetit der Milliardenvölker in China und Indien. Bis 2050 wird sich die Weltbevölkerung von rund 6,8 Milliarden auf 9,1 Milliarden vermehren. Um alle satt zu bekommen, müsste die Lebensmittelproduktion laut FAO bis zur Mitte des Jahrhunderts um rund 70 Prozent steigen. Empfohlen werden eine Ausweitung der Anbauflächen und Ertragssteigerungen. „Das ist eine schier unmögliche Aufgabe angesichts der stagnierenden Flächenausweitung und einer auf Produktionssteigerung ausgerichteten Landwirtschaft, die fast überall an ihre Grenzen stößt“, warnt jedoch Jean Feyder, Botschafter Luxemburgs bei der Welthandelsorganisation.

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