Politik : Wenn Junge aus der Hüfte schießen

DIE ZUKUNFT DER ALTEN

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Von Ursula Weidenfeld

Vor fünf Jahren sprach ein ÄrztePräsident vom bevorstehenden „sozialverträglichen Frühableben“ älterer Krankenkassenpatienten. Er meinte, es könne eine Situation eintreten, in der ältere Menschen die notwendige medizinische Versorgung nicht mehr bekommen, weil man die Krankenkassen entlasten will. Dieser (ironisch gemeinte) Spruch des Ärztefunktionärs Karsten Vilmar löste einen Aufschrei aus – und zum ersten Mal eine breite öffentliche Debatte darüber, wie die Jungen in diesem Land mit den Alten umgehen. Die Gesellschaft für deutsche Sprache wählte „sozialverträgliches Frühableben“ zum Unwort des Jahres 1998. Zu Recht.

Fünf Jahre später zeigt sich, dass aus dieser Entgleisung offenbar niemand etwas gelernt hat. Da sagt der Vorsitzende der Jungen Union, der 23-jährige Philipp Mißfelder, im Interview mit dieser Zeitung, dass es zumutbar sei, wenn 85-Jährige an Krücken gehen, anstatt ein neues Hüftgelenk auf Krankenkassenkosten zu bekommen. Das war wohl nicht so böse gemeint, wie es ankommt. Aber es löst bei älteren Menschen die schlimmsten Befürchtungen aus, wie es ihnen künftig in dieser Gesellschaft ergehen wird, wenn die heute Zwanzigjährigen einmal das politische Klima bestimmen. Es bringt auch die notwendige und überfällige Debatte zwischen den Generationen, wer künftig wofür geradestehen soll, keinen Zentimeter weiter: Es ist eine deprimierende Vorstellung, wenn der Dialog künftig in diesem schrillen Ton geführt würde.

Es zeigt aber auch, wie tief offenbar schon jetzt der Frust der jungen Generation ist, später einmal für alle Lasten und Schulden, die Renten und Pensionen, die wirklichen und die eingebildeten Leiden der älteren Generationen einstehen zu müssen. Wie sehr sie sich von der Politik der heute Vierzig- bis Sechzigjährigen überhört fühlen. Und wie radikal sie sich dieser Vorstellung verweigern, am Ende die Rechnung zu zahlen, ohne vorher gefragt worden zu sein. Zumal sie ahnen, dass die Annahmen, die diesen Rechnungen zu Grunde liegen, eher noch schöngefärbt sind.

Obwohl alle wissen, dass der Generationenkonflikt eine Zeitbombe ist, gibt es auch fünf Jahre nach der Vilmarschen Entgleisung immer noch keine vernünftige und breite Diskussion. Es gibt nicht einmal den Versuch, den schwelenden Konflikt wirklich offen zu legen, ihn auszusprechen und nach einer Lösung abseits der üblichen Generationen-Lobbys zu suchen. Da wird lieber ganz harmlos über eine kinderfreundliche Politik palavert oder politisch korrekt über die notwendige Einwanderung debattiert. Andere zeigen Problembewusstsein, indem sie den Jugendwahn anprangern oder „Generationengerechtigkeit“ über alle ihre politischen Dokumente schreiben. Und noch andere, vor allem Ältere, sprechen vom Alterungsprozess der Gesellschaft, als gehe es dabei um nichts anderes als um die Vorbereitung eines Weihnachtsfestes in der Großfamilie.

Dass die Gegenbewegung auf diese Verharmlosungsmanöver so scharf und so zynisch ausfällt, ist zwar unangemessen. Aber es zeigt, wie sehr das Thema bisher unterdrückt worden ist – allen akuten Renten-, Gesundheits- und Pflegeversicherungsreformen zum Trotz. Und, nebenbei bemerkt, auch der Realität in vielen Familien zum Trotz: Denn in den Familien funktioniert der Ausgleich immer noch prächtig. Mehr als ein Viertel aller Alten hilft der nachfolgenden Generation innerhalb der Familie regelmäßig mit hohen Beträgen aus.

Nur auf die Gesellschaft lässt sich das nicht übertragen: Die Deutschen wissen zwar, dass die Gesellschaft immer älter wird – aber die Folgen dieser Entwicklung wolle niemand tragen, hat der Bonner Sozialwissenschaftler Meinhard Miegel festgestellt. Deshalb bürde man sie lieber der Zukunft auf. Doch die Zukunft spielt nicht mehr mit. Das wirkliche Drama aber bahnt sich ganz nebenbei an: Die Jungen verlieren über den Egoismen der Mittelalten und Alten das Bewusstsein für die großen Werte des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Den Respekt vor dem Alter zum Beispiel, die Bedeutung von Erfahrung und Lebensklugheit. Sie ersetzen die Dankbarkeit denen gegenüber, die eine freie, stabile und wohlhabende Gesellschaft geschaffen haben, durch den eigenen, genauso unangebrachten Egoismus.

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