Wer verändert die Welt? (7) : Der Wertsetzer

Christian Hiß hat aus Ärger über die Banken eine Aktiengesellschaft zur Förderung von Öko-Essen gegründet. Seine Regionalwert AG bietet eine ethische Geldanlage mit unklaren Gewinnaussichten - und sie hat Erfolg.

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Christian Hiß kämpft für den Ökolandbau und gutes, regional erzeugtes Bioessen.
Christian Hiß kämpft für den Ökolandbau und gutes, regional erzeugtes Bioessen.Foto: promo

Dass es so nicht weitergehen konnte, das war Christian Hiß eigentlich schon immer klar. Als ihm die Banken Mitte der 2000er Jahre einen Kredit für den Bau eines Stalls auf einem der ersten Biohöfe Deutschlands verweigerten, hatte er endgültig genug und beschloss nach einer Alternative zu suchen. Er hat sie gefunden. 2006 gründete der ausgebildete Bio-Gärtner die Regionalwert AG in der Region Freiburg, eine Bürgeraktiengesellschaft zur Förderung der ökologischen Landwirtschaft, der Verarbeitung und Vermarktung von ökologisch erzeugten Lebensmitteln.

In zwei nicht öffentlichen und zwei öffentlichen Aktienausgaben sammelte die Regionalwert AG 2,3 Millionen Euro ein, um entsprechende Unternehmen mit Startkapital für ihre Gründung oder Betriebserweiterungen zu unterstützen. Inzwischen gehören 19 Firmen im Regierungsbezirk Freiburg zur Regionalwert AG.

Die Regionalwert AG bekommt Ableger

„Die Idee kommt an“, berichtet Christian Hiß. Dass sie interessant ist, fand auch das Ashoka-Netzwerk, eine Organisation, die Sozialunternehmer bis zu drei Jahre während ihrer Unternehmensgründung fördert. Von 2010 bis 2013 finanzierte Ashoka seinen neuen Job. Inzwischen wird Christian Hiß’ Arbeit aus dem Betriebsumsatz und zu einem geringen Teil aus dem Betriebsvermögen finanziert. Im Augenblick bereitet die Regionalwert AG eine weitere Kapitalerhöhung vor. „Viele haben Interesse bekundet“, berichtet Hiß. Dabei legen die Aktionäre ihr Geld langfristig an und können nicht damit rechnen, dass es schnell Erträge bringt. Sie sind am Gewinn wie an den Verlusten beteiligt und können sogar Geld verlieren.

Nur in Berlin geht es nicht recht voran

Mit der Isar-Inn-Region rund um München ist eine zweite Regionalwert AG gegründet worden und in Schleswig-Holstein rund um Hamburg die dritte. Diese eigenständigen Einheiten bilden die Regionalwert-Dachgesellschaft und haben dort jeweils eine Stimme. Wer den Namen Regionalwert nutzen will, muss sich der Dachgesellschaft anschließen. Inzwischen ist Christian Hiß’ Idee seiner südbadischen Heimat längst entwachsen. Derzeit berät er Interessierte bei der Gründung einer weiteren Regionalwert AG in der Region Wien in Österreich, in Andalusien in Spanien, Rheinland-Pfalz und im Umfeld von Köln. Auch in Berlin gibt es Interesse an der Idee, „aber bisher leider kein Unternehmen“, sagt Hiß. „Die schaffen das nicht.“

Wer verändert die Welt? Die meisten Revolutionen beginnen ganz klein, mit einer „Schnapsidee“ oder mit einem großen Zorn auf die Verhältnisse. Wir stellen sieben Menschen vor, deren Engagement ganz schnell über sie selbst hinausgewachsen ist, im Guten wie im Schlechten. Allen gemeinsam ist, dass sie zunächst allein eine Sache ins Rollen gebracht haben – und nicht allein geblieben sind. Dies ist der erste Teil einer Serie.

Die bereits erschienenen Teile der Serie finden Sie hier:

Die Missionarin: Oby Ezekwesili setzt sich für die in Nigeria entführten Mädchen ein.

Die Modekönigin: Rania von Jordanien hat im Ausland mehr Fans als zu Hause.

Der Preisgeber: Mo Ibrahim macht gute Präsidenten reich.

Die Aufklärerin: Lorella Zanardo will das Fernsehen verändern.

Der Warner: John Prendergast hat mit seinem Bild vom Genozig die amerikanische Sudanpolitik geprägt.

Der Wassermann: Wie Benjamin Adrion vom Fußballer zum Entwicklungshelfer wurde.

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