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West-Pharmafirmen ließen Medikamente in der DDR testen : Das Risiko der anderen

28.12.2012 09:48 Uhrvon
Frauenstation in einem DDR-Krankenhaus. Das Gesundheitswesen hatte stets mit Mangel zu kämpfen – da waren Devisen für Pharmastudien hoch willkommen. Foto: ullstein bildBild vergrößern
Frauenstation in einem DDR-Krankenhaus. Das Gesundheitswesen hatte stets mit Mangel zu kämpfen – da waren Devisen für Pharmastudien hoch willkommen. - Foto: ullstein bild

In der DDR wurden im Auftrag westlicher Pharmakonzerne in den 80er Jahren zahlreiche Medikamententests an ahnungslosen Patienten durchgeführt. Was ist damals passiert?

Ein westliches Unternehmen lässt Waren in der DDR herstellen und schert sich nicht um die unmoralischen Produktionsbedingungen – dieses Prinzip hatte man bisher mit dem Namen Ikea verbunden. Vor wenigen Wochen war eine Studie über Haftzwangsarbeit in der DDR für den schwedischen Möbelkonzern vorgestellt worden. Der Fall Ikea sei aber nicht mehr als die „Spitze des Eisbergs“, sagte der Bundesbeauftragte für die Stasiunterlagen, Roland Jahn, als der Einsatz von Gefangenen bekannt wurde.

Schließlich hätten zahlreiche westdeutsche Unternehmen undurchsichtige Geschäftsbeziehungen mit der DDR unterhalten. Ein neues, erschreckendes Kapitel über diese Geschäfte ist nun aufgetaucht. Bis vor kurzem unentdeckte Akten aus dem DDR-Gesundheitsministerium belegen, dass westliche Pharmaunternehmen Medikamente an ostdeutschen Patienten testen ließen, bevor sie sie auf den westdeutschen Markt brachten. Die Studien waren teilweise geheim, die DDR-Patienten dachten, sie würden klassisch behandelt. Dass an ihnen noch nicht marktreife Medikamente aus dem Westen ausprobiert wurden, wussten sie nicht.

Was ist bisher über Studien mit westlichen Medikamenten in der DDR bekannt?

Wie aus Akten des DDR-Gesundheitsministeriums hervorgeht, entwickelte sich die DDR in den 80er Jahren zu einem regelrechten Testlabor für westliche Pharmakonzerne. Mehr als fünfzig Firmen gaben zwischen 1983 und 1989 Medikamentenstudien in Auftrag, die anschließend DDR-Ärzte in ostdeutschen Krankenhäusern durchführten. Eine entsprechende Liste aus dem Bundesarchiv, das die DDR-Unterlagen aufbewahrt, liegt dem Tagesspiegel vor. Auf ihr stehen viele große, in Deutschland operierende Pharmafirmen oder deren Vorgänger, wie die inzwischen zusammengehörenden Konzerne Bayer und Schering, Hoechst (heute Sanofi), Boehringer Ingelheim oder Gödecke (heute Pfizer). Insgesamt gab es mindestens 165 Studien zu vielen verschiedenen Wirkstoffen, allerdings erhebt die Liste keinen Anspruch auf Vollständigkeit. An den Studien nahmen in der Regel hundert oder mehr Probanden teil, insgesamt also mehrere tausend DDR-Bürger.

Wie erging es den an den Studien beteiligten Patienten?

Laut Recherchen eines Fernsehteams des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) wurde zumindest ein Teil der Probanden nicht über die Medikamentenstudien informiert. Der damals 60-jährige Gerhard Lehrer etwa kam 1989 mit einem Herzinfarkt auf die Intensivstation eines DDR-Krankenhauses in Dresden. Ein Oberarzt verschrieb ihm Tabletten und erklärte, die Medikamente seien etwas ganz Besonderes, es gebe sie nur bei ihm und nicht in der Apotheke. So erinnert sich seine Ehefrau Annelise. Als Gerhard Lehrer die Kapseln einnimmt, verschlechtert sich sein Zustand immer weiter. Knapp zwei Jahre später verstirbt er an seiner Herzkrankheit. „Er wurde das Gefühl nicht los, dass der Grund für die Verschlechterung die Tabletten waren“, sagt Annelise Lehrer. Sie bewahrte einige Pillen auf. Diese unterzogen MDR-Journalisten später einem Labortest, bei dem sie sich als Placebos aus einer Studie entpuppten, die der Frankfurter Pharmakonzern Hoechst in Auftrag gegeben hatte. Ohne sein Wissen hatte der herzkranke Lehrer also statt Medikamenten ein wirkungsloses Scheinpräparat bekommen.

Ähnlich ist der Fall des ebenfalls herzkranken Hubert Bruchmüller. An ihm wurde in einem Magdeburger Krankenhaus das Medikament Spirapril des Schweizer Pharmakonzerns Sandoz (heute Novartis) getestet – ohne dass Bruchmüller davon wusste. Laut MDR-Recherchen starben während der Spirapril-Studie in dem Magdeburger Krankenhaus sechs von 17 getesteten Patienten, bis die Ärzte gestoppt wurden. Der Tagesspiegel hat weitere Unterlagen zu den Pharmastudien der westlichen Konzerne eingesehen. Immer wieder sind Todesfälle vermerkt oder Verschlechterungen des Zustands der Patienten. Einige weigerten sich nach einigen Wochen, die Medikamente weiter einzunehmen.

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