Politik : Wenn sie, wer dann nicht?

Für die einen ist es nur ein Rummel, und für die anderen? Die Stadt Eisleben in Sachsen-Anhalt will ein Wiesenfest, das es fast seit 500 Jahren gibt, zum Weltkulturerbe erklären lassen. Das wirft Fragen auf.

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2008
2008Foto: IMAGO

Bis vor ein paar Jahren sind noch die beiden Ochsen Wiesi und Angi vornweg gelaufen. Sie taten das aus Brauchtumsgründen, Traditionsbewahrer waren sie, doch selbst dieser für Rinder bemerkenswerte Lebensinhalt hat sie nicht davor retten können, im März 2008 eingeschläfert zu werden. Nachfolger waren seitdem nicht mehr aufzutreiben, und nun, nach fünf ochsenlosen Jahren, resümiert Siegmund Michalski, der den Tieren einst ihre hervorgehobene Rolle zuwies: „Heutzutage einen Ochsen zu bekommen, der nervenstark genug ist, das ist unheimlich schwer.“ Er sagt: „Überhaupt ist es schwierig heutzutage, in der Öffentlichkeit mit lebendem Vieh umzugehen.“

Heutzutage. Etliches ist schwierig geworden für Michalski, es bauen sich Hürden auf, die gestern noch nicht da gewesen sind. Die Ochsenbeschaffung. Das Auseinandersetzen mit Tierschützern und, so sagt er, mit „Sicherheitsaspekten“. Die ganze Traditionspflege an sich ist schwierig geworden.

Wiesis und Angis Anteil daran bestand darin, einmal im Jahr an Michalski ausgeliehen zu werden und anschließend vor historisch kostümierten Menschen herzulaufen, den Marktplatz der sachsen-anhaltinischen Stadt Eisleben hinunter bis zu einem Rummelplatz. Es handelt sich dabei um die Rummelplatzeröffnungszeremonie. Michalski sagt noch einmal: „Es wird immer schwieriger, das zu erhalten.“

Deshalb und weil es sich bei der Veranstaltung um eines der ältesten deutschen Volksfeste handelt, will der städtische Jahrmarktsleiter Michalski mit seinem Jahrmarkt auf eine der Welterbe-Listen der Unesco. Er will unter den wachsamen Blick einer Weltorganisation gestellt werden und gleichzeitig auf Augenhöhe kommen mit den Pyramiden von Gizeh und dem Großen Barriereriff. Michalski sagt: „Also wenn wir nicht, wer dann?“

Michalskis Plan ist ein Vorgeschmack darauf, welcher Art viele Anträge auf eine Welterbe-Aufnahme sein werden, die in den nächsten Monaten auf die Unesco-Leute zukommen. Denn im deutschen Welterbewesen hat im Sommer eine neue Zeitrechnung begonnen. Laut einem Beschluss der Bundesregierung ist das Land dem Unesco-Übereinkommen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes beigetreten.

Bisher beteiligte sich Deutschland – die Bundesrepublik unterschrieb 1976, die DDR 1988 – am Unesco-Übereinkommen „Zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt“ und seit 1999 an einem Unesco-Programm zur Erhaltung des dokumentarischen Erbes der Menschheit. Bei Kultur-, Natur- und Dokumentenerbe geht es um Dinge, die man anfassen kann, um Kulturgüter wie den 1978 in die Welterbeliste aufgenommenen Aachener Dom, um Naturschauplätze wie das 2009 eingetragene Wattenmeer oder um die seit 2001 auf der Liste stehende Gutenberg-Bibel. Es geht dabei laut Unesco darum, „dass Teile des Kultur- oder Naturerbes von außergewöhnlicher Bedeutung sind und daher als Bestandteil des Welterbes der ganzen Menschheit erhalten werden müssen“, es geht um das „Gedächtnis der Welt“. Es geht um Superlative. Fortan wird es oft auch um selbstverständlich Gewordenes gehen. Die Auswahlkommissionen fürs Immaterielle werden sich ab Dezember über Aufnahmeanträge beugen, in denen für den Welterbe-Rang des „Deutschen Brotes“ argumentiert wird, für Kneipps Naturheilverfahren, Friedrich Fröbels Kindergartenidee, die Hamelner Rattenfänger-Sage, vielleicht sogar für Thüringer Klöße.

Das Übereinkommen, Artikel 2, Begriffsbestimmungen: „Unter ,immateriellem Kulturerbe‘ sind Bräuche, Darstellungen, Ausdrucksformen, Wissen und Fertigkeiten zu verstehen, die Gemeinschaften, Gruppen und gegebenenfalls Einzelpersonen als Bestandteil ihres Kulturerbes ansehen.“

Michalski sitzt in seinem Büro am Rummelplatzrand. Draußen vor dem Fenster laufen fröhliche Menschen an Rummelplatzattraktionen vorbei, die mit anderen, nicht so fröhlichen, sondern eher entsetzten Menschen gefüllt sind und „Transformer“, „Booster“, „Flasher“ heißen, es gibt auch die „Sound Machine“, „Magic“, den „Sling Shot“ und den „Voodoo Jumper“. Es gibt elf Schießbuden, einmal Hau den Lukas und einmal Froschklopfen. Es gibt ein Glücksrad, Bratwurst, Leber, Hawaii-Spieße, Pommes und Pizza. Mexikanisches Essen, asiatisches Essen. Michalski sagt: „Wir hier in Eisleben und Umgebung, wir pflegen die Tradition richtig gut.“

Marktschreierstände sind da, der von „Aal-Volker“ aus Hamburg zum Beispiel, „Käse-Rudi“ ist ebenfalls anwesend und „Bananen-Matthes“ auch. Wer will, kann sich in einer Piercingbude piercen lassen, einige Meter weiter mit Unterhosen eindecken oder mit Messern und Schleifsteinen. Michalski sagt: „Wer das als Rummel bezeichnet, hat die Thematik nicht verstanden.“

Wo sind wir hier? „Wir sinn hier off der Eisleewer Wiese!“, sagt das ortsansässige Komikerduo Elsterglanz. Nach einem gewonnenen Rechtsstreit mit einer Konkurrenzveranstaltung darf die sich mittlerweile „das größte Volksfest Mitteldeutschlands“ nennen. Jedes Jahr im September findet es statt, jedes Jahr kommen an den vier Volksfesttagen verlässlich 500 000 Menschen.

Einer der Elsterglanz-Sketche handelt von der hier korrekten Art und Weise der Bierbestellung. Sie geht so: „Bedienungsfachkraft! Wir wolln uns jeder ene Brühe hochkant in’n Karton quackern!“

Oder: Wir wolln uns „ene Soße in’n Zylinder knetschn!“

Oder: „Wir möjen zwei Jauchen ham, die wolln wer uns volles Kanonenrohr in’n Deetz rammeln!“

Es geht naturgemäß auch um den Spaß am Suff auf diesem Jahrmarkt, was ja auch eine Art Tradition ist. Doch selbst die ist gefährdet. Rettungssanitäter berichten von einer steigenden Zahl vor allem junger Leute, denen diese jahrhundertalte Volksfest-Qualifikation abhandenkommt. Sie berichten von Alkohol-Überdosen und Vergiftungserscheinungen.

Man sollte zum Beispiel essen beim Trinken, Elsterglanz jedenfalls weiß das noch. „Kräppelchen“ – eine Teigware – „is de beste Grundlare zum Saufen.“

Wer Michalski jetzt so kommt, der hat die Thematik aus seiner Sicht immer noch nicht verstanden. Michalskis Thematik ist nämlich folgende: Kaiser Karl V. erlaubte den hiesigen Mansfelder Grafen im Jahr 1521, einmal im Jahr einen Ochsenmarkt abzuhalten. Rasch kamen neben den Viehverkäufern andere Händler und auch Gaukler dazu, der Jahrmarkt entstand. „Der ist fast 500 Jahre alt!“

Armbrustschützenfeste wurden auch bald veranstaltet. So gesehen hat die Eislebener Bürgermeisterin Jutta Fischer vollkommen recht, wenn sie an dieser Stelle eingreift. Sie sagt: „Auch die Schießbuden sind also Tradition und Brauchtum.“ Achterbahnen gab es auf den frühen Eisleber Wiesenfesten dagegen noch nicht. Aber dass Traditionen sich auch wandeln dürfen, ist in den Unesco-Statuten ausdrücklich vorgesehen.

Fischer sitzt Michalski gegenüber. Genau wie er ist sie an den vier Wiesentagen nahezu ununterbrochen am Ort des Geschehens, zum Besucherbegrüßen, Menschenansprechen, Nachdemrechtensehen. Nachher wird sie sich aufmachen und sich ins Animierkabäuschen des Karussells „Super Spider“ setzen. Dort spricht sie dann in ein Mikrofon. Hereinspaziert! Sie sagt, dass ihr das einen Riesenspaß mache.

Die Sozialdemokratin Fischer ist der Kopf hinter Eislebens Welterbe-Antrag. Sie hat mitbekommen, wie die Unesco im Jahr 2003 das entsprechende Übereinkommen traf. Sie hat beobachtet, wie ein Land nach dem anderen beitrat, wie Argentinien und Uruguay den Tango in die Liste aufnehmen ließen, China die Pekingoper und die Akupunktur und diverse Länder diverse Karnevals. Sie hat die Skepsis deutscher Bundes- und Landesregierungen zur Kenntnis genommen, die lange zögerten, sich überhaupt mit dieser neuen Unesco-Idee auseinanderzusetzen. Zu unklar, zu unsystematisch schienen ihnen die Aufnahmekriterien zu sein. Zu groß schien ihnen die Gefahr, die Unesco-Wortwahl von den „Bräuchen“ und „Traditionen“ könne zu nah am Begriff des Völkischen liegen. Als die Politik anfing, sich ernsthaft Gedanken zu machen, war Fischer schon mit dem Präsidenten des Deutschen Schaustellerbundes im Gespräch. Alle Argumente, alles Für und Wider waren abgewogen, als das Übereinkommen im Juli 2013 in Deutschland endlich in Kraft trat.

Eisleben hat Erfahrung in diesen Dingen. Seit 1996 steht die Stadt schon in einer Welterbeliste. Martin Luther stammt von hier. Er ist in Eisleben geboren und verbrachte zwar schon seine Kindheit anderswo und kam abgesehen von einigen Besuchen erst zum Sterben zurück. Doch die beiden Eislebener Eckdaten im Leben des Weltreligionsgründers genügten völlig, um die Unesco von der Bedeutung der Stadt zu überzeugen.

Gesetzt den Fall, die Eisleber Wiese würde die Auswahlprozesse im Land und dann im Bund überstehen und schließlich auch von der Unesco akzeptiert werden: Entwerten Sie damit nicht Ihren Luther, Frau Fischer? Auch hier herrscht nicht der geringste Zweifel mehr bei ihr. Das würde sich gegenseitig ergänzen, sagt sie.

Sie ist damit voll auf der Linie von Außenminister Guido Westerwelle, der im Büchlein zum deutschen Unesco-Beitritt schreibt: „Zwischen dem immateriellen Erbe und den Welterbestätten, die unter dem Schutz des Übereinkommens zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt stehen, gibt es oft wechselseitige Beziehungen.“

Da wäre zum Einen: der Schauplatz Eisleben. Dann der Festumzug zur Rummeleröffnung, dessen Organisation dem Marktleiter Michalski und dem städtischen Kulturamt immer mehr abverlangt, weil eben nicht nur die Population nervenstarker Ochsen im Niedergang begriffen ist, sondern auch die geschichtsbewusster Freiwilliger. Auf dem aber immer noch mehr als 800 Menschen in historischen Kostümen auch aus der Lutherzeit mitlaufen, mit großem Ernst und stolzem Blick. In diesem Jahr waren zum Beispiel Luthers Eltern und ihr kleiner Sohn Martin mit dabei.

Und dann ist da auch noch der theoretische Überbau. „Kultur und Brauchtum“, sagt Fischer, „das ist aus meiner Sicht das, worauf man aufbauen muss.“ Das müsse im Bewusstsein der Menschen hier verankert werden, auf dass sie wissen, dass sie eine Herkunft haben, eine Geschichte, sie müssten erkennen, dass auch sie wer sind, dann werde vielleicht auch manches andere gut.

Der Kulturstaatsminister Bernd Neumann schreibt in dem Unesco-Beitrittsbüchlein: „Durch die Auseinandersetzung mit dem immateriellen Kulturerbe werden wichtige Grundlagen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt geschaffen.“ Und Sachsen-Anhalts Kulturminister Stephan Dorgerloh, der im Übrigen gerade dafür sorgt, dass Eislebens Theater möglicherweise bald schließen muss, schreibt darin von „kultureller Vielfalt“ und von „Wertschätzung fördern“.

Jutta Fischer sagt: „Wenn man jetzt sagt, man stellt den Antrag nicht, hat man etwas versäumt.“

Sie argumentiert ganz aus der Sicht der geplagten 25000-Einwohner-Stadt Eisleben. Die liegt im Landkreis Mansfeld-Südharz, einer seit Jahrhunderten untergrabenen, aufgebuddelten Landschaft, die heute eine mit den Abraumhalden des Bergbaus vollgestellte Ackersteppe ist. Stoppelfelder gehen bis zum Horizont, einstige Größtflächen-LPGs, mittlerweile auch bewachsen von kleinstadtgroßen Windradplantagen, kaum ein Baum, kaum ein Busch, keine Hecke begrenzt den Blick. Zur Eisleber Wiesenzeit künden allerorten Rauchsäulen vom Abfackeln der letzten Reste Grünzeug, die abgemäht und abgehauen werden und hinterher eben verbrannt. Diese Landschaft, obwohl auf ihr den Sommer über Lebensmittel wachsen, ist vielleicht noch nicht erledigt, aber nähren tut sie die Menschen hier nicht mehr besonders gut. In Vergleichsstudien zur Wirtschaftskraft landet sie regelmäßig weit hinten, in denen zur Arbeitslosigkeit weit vorn.

Die Unesco, die von Paris aus die ganze Welt im Blick hat, könnte diese Perspektive möglicherweise wenig interessieren. Aber die hiesige Bürgermeisterin muss sie selbstverständlich haben. Hier hat ein Rathaus eine Gelegenheit ergriffen. Es hat eine Chance genutzt – dargeboten von den Weisen von Paris und in diesem Jahr endlich durchgewunken von den Mächtigen aus Berlin –, auch um den Preis, sich lächerlich zu machen. Aber es ist und bleibt eine Chance. Auf was auch immer.

Vielleicht wäre eine erfolgreiche Eislebener Bewerbung auch ein Fingerzeig darauf, wie man die Unesco-Welterbelisten in Zukunft lesen wird, ein Baustein auf dem Weg von den derzeit 1600 Einträgen darauf hin zu einer noch größeren Unüberschaubarkeit. Vielleicht wird dann, wenn sich neben dem Versailler Schloss, Brasiliens Regenwald, der Akropolis, dem Tadsch Mahal und dem Grand Canyon, neben einem kroatischen Kehlgesang, der Mittelmeerküche und indonesischem Marionettentheater auch das Harzer Questenfest, der Kötztinger Pfingstritt, das Bad Hersfelder Lullusfest und die Eisleber Wiese darauf finden sollten, ein zukünftiger Sinn dieser Listen offenbar. So wie man mit dem Finger auf der Landkarte verreisen kann, könnten sich die Menschen dieser Erde dann auch die ellenlangen Welterbeaufzählungen zur Hand nehmen und sie überfliegen. Die meisten Einträge darauf wären für das „Gedächtnis der Welt“ bedeutungslos. Aber alle zusammen und in einer Aufzählung vereint, könnten sie einen unschätzbar teuren Gedanken auslösen: Was es nicht alles gibt. Was für eine reiche Welt.

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