Wie stark ist Russland? : Wladimir Putin: Ohne Rücksicht auf Verluste

Wladimir Putin verlagert die Auseinandersetzung mit dem Westen auf das einzige Feld, auf dem er ihm überlegen ist. Ein Essay.

von
Der russische Präsident Wladimir Putin.
Der russische Präsident Wladimir Putin.Foto: dpa

David forderte Goliath heraus – und siegte. Wladimir Putin sieht heute wie ein Sieger in der Ukraine aus, die Regierung in Kiew und damit auch der Westen, der sie unterstützt, wie Verlierer. Dabei ist durchaus zweifelhaft, ob Russland eine überlegene Waffe hat wie David die Schleuder. Auf den ersten Blick ist es dem Westen in den Bereichen, aus denen man gemeinhin Stärke ableitet, unterlegen: in der Wirtschaft, im Militär, bei der Anziehungskraft des Gesellschaftsmodells. Warum scheut Putin den Konflikt nicht?

Russlands Anteil an der Weltwirtschaft liegt bei rund drei Prozent. Europas und Amerikas Volkswirtschaften sind zusammen genommen 15 Mal so stark. Chinas Ökonomie ist sechs Mal so groß wie die russische, weshalb es Putin in seiner Isolierung einen Gasliefervertrag aufzwingen konnte, bei dem China gewinnt und Russland verliert.

Politisch hat Putin wenig anzubieten

Militärisch ist Russland auf dem Papier nicht ebenbürtig, abgesehen von den Atomwaffen, die allein der Abschreckung dienen und die keine Seite einsetzen möchte. Die Nato-Staaten geben mehr als zehn Mal so viel für Verteidigung aus wie Moskau. Probleme mit der Einsatzfähigkeit der konventionellen Waffensysteme haben auch die Bundeswehr und andere Nato-Streitkräfte, aber in Russland ist die Ausfallquote höher. Im jährlichen Bericht zur Rüstungsbalance vermerkt das Londoner International Institute for Strategic Studies (IISS) in dieser Woche, in der russischen Armee seien 65 Prozent des Geräts nicht einsatzfähig, bei Luftwaffe und Marine 55 Prozent.

Politisch hat Putin wenig anzubieten. Für die Nachbarn ist das russische Modell nicht attraktiv. Wer kann, versucht sich nach Westen zu orientieren, wie Moldawien, Georgien und die Ukraine. Alle drei haben das mit einer russisch gelenkten Besetzung eines Teils ihres Staatsgebiets bezahlt. Russland fehlt die Soft Power, um Nachbarn zu freiwilliger Kooperation zu bewegen. So greift es zu Hard Power, um Unterwerfung zu erzwingen.

Wie kann Putin angesichts der generellen Überlegenheit des Westens glauben, dass er sich auf Dauer behauptet und kein böses Ende auf ihn wartet? Müsste er die Konfrontation nicht scheuen, weil Russlands Ressourcen für ein umfassendes Kräftemessen nicht ausreichen?

Die Antworten, die der Russland-Beauftragte der Bundesregierung, Gernot Erler (SPD), sowie die Russlandexperten der in Berlin beheimateten Think Tanks – Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) und Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) – geben, lauten im Kern: Putin verlagert die Auseinandersetzung auf ein Feld, in dem er überlegen ist und die Eskalationsdominanz hat: den militärischen Konflikt allein mit der Ukraine. Der Westen will sich dort nicht militärisch entgegenstellen. So hat Putin die Handlungshoheit, der Westen reagiert. Diese Entwicklung ist jedoch nicht Folge russischer Stärke, sondern russischer Schwäche.

Zuvor hatte Putin das friedliche Ringen um die Ukraine mit der Flucht des früheren Präsidenten Janukowitsch aus Kiew im Februar 2014 verloren. Mittelfristig riskiert Putin den wirtschaftlichen Ruin seines Landes. Dieser absehbare Schaden spielt bei den politischen Entscheidungen jedoch keine Rolle. Die Demonstration, dass Russland als Weltmacht agieren kann, obwohl es die nicht mehr ist, hat für Putin und sein Volk höheren Wert. Der Konflikt mit dem Westen – scheinbar auf Augenhöhe – verschafft Putin Legitimation. Dies lenkt von den Folgen der Wirtschaftskrise ab. Sobald deren Folgen spürbar werden, gerät er unter innenpolitischen Druck.

Seite 1 von 2Artikel auf einer Seite lesen

134 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben