Politik : Wir und der Krieg

ROBERT BIRNBAUM

Jeden Tag berichten wir über den Krieg.Doch nicht jeden Tag wissen wir, ob das, was wir berichten, auch der Wahrheit entspricht.In Belgrad herrscht Zensur, und von der NATO fühlt sich selbst der deutsche Verteidigungsminister nicht immer ausreichend informiert.In der Redaktion des Tagesspiegels gibt es fast täglich heftige Diskussionen darüber, welcher Text und welches Bild noch zu verantworten ist.Diese Rubrik gibt Einblicke in Widersprüche und Zweifel von Journalisten in den Zeiten des Krieges.



Kurz nachdem es vorbei war, von 1945 bis 1948, haben Dolf Sternberger und andere das "Wörterbuch des Unmenschen" geschrieben.Meine Ausgabe von 1957 verzeichnet 28 Artikel von "Anliegen" bis "Zeitgeschehen"."Es soll uns diese Sprache fremd machen", hat Sternberger im Vorwort den Zweck des dünnen Bändchens beschrieben.Mir wird meine Sprache von Tag zu Tag fremder.

Seit Jahren rufe ich morgens in Bonn diesen oder jenen guten alten Informanten an, oft ohne Anlaß, einfach nur mal so hören, ob was los ist: "Na, wie ist die Gefechtslage?" Um Himmels willen, geht nicht mehr, kann man nicht mehr sagen! Aber wie viele Metaphern des Politischen stammen aus dem Jargon des Krieges! "Wie ist die Lage" wäre genauso wenig zivil."Lage" stammt vom Militär, meint Lagevortrag im Hauptquartier; so hat schon der Alte Fritz geredet und Gaius Julius Caesar vermutlich auch.Das geht so weiter: Wahlkampf, den politischen Gegner (Gegner!) bezwingen, eine Niederlage bereiten, Fronten aufbauen, Verbündete gewinnen.

"CDU-Chef Wolfgang Schäuble hat die Bundesregierung heftig angegriffen" - wie oft habe ich Standardformeln der Nachrichtensprache geschrieben? Das Bild ist ja nicht falsch, Politik ist die gezähmte Form des Krieges: Früher haben sie mit Keulen und Schwertern aufeinander eingedroschen, wenn sie sich nicht einigen konnten, heute versucht es die zivilisierte Welt mit Wahlen, Abstimmungen, Verhandlungen und Geschäftsordnungstricks.Aber im Kosovo wird jetzt ganz real angegriffen, gibt es Fronten, wird gestorben."Die Fischer-Initiative ist politisch tot." Meine Sprache wird mir von Tag zu Tag unheimlicher.

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