Wikileaks-Enthüllungen : China über Nordkorea: "Wie ein verzogenes Kind"

Die Wikileaks-Dokumente über die chinesische Haltung zu Nordkorea drohen das Verhältnis zwischen China und den USA zu trüben. Auch die Bemühungen um eine Lösung im aktuellen Korea-Konflikt könnten erschwert werden.

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Kim Jong Un, der Sohn des verstorbenen nordkoreanischen Diktators Kim Jong Il, ist zum neuen Führer des Landes ernannt worden.Weitere Bilder anzeigen
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28.12.2011 16:01Kim Jong Un, der Sohn des verstorbenen nordkoreanischen Diktators Kim Jong Il, ist zum neuen Führer des Landes ernannt worden.

Seit langem gilt China als letzter Verbündeter des kommunistischen Regimes in Nordkorea. Egal mit welcher neuen Provokation Nordkorea die internationale Gemeinschaft und den südkoreanischen Nachbarn schockt – die chinesische Führung unterlässt jegliche öffentliche Kritik an Pjöngjang. Auch nach dem nordkoreanischen Artilleriebeschuss der südkoreanischen Insel Yeonpyeong vor rund einer Woche, bei dem vier Menschen ums Leben kamen, wartete man vergebens auf eine Verurteilung des Angriffs durch Peking. Doch mag man den neuesten Enthüllungen der Internet-Plattform Wikileaks glauben schenken, dann ist die historische Freundschaft beider Staaten nur noch oberflächlich intakt. China, das sich mehrfach für Frieden und Stabilität in Ostasien eingesetzt hat, scheint zunehmend von den unberechenbaren Provokationen Nordkoreas frustriert.

In den nun von Wikileaks enthüllten Depeschen amerikanischer Diplomaten wird der chinesische Vizeaußenminister He Yafei mit den Worten zitiert, Nordkorea wolle direkte Gespräche mit den USA und benehme sich wie ein "verzogenes Kind", um die Aufmerksamkeit des "Erwachsenen zu bekommen". He Yafei habe die Äußerungen nach Nordkoreas Raketentest im April 2009 getätigt. Und Pjöngjang sorgte weiter für Aufregung. Der Konflikt um den Untergang des südkoreanischen Kriegsschiffs "Cheonan" im März dieses Jahres, das laut internationalen Ermittlern durch einen nordkoreanischen Torpedo versenkt wurde, oder eben der neueste Konflikt nach dem Angriff auf eine südkoreanische Insel – all das dürfte die Meinung chinesischer Diplomaten über den Verbündeten Nordkorea nicht verbessert haben.

Nordkoreas Konflikt mit dem Süden
Knapp eine Woche nach dem nordkoreanischen Granatangriff auf südkoreanisches Gebiet beginnt der Süden am 28. November 2010 ein Manöver mit den USA im Gelben Meer nahe der Grenze zu Nordkorea.Weitere Bilder anzeigen
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19.12.2011 07:08Knapp eine Woche nach dem nordkoreanischen Granatangriff auf südkoreanisches Gebiet beginnt der Süden am 28. November 2010 ein...

Auch ohne die neuen Wikileaks-Dokumente lässt sich erahnen, wie wenig China die Provokationen Pjöngjangs gefallen dürften. Seit Monaten hatte sich Peking um eine Wiederaufnahme der "Sechs-Parteien-Gespräche" zum nordkoreanischen Atomprogramm bemüht. Doch nun wollen sich Unterhändler der beiden Koreas, der USA, Chinas, Japans und Russlands voraussichtlich noch nicht einmal zu einem Krisengespräch in multilateraler Runde zusammenfinden. Am Sonntag hatte der chinesische Sondergesandte für die koreanische Halbinsel Wu Dawei ein Krisengespräch in Peking vorgeschlagen. Doch nun droht China eine diplomatische Schlappe. Auf der anderen Seite wird sich der gescholtene nordkoreanische Führer Kim Jong Il so seine Gedanken machen, inwieweit er seinem alten Verbündeten China noch trauen kann. Die enthüllten Dokumente amerikanischer Diplomaten über Chinas Haltung zu Nordkorea dürften aber auch das Verhältnis Washingtons und Pekings trüben. Vertrauensverluste auf allen Seiten - somit dürften die internationalen Bemühungen um eine diplomatische Lösung im aktuellen Konflikt insgesamt erschwert werden.

War eine gewisse Unzufriedenheit Chinas über Nordkorea schon vor den Wikileaks-Enthüllungen zu erkennen, so geben weitere Dokumente überraschendere Einblicke. Eine kleine Sensation wäre es, sollte China tatsächlich bereit sein, ein wiedervereinigtes Korea unter Südkoreas Kontrolle zu akzeptieren. So liest es sich zumindest aus südkoreanischen Quellen, die Wikileaks veröffentlichte. Nordkorea habe als "Pufferstaat" nur noch wenig Wert für China, zitierte im Januar dieses Jahres der damalige südkoreanische Vizeaußenminister und heutige Sicherheitsberater Chun Yung Woo chinesische Offizielle. Im Falle einer Wiedervereinigung würde China allerdings amerikanische Truppen auf heutigem nordkoreanischem Gebiet eindeutig "nicht willkommen" heißen, so Chun. Wie aussagekräftig diese Passage wirklich ist, kann nur schwer eingeschätzt werden, sind es doch keine direkten Äußerungen von chinesischer Seite. Es bleibt viel Raum für Spekulationen. Doch zumindest eröffnen die neusten Wikileaks-Enthüllungen eine Gedankenwelt, in der auch China eines Tages einer Wiedervereinigung beider Koreas zustimmen könnte. Interpretationen, dass China mit aller Macht an Nordkorea festhalte, um die derzeit in Südkorea stationierten knapp 30.000 US-Soldaten auf Distanz zuhalten, könnten demnach bald überholt sein.

Noch am Dienstag lehnte China eine Stellungnahme zu den von Wikileaks veröffentlichten Dokumenten amerikanischer Diplomaten ab. "Wir hoffen, dass die USA angemessen damit umgehen", sagte der Sprecher des Außenministeriums Hong Lei auf einer Pressekonferenz in Peking. Auf Fragen, ob die Dokumente für Probleme in den Beziehungen zwischen Washington und Peking sorgen könnten, sagte der Sprecher: "Wir hoffen, dass nichts die Beziehungen zwischen China und den USA stört." (mit dpa)

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