Widerstandsguru : Der Serbe Srdja Popovic betreibt Revolution als Business

Im Jahr 2000 war er maßgeblich am Sturz Slobodan Milosevics beteiligt, auch die orangene Revolution in der Ukraine trägt seine Handschrift. Jetzt schult Srdja Popovic friedliche Revolutionäre in Nordafrika.

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Exportschlager: Das Symbol der Revolution in Serbien (hier auf Archivbildern) ist auch in Nordafrika zu sehen.
Exportschlager: Das Symbol der Revolution in Serbien (hier auf Archivbildern) ist auch in Nordafrika zu sehen.Foto: REUTERS

Eine Revolution ist letztlich nichts anderes als eine Werbekampagne. Das sagt Srdja Popovic, der auf dem besten Weg ist, eine Art Guru der friedlichen Revolutionen des 21. Jahrhundert zu werden. Das von ihm mitverfasste Buch „50 entscheidende Punkte für den gewaltlosen Kampf“ wird derzeit vor allem in der arabischen Welt verschlungen. „Protest funktioniert wie ein ganz normales Business: Wenn du länger als zehn Minuten brauchst, um dein Gegenüber von deinem Produkt zu überzeugen, dann wirst du nichts verkaufen“, sagt Popovic.

Der hagere, etwas blasse, aber hellwache frühere Biologiestudent war Mitbegründer der serbischen Protestbewegung Otpor (Widerstand), die im Oktober 2000 Slobodan Milosevic zu Fall brachte. Die Erfahrungen der Serben hat Popovic seither an Aktivsten aus aller Welt weitergegeben. Nicht nur die friedlichen Revolutionen in der Ukraine und Georgien tragen die Handschrift Otpors: Mohamed Adel, einer der Köpfe der Proteste in Ägypten, bekam im Juli 2010 in Belgrad einen Crashkurs in gewaltlosem Widerstand. Und auch Exiltunesier trafen sich mit Popovic. „Wir haben zehn Jahre gebraucht, um Milosevic loszuwerden, die Tunesier waren nach anderthalb Monaten erfolgreich, die Ägypter nach nur 19 Tagen. Das war ein gewaltloser Blitzkrieg”, sagt Popovic aufgekratzt. Neue Kommunikationsmittel wie Facebook spielten aus seiner Sicht dabei zwar eine wichtige, nicht jedoch die entscheidende Rolle. „Ausschlaggebend waren die gute Planung, strikte Gewaltfreiheit und kreative Aktionen.“

Popovic redet schnell und ohne Pausen, der blaue Strohhalm zwischen seinen Fingern ist vom Dauerkneten völlig zerfranst. Seine E-Mails auf dem Laptop neben ihm hat der 37-Jährige stets im Blick. Nach dem Umsturz in Serbien ging er zunächst in die Politik. Als 2003 sein Mentor, der damalige serbische Premier Zoran Djindjic, ermordet wurde, zog er sich zurück und gründete das „Zentrum für angewandte gewaltfreie Aktionen und Strategien“ (Canvas). Sein Büro liegt auf der Rückseite einer barackenartigen Ladenzeile im Stadtteil Neu-Belgrad. Ein schlichter Raum, nicht einmal 40 Quadratmeter groß, mit hellen Buchenschränken, drei Schreibtischen und einem langgezogenen, von schwarzen Chefsesseln umgebenen Besprechungstisch. Hierarchien gibt es hier nicht, zumindest nicht offiziell.

Vor dem Canvas-Büro stehen sozialistische Wohntürme, so weit das Auge reicht. Wären da nicht die bunten Werbetafeln der kleinen Geschäfte in den neu entstandenen Geschäftspassagen, man könnte annehmen, die Zeit hier sei stehen geblieben. Kein Krieg, kein Staatszerfall, keine friedliche Revolution. Doch die gab es. In den 90er Jahren begannen Studenten, gegen das Regime von Slobodan Milosevic zu protestieren. 1998 gründeten einige ihrer Führer die Gruppe Otpor, die die autoritäre Staatsführung mit immer neuen Kampagnen unter Druck setzte und immer mehr Menschen mitriss. Die Demonstranten hielten den schwer bewaffneten Polizisten Spiegel vor, um ihnen zu zeigen, wie martialisch sie auftreten, oder sie drehten ihnen einfach den Rücken zu. Sie gingen aber auch auf die Sicherheitskräfte zu und diskutierten mit ihnen. Ihre Botschaft: Ihr seid nicht unsere Feinde.

Eines der Markenzeichen der Demonstranten damals: Widerstand darf Spaß machen. So richtete Otpor Geburtstagspartys für Milosevic aus – mit symbolischen Geschenken wie Sträflingskleidung oder Flugtickets zum Kriegsverbrechertribunal nach Den Haag. One-Way-Tickets, versteht sich. Auch Konzerte wurden organisiert, „denn damit konnten wir Leute mobilisieren, die eher unpolitisch waren oder sich aus Angst vor Repressalien noch nicht auf politische Kundgebungen trauten“, erzählt Popovic. Schritt für Schritt wurde so die Bewegung größer – und die Angst der Bürger vor Milosevic kleiner.

Doch Otpor erhielt auch Unterstützung von außen. Amerikanische Organisationen zahlten nicht nur Kampagnenmaterial wie den Aufkleber mit dem Slogan „Er ist fertig!“, der im Sommer 2000 in Serbien allgegenwärtig war. In Budapest erhielten Popovic und andere Otpor-Aktivisten selbst Schulungen – von einer Stiftung der US-Republikaner. Sie lernten, wie Martin Luther King aus dem Protest benachteiligter schwarzer Amerikaner eine breite Bürgerbewegung geformt hatte. Und sie bekamen das Buch „Die Politik der gewaltlosen Aktion“ des US-Politologen Gene Sharp in die Hände, das sie maßgeblich beeinflusste, wie Seminarteilnehmer später bekannten. Popovic dagegen spricht nicht gern über die Verbindungen nach Amerika. Er habe an einem einzigen Seminar teilgenommen und damals ein paar Bücher gelesen, wehrt er ab. Und fügt patzig hinzu: „Unsere Revolution war hundertprozentig serbisch.“

Das Handbuch, das Popovic 2006 mit drei Otpor-Mitstreitern veröffentlichte, ist allerdings ebenfalls unverkennbar amerikanisch geprägt. Im Literaturverzeichnis sind neben Klassikern wie Gandhi oder Max Weber ausschließlich US-Autoren aufgeführt. Der Inhalt ist eine Mischung aus „wie führe ich ein Unternehmen“, „wie organisiere ich einen Wahlkampf“ und „wie stürze ich einen Diktator“. Es geht um Zeitmanagement, Mitgliederwerbung, Fundraising, aber auch darum, wie man Machtstrukturen analysiert und plant, sie auszuhebeln. „Jeder Diktator wird von mehreren Säulen getragen, an denen muss man sägen“, erklärt Popovic. In Serbien sei die Polizei eine wichtige Stütze des Regimes gewesen, in Ägypten das Militär. „In Kairo haben die Leute ihre Kinder auf die Panzer der Armee gesetzt und sie fotografiert. Glauben Sie, das war ein Zufall? Nein, es war Teil der Strategie.“ Einer Strategie wie aus dem Otpor-Lehrbuch. Wären die ägyptischen Soldaten gegen Familien mit Kindern vorgegangen, hätten sie ihrem Ansehen massiv geschadet. Es blieb ihnen also nichts anderes übrig, als die Demonstranten gewähren zu lassen – um den Preis, hilflos zu wirken.

„Klug war auch, wie die Reformer Mubaraks Argumentationslinie durchkreuzt haben.“ Nach ihm komme das Chaos, habe der Staatschef immer wieder behauptet. „Er ließ sogar die Gefängnisse öffnen, um den Menschen Angst zu machen.“ Doch die Aktivisten seien vorbereitet gewesen, stellten Bürgerwehren auf, die gemeinsam mit der Armee für Sicherheit sorgten. „Das zeigt, dass die Revolution von langer Hand geplant war, denn so etwas lässt sich nicht ad hoc organisieren“, so Popovic weiter. Der Auslöser für den Aufstand sei dann aber die Revolte in Tunesien gewesen. „Erstmals hatte jemand bewiesen, dass der Umsturz möglich ist. Das hat alle in der Region inspiriert.“

Die Ereignisse in Libyen werden die Bewegung insgesamt nicht aufhalten, ist Popovic überzeugt. Deshalb bleibt seine Expertise gefragt. Auf der Tafel hinter seinem Schreibtisch sind Termine der kommenden Monate aufgelistet. Einladungen internationaler Organisationen zu Treffen mit Aktivisten aus Afrika und anderen Ländern der Dritten Welt sind darunter, ein Besuch in Tunesien und eine Vortragsreise in die USA. Im Internet ist das Interesse am Know-how aus Serbien ebenfalls groß. Das Handbuch für den gewaltlosen Widerstand gibt es dort seit kurzem auch in einer persischen Version. Sie ist bereits 17 000-mal heruntergeladen worden.

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