Wer verändert die Welt? (5) : Der Warner vor dem Genozid

John Prendergast hat der US-Öffentlichkeit erklärt, dass sie die Menschenrechte von Afrikanern retten muss – damit hat er Filmstars und Diplomaten überzeugt. Mit zum Teil beunruhigender Wirkung.

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John Prendergast und der Schauspieler George Clooney treten oft gemeinsam auf. Clooney finanziert ein Satellitenprojekt, mit dem Militärbewegungen der sudanesischen Armee verfolgt werden sollen. Prendergast wirbt unermüdlich für sein Bild vom Genozid.
John Prendergast und der Schauspieler George Clooney treten oft gemeinsam auf. Clooney finanziert ein Satellitenprojekt, mit dem...Foto: AFP

Das Online-Lexikon Wikipedia führt John Prendergast als „Aktivist“. Das konservative britische „Spectator-Magazin“ bezeichnet ihn als „selbst ernannten Friedensstifter“. Der amerikanische Menschenrechtler hat es mit seinen Kampagnen geschafft, die USA-Afrikapolitik stark zu beeinflussen. Prendergast gehört zu der einflussreichen Gruppe rund um Susan Rice, die in der Regierung von Bill Clinton bereits für die Afrikapolitik der USA verantwortlich zeichnete und für die Regierung von Barack Obama zunächst UN-Botschafterin und inzwischen nationale Sicherheitsberaterin geworden ist. Auch Samantha Power, die Rice als UN-Botschafterin abgelöst hat, gehört zu der Gruppe, die als „genocide babes“ (Genozid-Babys) bezeichnet werden. Alle drei hat das amerikanische – aber auch weltweite – Versagen im Angesicht des ruandischen Völkermords 1994 geprägt.

Prendergasts Bild vom Genozid

John Prendergast schrieb in einem Kommentar zum 20. Jahrestag des Völkermords: „Wenn es keine Gaskammern gibt, keinen Stacheldraht und keine Konzentrationslager, erkennen viele nicht, wenn sich ein Völkermord anbahnt.“ Er erkennt ihn allerdings immer öfter. John Prendergast hat das Bild des modernen Völkermords in einflussreichen Organisationen geprägt, von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch bis zum Thinktank International Crisis Group. Und er ist sich mit Susan Rice und Samantha Power einig über dieses neue Bild vom Genozid.

Glamour für Afrika

Der mittlerweile 50-jährige John Prendergast hat es nicht dabei belassen, politische Akteure für seine Weltsicht – amerikanische Retter für geknechtete und verfolgte afrikanische Völker – zu gewinnen. Er dreht das ganz große öffentliche Rad, seit er 2007 die Kampagnenorganisation Enough gründete. Mit Don Cheadle, der in dem Film „Hotel Ruanda“ den guten Hutu gespielt hat, hat Prendergast gleich zwei Bestseller veröffentlicht. Er hat das Bild afrikanischer Menschenrechtsverletzungen in amerikanischen Fernsehserien und Spielfilmen mitgeprägt, weil er an ihren Drehbüchern beteiligt war. Und er hat mit dem Schauspieler und Regisseur George Clooney das Satellite Sentinel Project gegründet. Clooney finanziert das Projekt, das mithilfe von Satellitenbildern als Frühwarnelement vor neuen Massenverbrechen im Sudan und Südsudan schützen soll. Prendergast hat die Schauspielerin Angelina Jolie durch kongolesische Flüchtlingslager geführt, und einen ganzen Tross Presse gleich mit.

Die Lieblingskrise der Stars: Darfur

Selbstverständlich gehörte John Prendergast auch zu den ersten, die vor einem Völkermord in der westsudanesischen Provinz Darfur warnten. Eine Kampagne, die dann von den evangelikalen Kirchen der USA aufgegriffen wurde. Auf die tausenden Briefe evangelikaler Christen an ihre Kongressabgeordneten musste die Politik reagieren. Das Ergebnis war die Unterstützung der USA für eine Überweisung des Falls Darfur an den Internationalen Strafgerichtshof (IStGH), den die USA nicht anerkennen. In der Folge wurde ein internationaler Haftbefehl gegen den bis heute regierenden sudanesischen Präsidenten Omar al Baschir ausgestellt. Nur an der Krise in Darfur hat sich im Ergebnis wenig geändert.

Wer verändert die Welt? Die meisten Revolutionen beginnen ganz klein, mit einer „Schnapsidee“ oder mit einem großen Zorn auf die Verhältnisse. Wir stellen sieben Menschen vor, deren Engagement ganz schnell über sie selbst hinausgewachsen ist, im Guten wie im Schlechten. Allen gemeinsam ist, dass sie zunächst allein eine Sache ins Rollen gebracht haben – und nicht allein geblieben sind. Dies ist der erste Teil einer Serie.

Die bereits erschienenen Teile der Serie finden Sie hier:

Die Missionarin: Oby Ezekwesili setzt sich für die in Nigeria entführten Mädchen ein.

Die Modekönigin: Rania von Jordanien hat im Ausland mehr Fans als zu Hause.

Der Preisgeber: Mo Ibrahim macht gute Präsidenten reich.

Die Aufklärerin: Lorella Zanardo will das Fernsehen verändern.

Der Wassermann: Wie Benjamin Adrion vom Fußballer zum Entwicklungshelfer wurde.
Der Wertsetzer: Christian Hiß hat mit der Regionalwert AG eine neue Form der Förderung für den Ökolandbau erfunden.

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