Update

Wulffs einsamer Zapfenstreich : Wirbel um die Geste der "alten Vier"

Dass mehrere Alt-Bundespräsidenten dem Zapfenstreich für ihren Nachfolger fernbleiben, deuten viele als symbolischen Protest gegen Christian Wulff. So ungewöhnlich ist das aber nicht, wie ein Blick in die Vergangenheit zeigt.

Marc Kalpidis
Der Große Zapfenstreich für scheidende Bundespräsidenten hat in Deutschland Tradition.
Der Große Zapfenstreich für scheidende Bundespräsidenten hat in Deutschland Tradition.Foto: dpa

Die Ankündigung aller vier lebenden Alt-Bundespräsidenten, dem Großen Zapfenstreich ihres ausgeschiedenen Nachfolgers Christian Wulff am Donnerstagabend fernzubleiben, ist möglicherweise weniger bedeutungsschwanger als angenommen. Wie ein Sprecher des Bundespräsidialamts dem Tagesspiegel am Dienstag sagte, blieben Walter Scheel und Roman Herzog auch schon der militärischen Abschiedszeremonie für Wulffs Vorgänger Horst Köhler fern. Dessen Büro wiederum erklärte auf Anfrage von "Focus Online", dass Köhler zum fraglichen Zeitpunkt auf Auslandsreise sei. Allein die Büroleiterin des 91 Jahre alten Richard von Weizsäcker, der bei Köhlers Verabschiedung noch dabei war, machte demnach keine Angaben zum Grund seiner diesjährigen Abwesenheit.

Roman Herzog ließ dem Bericht zufolge wissen, dass er am 8. März als Sprecher bei einer Veranstaltung mittelständischer Wirtschaftsverbände im Raum Düsseldorf auftritt - und dies schon vor einem halben Jahr fest zugesagt habe. Wenn er sich namentlich verpflichte, vor mehreren Hundert Mittelständlern zu sprechen, könne er sich eben nicht spontan nach Berlin verabschieden, sagte Herzogs Sprecherin "Focus Online". Höchstens eine Erkrankung sei für ihn Grund zur Absage.

Diese Titel werden bei Wulffs Zapfenstreich gespielt
Zum Auftakt des Großen Zapfenstreichs für Ex-Bundespräsident Christian Wulff spielt das Stabsmusikkorps der Bundeswehr einen Klassiker: Den "Alexandermarsch" von Alexander Leonhardt.Weitere Bilder anzeigen
1 von 19Foto: dpa
06.03.2012 16:03Zum Auftakt des Großen Zapfenstreichs für Ex-Bundespräsident Christian Wulff spielt das Stabsmusikkorps der Bundeswehr einen...

Walter Scheel, mit 92 Jahren der älteste der vier früheren Bundespräsidenten, hat dem Bericht zufolge zwar keinen eigenen Termin. Er werde dem Zapfenstreich im Schloss Bellevue aber "auch aus Altersgründen" fernbleiben, wird eine Büromitarbeiterin zitiert. Das Wort "auch" lässt freilich Interpretationsspielraum, den einige Wulff nun nachteilig auslegen. Allerdings war Scheel zuletzt beim Großen Zapfenstreich für Johannes Rau im Jahr 2004 dabei, damals zusammen mit Weizsäcker. Bei Köhlers Abschied wiederum war Weizsäcker dann schon alleine.

Andere lassen an ihrer Haltung zur Causa Wulff keine Zweifel. "Ich halte den Großen Zapfenstreich für Herrn Wulff für unangemessen", sagte etwa der Sprecher des konservativen Seeheimer Kreises der SPD, Johannes Kahrs, zu "Handelsblatt Online". Die Amtsführung des Ex-Staatsoberhaupts und die Begleitumstände seines Rücktritts seien "peinlich und unwürdig" gewesen, das traditionelle Bundeswehr-Zeremoniell mithin unangebracht.

Die CDU-Politikerin und frühere DDR-Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld sagte "Handelsblatt Online", da Wulff als früherer Ministerpräsident nachweislich gegen die Antikorruptionsrichtlinie des Landes Niedersachsen verstoßen habe, stehe ihm weder ein Ehrensold noch eine Amtsausstattung zu. Der Zapfenstreich als höchste Form militärischer Ehrerweisung brüskiere all jene, die redlich und gesetzestreu ihre Arbeit machten.

Die SPD-Führung will sich Forderungen aus den eigenen Reihen nach einer Absage der Zeremonie indes nicht anschließen. "Sollte es da grundsätzliche Bedenken geben, dann hätte man die rechtzeitig anmelden müssen", sagte Generalsekretärin Andrea Nahles. "Jetzt ist das alles geplant und sollte aus meiner Sicht auch durchgeführt werden." Allerdings sei ihr auch "niemand bekannt, der aus der SPD-Führung daran teilnimmt".

Anders sieht das in den Reihen der Koalition aus: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wird am Donnerstag ebenso zugegen sein wie Vizekanzler Philipp Rösler (FDP) und Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU). Einige Kabinettsmitglieder wie Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) oder Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) haben dagegen aus Termingründen abgesagt, wie eine Umfrage der Nachrichtenagentur dapd ergab.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

58 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben